Advertisement

Verbindliche und unverbindliche Grundschulempfehlungen und soziale Ungleichheiten am ersten Bildungsübergang

  • Jörg DollmannEmail author
Abhandlungen

Zusammenfassung

Während der Einfluss unterschiedlicher individueller und familiärer Merkmale auf soziale Disparitäten im Bildungserfolg in zahlreichen Studien untersucht wurde, ist die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen für den Bildungserfolg verschiedener sozialer Gruppen bislang nur vereinzelt betrachtet worden. An dieser Stelle setzt die vorliegende Studie an und geht der Frage nach der Bedeutung einer unterschiedlich ausgeprägten Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung auf soziale Unterschiede im Übergangsverhalten nach. Hierzu werden bislang einzigartige Daten herangezogen, die eine Variation dieser institutionellen Rahmenbedingung im Sinne eines natürlichen Experiments zulassen. Es werden zwei Übergangskohorten in Nordrhein-Westfalen betrachtet, die vor und nach der Änderung der Übergangsregelung im Jahr 2006 auf eine der nachfolgenden Schularten gewechselt sind. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass eine verbindliche Übergangsregelung den Einfluss der sozialen Herkunft auf das Entscheidungsverhalten nach der Grundschule reduzieren kann. Dieser Effekt zeigt sich insbesondere bei der Wahl zwischen der Realschule und dem Gymnasium.

Schlüsselwörter

Erster Bildungsübergang Grundschule Sekundäre Herkunftseffekte Soziale Ungleichheit Institutionelle Rahmenbedingungen Verbindliche und unverbindliche Bildungsempfehlung 

Mandatory and non-mandatory teacher recommendations and social inequalities at the transition from primary to secondary education

Abstract

While the influence of numerous individual and family characteristics on social disparities in educational achievement is examined in several studies, the relevance of institutional conditions on the attainment of different social groups is comparatively unclear. The present study adds to this debate and analyses the effect of mandatory and non-mandatory teacher recommendations on social disparities in educational participation after primary school. This is done by using unique data from North Rhine-Westphalia, where the degree of obligation of the teacher recommendation varied in terms of a natural experiment. Two transition cohorts are considered, one before and one after the change of a non-mandatory to a mandatory setting of the teacher recommendation in 2006. The results reveal that a mandatory teacher recommendation reduces the influence of social origin on the transition from primary to secondary school. This effect is especially apparent when families choose between the medium and the highest track in the German educational system, the Realschule and the Gymnasium.

Keywords

First educational transition Primary school Secondary effects Social inequality Institutional conditions Mandatory and non-mandatory teacher recommendation 

Notes

Danksagung

Für wertvolle Hinweise danke ich den anonymen Gutachtern sowie Cornelia Kristen, Hartmut Esser, Andreas Horr und Klaus Pforr.

