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Berliner Journal für Soziologie

, Volume 22, Issue 2, pp 159–162 | Cite as

Editorial

  • Andrea Maurer
  • Hans-Peter Müller
Editorial
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„Die Reichen und Schönen“ spiegeln die Sonnenseite des Lebens: Sie füllen Hochglanzmagazine und Seifenopern, sie bevölkern weltweit die berühmten Einkaufsstraßen und prägen als Sponsoren, Mäzene und Stifter die internationale Kultur- und Charity-Landschaft. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen nehmen die Zahl der Superreichen und ihre märchenhaften Vermögen zu, sind sie doch die Hauptprofiteure der teuren Staaten-, Währungs- und Bankenrettungsmaßnahmen. Ungeniert werden gesellschaftlicher und individueller Reichtum zur Schau gestellt – in der Krise vielleicht sogar noch etwas hektischer und schriller, um aus der Masse der Millionäre weltweit als die wirklich superreiche Klasse herauszustechen. Und der Distinktionsstress greift auf Wirtschaftsstandorte und Metropolen über, die um das flüchtige globale Kapital und die internationalen Touristenströme buhlen müssen.

Die öffentliche Wahrnehmung von Reichtum – Reichsein – Reichen changiert zwischen Idealisierung und Idolisierung („Reichsein als ultimatives Lebensziel“), Skandalisierung und moralischer Empörung („Die da oben bedienen sich immer ungenierter!“) und nüchternen statistischen Beschreibungen („Die Zahl der Millionäre nimmt gerade in China und Deutschland zu“). Die Debatten der antiken Moralphilosophie wie der modernen Sozialtheorie über das Verhältnis von Tugend und Reichtum scheinen in Vergessenheit geraten zu sein. Das olympische Motto „citius, altius, fortius“ wurde institutionalisiert, und die entfesselte Moderne berauscht sich am mondänen Glanz materiellen Reichtums. „Reichsein“ heißt heute, materiell hervorragend gestellt zu sein, und wird fast ausschließlich in monetären Größenordnungen gemessen. Es ist ähnlich wie im internationalen Fußball: Es gibt die Bundesliga der ordinären Millionäre und es gibt die Champions-League der Milliardäre. Die Potenz und Potenzialität des Reichtums messen sich an der nach oben offenen Richter-Skala des Reichseins. Daraus resultiert die Knappheit der Opulenz und das frustrierende Eingeständnis von Kontingenz: „Man kann nie reich genug sein“.

Obwohl die Reichtumsfrage vielschichtige Einblicke in die sozioökonomische Struktur wie auch die kulturellen Deutungsmuster von Gesellschaften eröffnet, hat die Soziologie das Thema bislang kaum, und wenn, dann nur auf verschlungenen Umwegen über die Ungleichheits- oder Sozialstrukturanalyse aufgegriffen. Zugegeben: Die Datenlage ist auch nach wie vor deplorabel – dafür sorgt die Diskretion des Reichtums und der Reichen. Da geht es der Soziologie nicht viel besser als der Politik: Man muss schon Steuer-CDs aus dem Ausland ankaufen, um herauszufinden, wie reich die reichen Deutschen wirklich sind. Dieses Versagen der Soziologie vor der Reichtumsfrage ist umso misslicher, als bereits die Klassiker des Faches das Geheimnis des Kapitalismus gelüftet hatten. Karl Marx hatte die Akkumulationsobsessivität des Kapitalismus frühzeitig erkannt nebst ihren Chancen – der grenzenlosen Reichtumsproduktion durch ungeheure Kapital- und Warenakkumulation – und ihren Risiken – der endemischen Krisenhaftigkeit des Kapitalismus. Georg Simmel hatte in der „Philosophie des Geldes“ das Streben nach unbegrenztem Reichtum als Charakteristikum des Kapitalismus ausgemacht und Max Weber die Ideen des Protestantismus nachgezeichnet, durch die erst das systematische Streben nach Reichtum legitimiert und in Form des Profitstrebens zum Motor des modernen rationalen Kapitalismus werden konnte. Soziologische Erklärungen für die Entstehung von Reichtum in einer Gesellschaft und insbesondere für die geradezu unverwüstliche Unzerstörbarkeit und Selbstreproduktionsfähigkeit von Reichtum in sozialen Gruppen schlossen sich daran aber ebenso wenig an wie eine Analyse der damit verbundenen gesellschaftlichen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster.

Die Ökonomie hingegen hat sich seit Adam Smith mit nichts mehr beschäftigt als mit den Grundlagen der materiellen Wohlfahrtsproduktion. Bekanntlich lösten sich das Wirtschaften und Haushalten im 17. Jahrhundert aus dem engen Korsett der ethisch-moralischen und religiösen Restriktionen. Seitdem wurden sowohl das individuelle als auch das gesellschaftliche Interesse an einer effizienten Nutzung der nunmehr als knapp gehandelten materiellen Ressourcen zum unhinterfragten Leitkriterium der ökonomischen Entwicklung und Forschung. Das ermöglichte es den Wirtschaftswissenschaften im 20. und 21. Jahrhundert, ganz selbstverständlich ihre Analysen auf die Reichtumsproduktion – ausgedrückt im Bruttosozialprodukt – einer Nationalökonomie bzw. von Staatenverbünden zu konzentrieren. Die Soziologie wiederum beschäftigte sich von Anfang an eher mit den Schattenseiten der modernen sozial entbetteten Wirtschaft und thematisierte vor allem die ungleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums.

