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Zeitschrift für Erziehungswissenschaft

, Volume 5, Issue 2, pp 241–260 | Cite as

Mehr Markt oder mehr Staat oder beides in der Weiterbildung?

Eine rechtsökonomische Analyse
  • Bernhard Nagel
Schwerpunkt: Ökonomisierung der Bildung
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Zusammenfassung

Wenn man fragt, ob der Staat neben oder anstelle der institutionellen Weiterbildungsförderung eine „Subjektförderung“ der Teilnehmer einführen sollte, muss man die Defizite der bisherigen Weiterbildung analysieren. Marktversagen kann argumentativ zur Rechtfertigung von mehr Staatseingriff, auch von mehr institutioneller Förderung, genutzt werden, Staatsversagen zu „mehr Markt“. Einerseits erscheint es richtig, der Unterfinanzierung der Weiterbildung dadurch entgegenzuwirken, dass durch Gesetz Fonds geschaffen werden, in die jedes Unternehmen nach einem bestimmten Schlüssel einzahlt und aus dem es seine Weiterbildungsmaßnahmen finanzieren kann. Diese Fonds können durch Tarifverträge aufgestockt werden. Andererseits sollte für jeden Bürger ein Weiterbildungskonto eingerichtet werden, über das er staatliche Kredite für Weiterbildungsmaßnahmen in Anspruch nehmen kann und im Erfolgsfall zurückzahlt. Durch die Entscheidung über die Verwendung dieser Kredite werden Märkte im Weiterbildungsbereich geschaffen, durch deren Wirken die Effizienz der bestehenden Weiterbildungseinrichtungen und-angebote erhöht werden kann. Kreditkonten sind Gutscheinsystemen u.a. deshalb vorzuziehen, weil sie nicht übertragbar sind und keine Zuzahlungen erfordern. Die Sokkelfinanzierung von Einrichtungen der allgemeinen Weiterbildung sollte nicht abgebaut, sondern aufgestockt werden, um die erforderliche Planungssicherheit und Verlässlichkeit der Einrichtungen zu sichern.

Summary

More market, more State Intervention or both for Continuing Education? — A legal-economic analysis

To answer the question on whether the state should introduce learner-orientated initiatives of encouragement and support for continuing education besides or in place of institutional encouragement and support, it is important to analyse the deficiencies of current practice. It might be argued that market failure justifies more state intervention, even in the form of encouragement and support for institutions offering continuing education programmes, ie. state intervention for “more market”. On the one hand, initiatives appear justified, which reduce underfunding through a new funding pool into which each enterprise pays and from which it can fund its continuing education programmes. These funds could be increased through tariff-agreements. On the other hand, learning accounts for continuing education could be established for every citizen of a country, with which he or she could receive state-sponsored credit for participation in courses and postpone payment until successful completion of the course. This mechanism generates a market based on the learner’s decision to utilise this credit and in turn, it encourages improvement in the efficiency of the institutions offering continued education. Credit systems are preferable to voucher-based systems, because, amongst other things, they are not transferable and do not expect the participants to provide supplementary funding. Core funds for institutions offering continuing education should, however, not be reduced but increased to enable planning security for the institution and reliability of provision.

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Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften/Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  1. 1.Fachbereich Berufsbildungs-, Sozial-und RechtswissenschaftenUniversität KasselGermany

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