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Die „Alternative für Deutschland“: eine Partei für Modernisierungsverlierer?

The “Alternative für Deutschland”: a party for losers of societal modernisation?

Zusammenfassung

Würden Personen, die zu den Verlierern der durch wirtschaftliche Globalisierung geprägten Modernisierung Deutschlands zählen, in der kommenden Bundestagswahl häufiger die Alternative für Deutschland (AfD) als andere Parteien wählen? Basierend auf Befunden der Arbeitsmarkt‑, Ungleichheits- und Wahlforschung sowie der AfD-Programmatik finde ich Argumente für und gegen diese „Modernisierungsverliererthese“. Diese These wird anschließend mit neuen Umfragedaten geprüft, die November 2016 unter 1031 in Deutschland wahlberechtigten Personen erhoben wurden. Dazu verwende ich den Indikator der Wahlabsicht („Sonntagsfrage“) und führe deskriptive Gruppenvergleiche und Logit-Regressionen mit Ausgabe von AME-Koeffizienten durch. Die für Modernisierungsverlierer typischen niedrigen Statuslagen (geringer Bildungsgrad, berufliche Tätigkeit als Arbeiter und geringes Einkommen) haben keine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit auf die Absicht, in der kommenden Bundestagswahl für die AfD zu stimmen. Gleiches gilt für Personen, die sich als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung betrachten. Die empirischen Befunde weisen tendenziell auf eine stärkere AfD-Wahlabsicht von Personen mit mittlerer und höherer Statuslage hin. Damit konnte kein Hinweis auf die Gültigkeit der Modernisierungsverliererthese gefunden werden. Ich komme zum Schluss, dass Wahlkampfstrategien anderer Parteien, die auf die materiellen Interessen der Modernisierungsverlierer ausgerichtet sind, wahrscheinlich nicht dazu führen werden, die Zahl der potenziellen Wähler der AfD in der bevorstehenden Bundestagswahl 2017 maßgeblich zu verringern.

Abstract

In the upcoming federal elections, will people who may be considered as the losers from Germany’s economic globalisation-influenced modernisation be more likely to vote for Alternative für Deutschland (AfD) than for other parties? Based on findings from the labour market, inequality and electoral research as well as the AfD’s own stated objectives, this article finds arguments both for and against this Modernisation Losers’ thesis. This conclusion will finally be checked with new survey data of November 2016 gathered from 1031 eligible German voters. I use the indicator of voting intention (opinion polls), and carry out descriptive group comparisons and Logit Regressions with the AME-Coefficient edition. Findings show that the typical low social status characteristics of losers of modernisation (low education status, vocational activity as a worker, and low income) do not indicate a significantly higher probability for the intention to vote for the AfD in the upcoming federal election in Germany. The same applies for people who consider themselves as losers of societal development. The empirical evidence points towards a tendency for people of a middle or upper class status to have a stronger intention to vote for the AfD. Therefore, no evidence could be found validating the Modernisation Losers’ thesis. I draw the conclusion that election strategies of other parties, that are based on the material interests of the losers of modernisation, are likely to not result in a substantial reduction in the number of potential voters for the AfD in the forthcoming 2017 federal election.

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Notes

  1. 1.

    Ich danke dem Südwestrundfunk (SWR), Redaktion Report Mainz, namentlich Herrn Achim Reinhardt, sowie dem Meinungsforschungsinstitut infratest dimap Berlin, besonders Herrn Dr. Roberto Heinrich, für die großzügige Überlassung der hier verwendeten Umfragedaten zum Zwecke der Sekundäranalyse.

  2. 2.

    Siehe Forschungsgruppe Wahlen, http://www.forschungsgruppe.de/Umfragen/Politbarometer/Archiv/Politbarometer_2017/Mai_2017/ (Zugegriffen: 26. Mai 2017). Allerdings ist der Trend seit November 2016 (13 %) klar rückläufig.

  3. 3.

    Zitiert nach: Die Welt online v. 28.02.2016, https://www.welt.de/politik/deutschland/article152723038/Eine-kleine-Gruppe-bringt-unser-Land-in-Verruf.html (Zugegriffen: 4. Januar 2017).

  4. 4.

