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Hinter dem Pickel steckte ein Bolzen

Bei der Leichenschau glatt übersehen

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Leichen an Flussufern sind per se schon mal ziemlich ungewöhnlich. Spektakulär war auch die Todesursache in einem Aufsehen erregenden Fall in der Eifel. Und geradezu unglaublich war die Leichenschau vor Ort: Mehr als eine Beule am Hinterkopf und einen Pickel am Jochbein konnte der Notarzt nicht erkennen, im Polizeibericht ist von einer Gewalttat nicht die Rede. Dem Mörder spielte damit zunächst der Zufall in die Hände - und die eklatanten Mängel im deutschen Leichenschauverfahren.

Am 3. April 2008 betritt der 21-jährige Dürener Dietrich F. die Wohnung seines 19-jährigen Freundes Halil C. In der Hand hält er eine Armbrust. F. ist Sportschütze. Mit der Waffe ist er vertraut. In Deutschland kann sich jeder problemlos eine Armbrust zulegen, weder für den Erwerb noch den Besitz oder das Führen der Waffe bedarf es nach dem deutschen Waffengesetz (WaffG) einer besonderen Erlaubnis. Was F. an diesem Abend bewegte, die Waffe auf seinen Freund zu richten, ist nicht genau bekannt, wahrscheinlich war Eifersucht im Spiel. Die beiden sitzen vor dem Computer, als C. plötzlich aufsteht, zur Armbrust greift. Er steht jetzt hinter seinem Freund. Dann geht alles sehr schnell: Bolzen einlegen, spannen, abdrücken, das Geschoß saust los. Es trifft auf den Hinterkopf des Opfers und schlägt dort ein Loch, Durchmesser 8 mm, bohrt sich durch die rechte Kleinhirnhälfte vor und durchtritt die Medulla oblongata, durchschlägt das linke Felsenbein, dann auch noch das linke Jochbein. Hier bleibt der Pfeil stecken. C. ist tot.

Auffällige Beule am Hinterkopf

Tage später wird die Leiche eines jungen Mannes in einem Nebenarm der Rur nahe dem Dürener Stadtteil Hoven aufgefunden. Ein Notarzt führt die Leichenschau durch. Ergebnis: Todesart ungeklärt, keine Anzeichen einer Fremdeinwirkung. Auffällig ist lediglich eine Beule im Hinterkopfbereich und eine deutliche Erhebung am Jochbein, anscheinend ein Abszess (Abb. 1). Man will die Identität des jungen Mannes klären und kontaktiert daher die Rechtsmedizin. Der Rechtsmediziner wird bei der telefonischen Schilderung hellhörig: Er regt an, die Staatsanwaltschaft einzuschalten, um eine Obduktion durchführen zu können. Dies wird bewilligt. In der Pathologie erweist sich die „Beule“ am Hinterkopf schnell als Einschussloch, der „Abszess“ als Hautvorwölbung, unter der eine Bolzenspitze liegt (Abb. 2). Der Tote ist Halil C.

Abb. 1
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Als „Abszess“ gedeutete Hautvorwölbung durch die Bolzenspitze. (Kleines Fenster: Ansicht von schräg hinten).

Abb. 2
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Verlauf des Armbrustbolzens durch den Schädel.

17,5 cm langes corpus delicti

Dass der Fall doch noch aufgeklärt wurde, ist letztlich nur dem engagierten Rechtsmediziner zu verdanken, der auf die Obduktion gedrängt hatte, obwohl diese primär nicht angeordnet war. Wie Dr. Judith Cortis vom Rechtsmedizinischen Institut der Uniklinik Köln kritisiert, liegt im deutschen Leichenschau- und Todesursachenfeststellungsverfahren der Hund begraben, und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen kann die Leichenschau nach den derzeitigen Bestimmungen jeder Arzt durchführen. So konnte es passieren, dass der 17,5 cm lange Armbrustbolzen, der im Kopf des Toten steckte, einfach übersehen wurde. Das zweite hanebüchene Manko ist die Regelung der Anordnung einer gerichtlichen Obduktion durch den § 87 StPO. Nach Cortis fehlt bislang ein „verbindlicher und nachvollziehbarer Katalog, wann eine gerichtliche Obduktion zur Klärung der Todesumstände anzuordnen ist“.

Im Oktober 2008 wird Dietrich F. wegen Mordes nach § 211 StGB zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil ist rechtskräftig.

Literatur

  1. Cortis J et al, Eifeler Armbrust-Fall. Fast ein perfekter Mord, Rechtsmedizin 2013, 23:44–47

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Oberhofer, E. Hinter dem Pickel steckte ein Bolzen. CME 10, 38 (2013). https://doi.org/10.1007/s11298-013-0709-8

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