Literatur

  1. Baumert, Jürgen, und Gundel Schümer. 2001. Familiäre Lebensverhältnisse, Bildungsbeteiligung und Kompetenzerwerb. InPISA 2000: Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Hrsg. Jürgen Baumert, Eckhard Klieme, Michael Neubrand, Manfred Prenzel, Ulrich Schiefele, Wolfgang Schneider, Petra Stanat, Klaus-Jürgen Tillmann und Manfred Weiß, 323–407. Opladen: Leske + Budrich.Google Scholar
  2. Baumert, Jürgen, Rainer Watermann, und Gundel Schümer. 2003. Disparitäten der Bildungsbeteiligung und des Kompetenzerwerbs. Ein institutionelles und individuelles Mediationsmodell.Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 6:46–71.CrossRefGoogle Scholar
  3. Becker, Rolf. 2000. Klassenlage und Bildungsentscheidungen. Eine empirische Anwendung der Wert-Erwartungstheorie.Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 52:450–474.CrossRefGoogle Scholar
  4. Becker, Rolf. 2001. Der Beitrag der Theorie subjektiver Werterwartung und anderer RC-Theorien zur Erklärung der herkunftsbedingten Bildungschancen und Bildungsungleichheit. Eine Antwort auf den Diskussionsbeitrag von Max Haller.Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 53:575–579.CrossRefGoogle Scholar
  5. Ben-Akiva, Moshe, und Steven R. Lerman. 1985.Discrete choice analysis: Theory and application to travel demand. Cambridge: MIT Press.Google Scholar
  6. Birkel, Peter. 1994.Weingartener Grundwortschatz Rechtschreib-Test für dritte und vierte Klassen (WRT3+). Göttingen: Hogrefe.Google Scholar
  7. Bos, Wilfried, Andreas Voss, Eva-Maria Lankes, Knut Schwippert, Oliver Thiel, und Renate Valtin. 2004. Schullaufbahnempfehlungen von Lehrkräften für Kinder am Ende der vierten Jahrgangsstufe. InIGLU. Einige Länder der Bundesrepublik Deutschland im nationalen und internationalen Vergleich, Hrsg. Wilfried Bos, Eva-Maria Lankes, Manfred Prenzel, Knut Schwippert, Renate Valtin und Gerd Walther, 191–228. Münster: Waxmann.Google Scholar
  8. Boudon, Raymond. 1974.Education, opportunity, and social inequality. New York: Wiley.Google Scholar
  9. Breen, Richard, und John H. Goldthorpe. 1997. Explaining educational differentials: Towards a formal rational action theory.Rationality and Society 9:275–305.CrossRefGoogle Scholar
  10. Buis, Maarten L. 2010a. Stata Tipp 87: Interpretation of interactions in nonlinear models.The Stata Journal 10:305–308.Google Scholar
  11. Buis, Maarten L. 2010b. Direct and indirect effects in a logit model.The Stata Journal 10:11–29.Google Scholar
  12. Ditton, Hartmut. 2007. Der Beitrag von Schule und Lehrern zur Reproduktion von Bildungs-ungleichheit. InBildung als Privileg? Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit, Hrsg. Rolf Becker und Wolfgang Lauterbach, 243–271. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.Google Scholar
  13. Ditton, Hartmut, Jan Krüsken, und Magdalena Schauenberg. 2005. Bildungsungleichheit – der Beitrag von Familie und Schule.Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 8:285–304.CrossRefGoogle Scholar
  14. Dollmann, Jörg. 2010.Türkischstämmige Kinder am ersten Bildungsübergang. Primäre und sekundäre Herkunftseffekte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.CrossRefGoogle Scholar
  15. Erikson, Robert, und Jan O. Jonsson. 1996. Explaining class inequality in education: The Swedish test case. InCan education be equalized? The Swedish case in comparative perspective, Hrsg. Robert Erikson und Jan O. Jonsson, 1–64. Boulder: Westview Press.Google Scholar
  16. Erikson, Robert, John H. Goldthorpe, Michelle Jackson, Meir Yaish, und David R. Cox. 2005. On class differentials in educational attainment.PNAS 102:9730–9733.CrossRefGoogle Scholar
  17. Erikson, Robert, und Frida Rudolphi. 2009. Change in social selection to upper secondary school – primary and secondary effects in Sweden.European Sociological Review 26:291–305.CrossRefGoogle Scholar
  18. Esser, Hartmut. 1999.Soziologie. Spezielle Grundlagen. Situationslogik und Handeln, Bd. 1. Frankfurt a. M.: Campus.Google Scholar
  19. Geißler, Rainer. 2005. Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. Zum Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüpfungen. InInstitutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert, Hrsg. Peter A. Berger und Heike Kahlert, 71–100. Weinheim: Juventa.Google Scholar
  20. Gresch, Cornelia, Jürgen Baumert, und Kai Maaz. 2009. Empfehlungsstatus, Übergangsempfehlung und der Wechsel in die Sekundarstufe I: Bildungsentscheidungen und soziale Ungleichheit.Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Sonderheft 12:230–256.Google Scholar
  21. Harazd, Bea. 2007.Die Bildungsentscheidung. Zur Ablehnung der Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit. Münster: Waxmann.Google Scholar
  22. Hillmert, Steffen. 2007. Soziale Ungleichheit im Bildungsverlauf: Zum Verhältnis von Bildungsinstitution und Entscheidungen. InBildung als Privileg? Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit, Hrsg. Rolf Becker und Wolfgang Lauterbach, 75–102. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.Google Scholar
  23. Hillmert, Steffen, und Marita Jacob. 2005. Zweite Chance im Schulsystem? Zur sozialen Selektivität bei ‚späteren‘ Bildungsentscheidungen. InInstitutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert, Hrsg. Peter A. Berger und Heike Kahlert, 155–176. Weinheim: Juventa.Google Scholar