Diese unbefriedigende Zurückhaltung und verengte Sichtweise der Soziologie waren Anlass für die Planung einer Tagung der Sektion Wirtschaftssoziologie im Mai 2011. Das Thema „Reichtum“ sollte aus seinem soziologischen Schattendasein geholt und zum Gegenstand einer eingehenden wirtschaftssoziologischen Betrachtung gemacht werden. Der Anspruch war zu klären, was in modernen Gesellschaften überhaupt unter Reichtum verstanden wird, was die soziale Basis der Reichtumsproduktion einer Gesellschaft ausmacht, um daran anschließend die sozialstrukturellen Folgen gesellschaftlicher Reichtumsproduktionen und -definitionen zu erschließen. Aspekte der gesellschaftlichen Reichtumskonstitution und -legitimation waren zumindest analytisch von den Verwendungsformen des Reichtums zu trennen. Sieben Leitfragen halfen, das Thema zu konturieren:
  1. 1.

    Welche Reichtumskonzepte finden sich in der klassischen und der modernen Soziologie und Ökonomie, und welche Bedeutung haben die Konzepte von Adam Smith, Karl Marx, Max Weber und Georg Simmel für heutige Untersuchungen von Reichtum?

     
  2. 2.

    Wie wird Reichtum gesellschaftlich definiert, welche soziologischen, ökonomischen und politökonomischen Reichtumskonzepte (Bruttoinlandsprodukt, Vermögenswerte, Glück, Beziehungs-, Kommunikations- und Kulturmöglichkeiten, „disposable time“ für die universale Entwicklung der Individuen) liegen vor und wie sind diese wirtschaftssoziologisch einzuschätzen?

     
  3. 3.

    Welche sozialen Regeln bestimmen den Umgang mit Reichtum (Entstehung, Legitimation, Verfügung, Weitergabe, Nutzung)?

     
  4. 4.

    Welche Mechanismen fördern und stützen die Reichtumsproduktion, -aneignung und

    -übertragung in modernen Gesellschaften (Eigentumsordnungen, institutionelle Anreizsysteme, Wirtschafts- und Sozialpolitiken, Stiftungen, Geschenke, Erbschaften, Urkunden usw.) und welche sozialen Effekte haben diese?

     
  5. 5.

    Welche Aufgaben nehmen professionelle Reichtumsverwalter wie Anwälte, Steuerberater, Nachlassverwalter, Wirtschaftsprüfer und Finanzberater bei der Reichtumsvermehrung und -konzentration wahr?

     
  6. 6.

    Welche reichtumsfördernden oder -begrenzenden Effekte haben bestimmte Marktstrukturen (Winner-Take-All-Märkte, Auktionen, Wettrennen), Organisationsformen (Unternehmensverfassungen, Klöster, Stiftungen usw.) und kulturelle Deutungsmuster (Religionen, Bilanzierungsrichtlinien, Glücks- und Gerechtigkeitsvorstellungen)?

     
  7. 7.

    Gibt es einen Zusammenhang zwischen reichtumsgenerierenden Institutionen und sozialen bzw. ökonomischen Krisen wie der derzeitigen Finanzmarktkrise?

     

Auf der Tagung „Reichtum: wirtschaftssoziologische Zugänge und Analysen“ in Tutzing am 12. und 13. Mai 2011 wurden verschiedene Beiträge vorgestellt, die kulturelle wie sozialstrukturelle Aspekte von Reichtum behandelten. Sie wurden von einem Werkstattgespräch gerahmt, das verschiedene theoretische Sichtweisen auf Reichtum bündelte (philosophische Begriffsgeschichte, gerechtigkeitstheoretische Sicht, wirtschaftssoziologisches Verständnis). Von diesen Vorträgen werden im vorliegenden Heft drei der empirisch orientierten Beiträge dokumentiert. Andere Beiträge der Tagung haben ihren Weg in die Öffentlichkeit inzwischen auf anderen Wegen gefunden, wieder andere sind in Projektanträge u. a. eingegangen. Es kann in diesem Heft also nur um die Präsentation eines vielschichtigen Forschungsprogramms einerseits, einiger Probebohrungen im Feld der empirischen Studien andererseits gehen, die jedoch das soziologische Nachdenken zu einem der wichtigsten Themenkomplexe wohlhabender Gesellschaften anregen soll.

