Die Publizistik ändert vom Jahrgang 2010 an den Umgang mit Buchbesprechungen. Um den Stellenwert einer Rezension zu erhöhen, werden die Bücher künftig ähnlich wie Aufsatzmanuskripte ein Selektionsverfahren durchlaufen. Dieses Verfahren beginnt bei den Autorinnen und Autoren selbst: Wer darauf Wert legt, dass seine Arbeiten in dieser Zeitschrift registriert werden, sollte dies der Rezensionsredaktion mitteilen. In jedem Heft wird eine Liste mit Neuerscheinungen veröffentlicht. Welche Bücher dann besprochen werden, wird in einem Prozess bestimmt, an dem neben der Rezensionsredaktion und den Herausgebern im Einzelfall auch Peers aus den verschiedenen Forschungsfeldern beteiligt sind. Die Auswahl der Rezensenten orientiert sich an den Kriterien Expertise und Unabhängigkeit (keine Nähe zu den Autoren). Wie immer das Urteil der Kollegin oder des Kollegen ausfällt, verspricht eine Kritik in der Publizistik damit wissenschaftliche Reputation: Das Buch wurde einer Rezension für wert befunden, weil es für die Fachvertreterinnen und -vertreter und die Studierenden einen besonderen inhaltlichen oder methodischen Nutzen verspricht, weil es ein wichtiges Thema behandelt, das über Teildisziplinen und Subfelder hinausweist, oder weil es besonders originell ist.
Bei Stellenbesetzungen oder in Berufungsverfahren der Kommunikations- und Medienwissenschaft spielen Rezensionen von Büchern eines Kandidaten bisher so gut wie keine Rolle – zum einen natürlich, weil in einem Fach, das sich zusehends stärker an der Psychologie, ja sogar den Naturwissenschaften orientiert als an den Geisteswissenschaften, Fachzeitschriftenaufsätze mehr Anerkennung versprechen als Monografien oder Sammelbände, zum anderen aber auch, weil oft unklar ist, nach welchen Kriterien Bücher zur Rezension ausgewählt werden, und manchmal dabei ein Kartell-Verdacht im Raum steht. Walter J. Schütz, der die Publizistik 38 Jahre lang redaktionell betreut hat (von 1956 bis 1993), sagte in einem biografischen Interview zu seiner Rezensionspolitik nur einen einzigen Satz: „Das ist eher zufällig gelaufen.“ Eigentlich handelt es sich um drei Zufälle, oder zumindest Unwägbarkeiten: Die Redaktion muss erstens auf ein Buch aufmerksam werden, es zweitens auswählen und dann drittens hoffen, dass tatsächlich ein Text geschrieben wird. Für einen guten Rezensionsteil sind das drei Zufälle zu viel.
Horst Pöttker, von 2001 bis 2008 für die Buchbesprechungen in dieser Zeitschrift zuständig, hat „in eigener Sache“ neben Fairness und Aktualität ein zentrales Qualitätskriterium genannt: Die Rubrik müsse die „öffentliche wissenschaftliche Kommunikation unter prinzipiell Gleichen“ ermöglichen (Nr. 2/2005: 248–251). Das neue Verfahren erfüllt dieses Kriterium, wenn die Bücher genau wie die Rezensenten tatsächlich aus der Fachgemeinschaft kommen, für die die Publizistik neben Medien & Kommunikationswissenschaft ein Alleinstellungsmerkmal hat (und das nicht erst, seit das Abonnement im Mitgliedsbeitrag der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft enthalten ist). Zu den Besonderheiten einer autonomen Scientific Community gehört, dass die wissenschaftliche Reputation und damit der Spielraum des Einzelnen vom Urteil der Kolleginnen und Kollegen abhängen und hier vor allem vom Urteil der Peers. Natürlich lässt es niemanden kalt, wenn sein Buch in der überregionalen Tagespresse erwähnt wird. Auf die Position im wissenschaftlichen Feld aber hat dies keinen unmittelbaren Einfluss. Eine Rezension in der Publizistik soll künftig viel stärker als bisher eine Möglichkeit sein, wissenschaftliches Kapital zu sammeln und zu verteilen – auch weil nicht mehr jedes Buch von jedem besprochen wird und wichtige Bücher (hoffentlich) nicht mehr durch irgendeinen Zufall unerwähnt bleiben.
Mit dem neuen Verfahren wird zugleich der Anspruch aufgegeben, dass die besprochenen Werke den kommunikations- und medienwissenschaftlichen Buchmarkt allumfassend oder wenigstens repräsentativ abbilden. Es kann außerdem sein, dass weniger Rezensionen veröffentlicht werden als bisher (wenn es zum Beispiel nicht genügend Bücher gibt, die den Auswahlkriterien genügen). Der Verlust ist hier aber eher ein Gewinn. Erstens gibt es Verlagskataloge und andere Publikationen, die über thematisch einschlägige Neuerscheinungen in Nachbardisziplinen oder im Ausland informieren; zweitens bleibt auch in Zukunft jedem unbenommen, sein Buch in der Publizistik anzuzeigen und damit zu dokumentieren, dass ihm an der Fachgemeinschaft gelegen ist, für die diese Zeitschrift steht; und drittens muss Vollständigkeit immer ein frommer Wunsch bleiben. 2008 hat die Publizistik mehr als ein Drittel ihres Umfangs für Buchbesprechungen zur Verfügung gestellt (rund 220 von 643 Seiten) und trotzdem nicht jedes Buch erfasst. Bei der Redaktionsübergabe fanden sich in den Tabellen von Horst Pöttker und Tobias Eberwein 166 weiße Flecken – Bücher, die von der Publizistik an Wissenschaftler und Journalisten verschickt, aber nie besprochen worden waren.
Die Herausgeber haben das Konzept, das hier skizziert wurde, dem international besetzten Editorial Board der Publizistik vorgelegt. Lee B. Becker gab zwar an, dass er selbst prinzipiell nicht viel von Besprechungen halte, wünschte uns aber Glück und sprach von einem „ziemlich interessanten Prozess“. Ansonsten gab es nur Zuspruch. Lennart Weibull lobte den „Willen zur Qualität“, und Philip Schlesinger fasste sein Urteil in der Formel „admirable and ambitious“ zusammen: „It’s quite a challenge to upgrade the status of reviews.“ Die Herausforderung liegt dabei weniger bei den Herausgebern und bei der Rezensionsredaktion als bei den Mitgliedern der Fachgemeinschaft. Die Reform wird nur dann ein Erfolg, wenn Neuerscheinungen tatsächlich angezeigt werden und wenn die Peers tatsächlich bereit sind, Rezensionen zu übernehmen, und sich der gewachsenen Verantwortung in einem solchen Verfahren bewusst sind.