CME

, Volume 15, Issue 4, pp 32–32 | Cite as

Kannibalismus

Entsetzen im Fischerdorf

  • Thomas M. Heim
Rechtsmedizin
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Eine enthauptete Leiche taucht auf. Daneben die Hütte des Täters, der dabei ist, das soeben gekochte Gehirn des Toten zu verzehren.

In einem albanischen Fischerdorf wurde die enthauptete Leiche eines etwa 15-Jährigen gefunden. In einer Hütte in der Nähe des Fundorts traf die daraufhin gerufene Polizei einen Dorfbewohner an, der sich in einem extrem verwirrten Zustand befand.

Schlachtermesser in Hütte sichergestellt

Auf einem Holzfeuer stand eine Kasserolle. Darin befand sich der zertrümmerte Schädel des Opfers, aus dem der Ertappte Gehirngewebe löffelte und sich in den Mund schob. Der improvisierte Herd war mit Körperflüssigkeiten und Gewebeteilen übersät. Kurz nach seiner Festnahme erbrach der Mann frisches Blut und Fleischstückchen. In seiner Hütte wurde ein Schlachtmesser sichergestellt.

Der Täter war zum Zeitpunkt der Tat Ende vierzig. Er gehört einer ethnischen Minderheit an und hat einen sehr niedrigen Bildungsstatus.

In den forensisch-psychiatrischen Interviews zeigte sich der Mann ungerührt mit starrer Körperhaltung, fehlender Mimik und flachen Affekten. Er konnte zu keiner emotionalen Reaktion bewegt werden. In der Vergangenheit waren schwere Denkstörungen bei ihm aufgetreten.

Im Dorf als Einzelgänger und Sonderling bekannt

Der Mann war im Dorf als Einzelgänger und Sonderling bekannt. Er wurde bereits dabei beobachtet, wie er Tiere absichtlich quälte. Mehrmals hatte er bereits streunende Hunde getötet und ihre Eingeweide verzehrt.

Einmal war er in stationärer psychiatrischer Behandlung gewesen. Die Ärzte diagnostizierten damals eine organische Psychose aufgrund Drogenkonsums. Bei zwei Verwandten bestanden psychische Vorerkrankungen.

Prüfung der Schuldfähigkeit steht noch aus

Im Zuge der aktuellen forensisch-psychiatrischen Diagnostik wurde bei dem Täter eine Schizophrenie diagnostiziert. Psychische Hauptsymptome waren bizarre Wahnvorstellungen, Wahrnehmungsverzerrungen und fehlende Impulskontrolle. Das Gericht ordnete daraufhin die strenge Überwachung und Behandlung des Patienten in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung an. „Das abschließende Urteil über die Schuldfähigkeit des Mannes steht noch aus und bedarf weiterer Prüfungen über einen längeren Zeitraum“, berichtet Dr. Gentian Vyshka, biomedizinische und experimentelle Abteilung, Universitätsmedizin Tirana.

Unentdeckte Schizophrenie als Ursache?

Vyshka betont, dass Kannibalismus mittlerweile eine Rarität ist. In einem damit befassten Gerichtsverfahren sei immer eine besonders sorgfältige psychiatrische Exploration des Angeklagten notwendig. Dabei sei zu beachten, dass es zwar unwahrscheinlich aber nicht ausgeschlossen ist, dass eine Schizophrenie, die aus unterschiedlichen Gründen bisher unentdeckt bleib, mit kannibalischem Verhalten in Erscheinung treten kann.

Literatur

  1. basierend auf: Vortrag „Non-ritualistic cannibalism — case study and discussion“ am 15.09.2017 im Rahmen des 10th International Symposium Advances in Legal Medicine (ISALM) sowie der 96. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM) in DüsseldorfGoogle Scholar

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Authors and Affiliations

  • Thomas M. Heim
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  1. 1.

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