In ihrem Aufsatz „Reich und zufrieden?“ weisen Marc Keuschnigg und Tobias Wolbring auf das empirisch beachtenswerte Phänomen hin, dass mehr materieller Wohlstand nur in engen Grenzen zu mehr Lebenszufriedenheit führt. Auf der Basis von SOEP-Daten und einer eigenen empirischen Erhebung in München zeigen sie, dass Einkommenszuwächse oberhalb einer Einkommensschwelle von 800 € die Lebenszufriedenheit kaum mehr steigern, wohingegen Einkommensverluste vor allem bei Besserverdienenden das Niveau der Lebenszufriedenheit sehr wohl mindern.

Aus einem international vergleichenden Forschungsprojekt zum Reichtum von Haushalten (Household Wealth Inequalities) referieren Nora Skopek, Kathrin Kolb, Sandra Buchholz und Hans-Peter Blossfeld Daten zum Zusammenhang von Einkommens- und Vermögensreichtum. Damit verbinden sie zugleich den Anspruch, Mechanismen der Vermögensakkumulation im internationalen Vergleich erkennbar werden zu lassen. Zu den zentralen empirischen Ergebnissen ihrer Studie gehört, dass in Haushalten mit großen Vermögen das Einkommen kaum mehr relevant für den Vermögensaufbau ist sowie Einkommensreiche nicht zwangsläufig Vermögensreiche sein müssen.

Vor allem für sozialpolitische Diskussionen sind diese Ergebnisse aufschlussreich. Der Aufsatz von Wolfgang Lauterbach und Miriam Ströing stellt empirische Ergebnisse aus der Studie „Vermögen in Deutschland“ vor und untersucht die Verwendung von Reichtum in Form eines gesellschaftlichen Engagements zu Lebzeiten oder über den Tod hinaus. Für drei Gruppen von Reichen – den Wohlhabenden, den überdurchschnittlich Vermögenden und den Superreichen – werden das zeitliche und das materielle Engagement und dessen Determinanten dargestellt. Neben der Vermögensausstattung sind demnach vor allem familiale Strukturen und religiös-ethische Vorstellungen die relevanten Faktoren für ein gesellschaftliches Engagement von Reichen.

Im offenen Teil des Heftes greift Jens Beckert das klassische Thema der Sittlichkeit in der Wirtschaft auf und fragt, welche theoretischen Ansätze für seine soziologisch kompetente Behandlung geeignet wären. Ausgehend von der Unterscheidung zwischen marktermöglichender, marktbegleitender und marktbegrenzender Sittlichkeit stellt er den Effizienzansatz der neoklassischen Ökonomie der Differenzierungstheorie in der Soziologie gegenüber, um zu zeigen, dass sie an einer spiegelbildlichen Blindheit scheitern: Die Ökonomie hat kein Sensorium für die sittliche Einbettung des Wirtschafts- und Markthandelns, die Soziologie gesteht der Wirtschaft eine geradezu „normfreie Sozialität“ als eigenständige Operationsweise zu. Beckert sieht in der von Pierre Bourdieu und Neil Fligstein weiter entwickelten Theorie der wirtschaftlichen Felder einen geeigneten Ansatz, um die soziale Dynamik und die Sittlichkeit wirtschaftlicher Prozesse zu erfassen.

Wie fruchtbar die Feldanalyse sein kann, demonstriert Jonathan Kropf in seiner Studie zum symbolischen Wert der Popmusik. Entgegen der amerikanischen These vom kulturellen Allesfresser, die schon vor geraumer Zeit von Richard Peterson u. a. entwickelt wurde und eine Auflösung kultureller Legitimitätshierarchien behauptet, kann er über die Analyse von Struktur und Genese des popmusikalischen Feldes zeigen, dass von einer Erosion dieser Hierarchien nicht die Rede sein kann. Allerdings hat der Wandel des musikalischen Geschmacks zu einem modifizierten Legitimitätskonsens in diesem Feld geführt.

Den Abschluss des Heftes bildet Michael Schetsches spannender Versuch, eine „Empirie der Kryptodoxie“ zu entwickeln. Unter Kryptodoxie muss man sich die „Schattenzonen der Wissensordnung“ vorstellen, also Wissen, das gegenüber orthodoxem und heterodoxem Wissen erfolgreich abgeschottet ist und dadurch im Verborgenen bleibt. Seine „programmatische Skizze zu einer Wissenssoziologie des Verborgenen“ verdeutlicht er an einer „Fallvignette“ zum Erfahrungswissen zu sexueller Gewalt an Kindern in pädagogischen Einrichtungen. Dieses hochaffektiv besetzte Thema, eines der letzten und mächtigsten Tabus im westlichen Sexualitätsdiskurs, hat gerade in letzter Zeit eine wissenschaftliche, politische und massenmediale Aufklärungsflut und -wut hervorgebracht. Schetsche entwickelt eine analytische Anleitung zur Untersuchung von Schattenwissen, so man es als wissenssoziologischer Sozialforscher überhaupt entdeckt.

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften 2012

Authors and Affiliations

  1. 1.MünchenDeutschland
  2. 2.BerlinDeutschland

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