  24. Jaccard, James. 2001.Interaction effects in logistic regression. Thousand Oaks: Sage.Google Scholar
  25. Jackson, Michelle, Robert Erikson, John H. Goldthorpe, und Meir Yaish. 2007. Primary and secondary effects in class differentials in educational attainment. The transition to a level courses in England and Wales.Acta Sociologica 50:211–229.CrossRefGoogle Scholar
  26. Kloosterman, Rianne, Stijn Ruiter, Paul M. de Graaf, und Gerbert Kraaykamp. 2009. Parental education, children’s performance and the transition to higher secondary education: Trends in primary and secondary effects over five Dutch school cohorts (1965–99).British Journal of Sociology 60:377–398.CrossRefGoogle Scholar
  27. KMK – Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. 2004a.Beschlüsse der Kultusministerkonferenz. Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich (Jahrgangsstufe 4). Beschluss vom 15.10.2004. München: Luchterhand.Google Scholar
  28. KMK – Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. 2004b.Beschlüsse der Kultusministerkonferenz. Bildungsstandards im Fach Mathematik für den Primarbereich (Jahrgangsstufe 4). Beschluss vom 15.10.2004. München: Luchterhand.Google Scholar
  29. Kristen, Cornelia, und Jörg Dollmann. 2009. Sekundäre Effekte der ethnischen Herkunft: Kinder aus türkischen Familien am ersten Bildungsübergang.Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Sonderheft 12:205–229.Google Scholar
  30. Küspert, Petra, und Wolfgang Schneider. 1998.Würzburger Leise Leseprobe (WLLP). Göttingen: Hogrefe.Google Scholar
  31. Long, J. Scott, und Jeremy Freese. 2006.Regression models for categorical dependent variables using stata. College Station: Stata Press.Google Scholar
  32. Maaz, Kai, und Gabriel Nagy. 2009. Der Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen des Sekundarschulsystems: Definition, Spezifikation und Quantifizierung primärer und sekundärer Herkunftseffekte. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Sonderheft 12:153–182.CrossRefGoogle Scholar
  33. Maier, Gunther, und Peter Weiss. 1989.Modelle diskreter Entscheidungen. Theorie und Anwendung in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Wien: Springer.Google Scholar
  34. MSW – Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Hrsg. 2006.Neues Schulgesetz NRW. Sonderausgabe zum Amtsblatt des Ministeriums für Schule und Weiterbildung. Düsseldorf: Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen.Google Scholar
  35. Neugebauer, Martin. 2010. Bildungsungleichheit und Grundschulempfehlung beim Übergang auf das Gymnasium: Eine Dekomposition primärer und sekundärer Effekte.Zeitschrift für Soziologie 39:202–214.Google Scholar
  36. Porst, Rolf. 1991. Ausfälle und Verweigerungen bei einer telefonischen Befragung.ZUMA-Arbeitsbericht 15:57–69.Google Scholar
  37. Relikowski, Ilona, Thorsten Schneider, und Hans-Peter Blossfeld. 2010. Primäre und sekundäre Herkunftseffekte beim Übergang in das gegliederte Schulsystem: Welche Rolle spielen soziale Klasse und Bildungsstatus in Familien mit Migrationshintergrund? InKomparative empirische Sozialforschung, Hrsg. Tilo Beckers, Klaus Birkelbach, Jörg Hagenah und Ulrich Rosar, 143–167. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.CrossRefGoogle Scholar
  38. Roick, Thorsten, Dietmar Gölitz, und Marcus Hasselhorn. 2004.Deutscher Mathematiktest für dritte Klassen (DEMAT3+). Göttingen: Hogrefe.Google Scholar
  39. Royston, Patrick. 2005. Multiple imputation of missing values: Update of ice.Stata Journal 5:527–536.Google Scholar
  40. Rubin, Donald B. 1987.Multiple imputation for nonresponse in surveys. New York: Wiley.CrossRefGoogle Scholar
  41. Schimpl-Neimanns, Bernhard. 2000. Soziale Herkunft und Bildungsbeteiligung. Empirische Analysen zu herkunftsspezifischen Bildungsungleichheiten zwischen 1950 und 1989.Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 52:636–669.CrossRefGoogle Scholar
  42. Schnell, Rainer. 1997.Nonresponse in Bevölkerungsumfragen. Ausmaß, Entwicklung und Ursachen. Opladen: Leske + Budrich.Google Scholar
  43. Schulze, Alexander, Rainer Unger, und Stefan Hradil, Hrsg. 2008.Bildungschancen und Lernbedingungen an Wiesbadener Grundschulen am Übergang zur Sekundarstufe I. Projekt- und Ergebnisbericht zur Vollerhebung der GrundschülerInnen der 4. Klasse im Schuljahr 2006/2007. Projektgruppe Sozialbericht zur Bildungsbeteiligung, Amt für Soziale Arbeit, Abteilung Grundsatz und Planung, Landeshauptstadt Wiesbaden.Google Scholar
  44. Schwippert, Knut, Wilfried Bos, und Eva-Maria Lankes. 2004. Heterogenität und Chancengleichheit am Ende der vierten Jahrgangsstufe in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland und im internationalen Vergleich. InIGLU. Einige Länder der Bundesrepublik Deutschland im nationalen und internationalen Vergleich, Hrsg. Wilfried Bos, Eva-Maria Lankes, Manfred Prenzel, Knut Schwippert, Renate Valtin und Gerd Walther, 165–190. Münster: Waxmann.Google Scholar
  45. Von Hippel, Paul T. 2007. Regression with missing Ys: An improved strategy for analyzing multiply imputed data.Sociological Methodology 37:83–117.CrossRefGoogle Scholar
  46. Weiß, Rudolf H. 1998.Grundintelligenztest Skala 2 (CFT 20). Göttingen: Hogrefe.Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011

Authors and Affiliations

  1. 1.Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES)Universität MannheimMannheimDeutschland

Personalised recommendations