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Publizistik

, Volume 51, Issue 2, pp 153–167 | Cite as

Ein Experiment zur potentiellen Wirkung von Gegendarstellungen als Gegengewicht zu einer skandalisierenden Berichterstattung

  • Thomas Petersen
Aufsätze und Berichte
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Zusammenfassung

Der Beitrag beschreibt ein kontrolliertes Feldexperiment, mit dem der in der Forschung bisher wenig beachteten Frage nachgegangen wurde, inwieweit Gegendarstellungen die Meinungsbildung der Mediennutzer beeinflussen und einen durch die beanstandete vorangegangene Berichterstattung entstandenen Eindruck korrigieren können. Die Studie wurde im Januar 2004 durchgeführt. Ihr Anlass war die Affäre um den damaligen Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit Florian Gerster. Bei einer Repräsentativumfrage wurde die Gesamtstichprobe von insgesamt rund 2000 Befragten in vier in sich repräsentative Teilgruppen von je 500 Personen unterteilt. Einer Gruppe wurde ein Zeitungsartikel präsentiert, der Gerster scharf angriff, zwei Befragtengruppen erhielten unterschiedliche Varianten einer vorgeblich von Gerster verfassten Gegendarstellung zu diesem Artikel. Die vierte Gruppe diente als Kontrollgruppe. Nach der Vorlage der Texte wurden die Befragten nach ihrer Einstellung zu Gerster befragt. Die Ergebnisse des Experiments deuten darauf hin, dass die Wirkung einer Gegendarstellung in ihrer Stärke tatsächlich, wie in der juristischen Literatur angenommen, ungefähr dem Effekt eines einzelnen, gleich langen Zeitungsartikels entspricht. Sie ist jedoch nicht annähernd in der Lage, eine Rufschädigung, die durch eine umfangreiche flankierende Berichterstattung ausgelöst wird, auszugleichen. Detailanalysen zeigen darüber hinaus, dass die Gegendarstellung tendenziell nicht zur Beilegung der öffentlichen Auseinandersetzung beiträgt, sondern eher zur Polarisierung der Meinungslager und damit zur Verschärfung des Konflikts.

An experiment on the potential effect of rebuttals as a means to counter negative media reporting

Summary

The paper describes a controlled field experiment that was designed to investigate a question that has been little heeded by researchers thus far: i.e. the extent to which rebuttals influence the opinion formation process among media users and whether they are able to correct the impression imparted by the priormedia reporting they are intended to counter. The study was conducted in January, 2004. As its starting point, the study focused on the affair involving the president of the Federal Institute of Labor at the time, Florian Gerster. In a representative survey, the total sample of about 2,000 respondents was divided into four representative subgroups comprising 500 respondents each. One group was presented with a newspaper article strongly attacking Gerster, whereas the other two groups were shown different versions of a rebuttal that Gerster had allegedly written to the first article. The fourth group served as the control group. After presentation of the articles, respondents were asked about their opinion of Gerster. The findings of the experiment indicate that the effect of the rebuttal is, as is assumed in legal writings on the issue, about equal in strength to the effect of a single newspaper article of the same length. A rebuttal is not nearly able, however, to compensate for the damage to a person’s reputation that is caused by extensive and pervasive media reporting. Moreover, detailed analyses show that rebuttals generally do not tend to resolve the public controversy; instead, they are more likely to polarize the opinion camps and thus aggravate the conflict even further.

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Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften/Wiesbaden 2006

Authors and Affiliations

  • Thomas Petersen
    • 1
  1. 1.Institut für Demoskopie AllensbachAllensbachGermany

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