    Live-Mitschnitt des Vortrags auf dem Landesparteitag in Niedersachsen, 09.04.2016 auf, abrufbar auf „youtube“, https://www.youtube.com/watch?v=luG4RjnkAJc (Zugegriffen 4. Januar 2017).

  5. 5.

    „Die SPD muss sich nicht verstecken“. Katharina Barley im Interview, in: Rheinische Post v. 03.05.2016, http://www.rp-online.de/politik/deutschland/katarina-barley-die- SPD-muss-sich-nicht-verstecken-aid-1.5954891 (Zugegriffen: 4. Januar 2017); „Wir müssen in die AfD-Hochburgen“. Malu Dreyer im Interview in: Der Tagesspiegel v. 27.11.2016, S. 3.

  6. 6.

    Zitiert nach: Spiegel-Online v. 18.11.2016, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/angela-merkel-CDU-wirbt-um-modernisierungsverlierer-a-1122067.html (Zugegriffen: 4. Januar 2017). Im endgültigen Antrag war der Passus jedoch nicht mehr enthalten.

  7. 7.

    Siehe zu einer solchen Begründung etwa die jüngst formulierte These des „cultural backlash“ von Ronald Inglehart und Pippa Norris (2016). Auf diese These komme ich weiter unten zurück.

  8. 8.

    Der Vorteil dieses Verfahrens ist, dass die Angaben von Personen mit Parteipräferenz als relativ valide einzuschätzen sind, weil es Kenntnisse der Parteienlandschaft voraussetzt. Dafür kann der Anteil an Personen, die zwar wählen würden, aber zum Zeitpunkt der Umfrage keine Parteipräferenz haben, höher ausfallen.

  9. 9.

    http://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/sonntagsfrage/ (Zugegriffen: 4. Januar 2017). Ich gehe davon aus, dass die Differenz zwischen den Werten auf ein Korrekturgewicht zurückgeht, mit dem Meinungsforschungsinstitute Ergebnisse von Wahlumfragen gewichten, um Effekte von sozialer Erwünschtheit auszugleichen, die bei bestimmten Parteien zur Unterschätzung des wahren Wertes führen. Für die hier analysierten Daten liegt mir kein solches Korrekturgewicht vor.

  10. 10.

    Der Datensatz enthält auch Informationen über Arbeitslose. In der Nettostichprobe sind 15 Arbeitslose, von denen 14 angaben, nicht für die AfD wählen zu wollen. Diese Zellenbesetzung ist zu klein, um in der multivariaten Analyse berücksichtigt zu werden. Daher wurden die Arbeitslosen von der Analyse ausgeschlossen.

  11. 11.

    Ergänzende Analysen mit SOEP-Daten zeigen, dass Arbeiter im Vergleich zu Angestellten ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko und ein durchschnittlich geringeres Einkommen haben (Berechnungen auf Anfrage erhältlich).

  12. 12.

    Logit- oder Probit-Koeffizienten und odds ratios sind in hierarchisch aufgebauten Modellen nicht über verschiedene Modelle hinweg vergleichbar. Dieses Problem wird durch die AME-Schätzung umgangen.

  13. 13.

    Der Anteil der Arbeiter an allen Erwerbstätigen (ohne Personen in Ausbildung) beträgt im infratest-Survey 2016 13 %. Zum Vergleich: das SOEP gibt für 2014 einen Arbeiteranteil von rund 15 % an (Welle V31, Variable IS8813).

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Tab. 4 Variablenbeschreibung
Tab. 5 Sozioökonomische Merkmale: Personen mit AfD-Wahlabsicht, mit anderer Wahlabsicht und Unentschiedene im Vergleich (relative Häufigkeiten – Spaltenprozente, Mittelwerte)

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Lengfeld, H. Die „Alternative für Deutschland“: eine Partei für Modernisierungsverlierer?. Köln Z Soziol 69, 209–232 (2017). https://doi.org/10.1007/s11577-017-0446-1

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Schlüsselwörter

  • Alternative für Deutschland (AfD)
  • Deprivation
  • Modernisierungsverlierer
  • Rechtspopulismus
  • Sozioökonomischer Status
  • Umfrageforschung

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  • Alternative für Deutschland (AfD)
  • Deprivation
  • Losers of modernisation
  • Right wing populism
  • Socioeconomic status
  • Survey research