Schlafstörungen bei Schichtarbeit wegpuffern
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Wovon hängt es ab, ob es bei Schichtarbeit zu ausgeprägten Schlafstörungen kommt oder nicht? Am Rotationsschema alleine liegt es nicht. Wichtig ist auch, ob ein Mensch eine „Eule“ oder eine „Lerche“ ist. Und: Das Klima am Arbeitsplatz ist nicht zu unterschätzen.
Eule oder Lerche? Schichtarbeit kollidiert mit den natürlichen Schlafrhythmen.
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Wie sehr Schichtarbeit das individuelle Schlaf-Wach-Verhalten in Mitleidenschaft zieht, lässt sich anhand des sozialen Jetlags quantifizieren. Darunter verstehen Chronobiologen die Zeitverschiebung des Schlafs zwischen einem Arbeitstag und einem freien Tag. Erhoben wird dabei die Uhrzeit genau in der Mitte des Schlafs. Mit Hilfe der Schlafmitte an arbeitsfreien Tagen lassen sich die Menschen in Eulen und Lerchen einteilen, also in Menschen, die eher abends und Menschen, die eher morgens ihr Aktivitätsmaximum haben. Bei Eulen ist die Schlafmitte relativ spät, bei Lerchen eher früh in der Nacht. Dr. Céline Vetter vom Munich Center for Neuroscience, LMU München, berichtete in Berlin über die Zusammenhänge von Chronotyp, Schlafdauer und Schichtarbeit.
Individuellen Chronotyp beachten
Der Zeitpunkt der Schicht und das Rotationsschema sind wichtige Faktoren für die Schlafqualität. „Genauso wichtig ist aber der individuelle Chronotyp“, so Vetter. So ist die durchschnittliche Schlafdauer stark vom Chronotyp abhängig: Lerchen schlafen bei Frühschichten rund sieben Stunden, Eulen dagegen nur etwa fünf. Am größten ist der Unterschied zwischen Eulen und Lerchen mit rund 3,5 Stunden in der Nachtschicht. Werden die Schlafzeiten im Schichtsystem mit den jeweils normalen Schlafzeiten an arbeitsfreien Tagen in Beziehung gesetzt, dann zeigt sich, dass der soziale Jetlag von Menschen mit spätem Chronotyp in der Nachtschicht mit vier bis fünf Stunden ähnlich groß ist wie in der Frühschicht. Menschen mit frühem Chronotyp dagegen erleben in der Nachtschicht einen sozialen Jetlag von im Durchschnitt sieben Stunden. Sie werden durch die Nachtschicht also deutlich stärker aus ihrem normalen Rhythmus geworfen.
Zusammenhang mit kardiovaskulärem Risiko
Noch kein klares Bild ergibt sich bisher für den Zusammenhang zwischen Schichtarbeit und kardiovaskulärem Risiko. Dr. Thomas Kantermann von der Universität Groningen hat Arbeiter verglichen, die in schnell vorwärts bzw. langsam rückwärts rotierenden Schichtsystemen arbeiten. Analysiert wurden u. a. die Pulswellengeschwindigkeit als Marker für die kardiovaskuläre Belastung sowie Plasma-Glukose bzw. HOMA-Index als Marker für eine prädiabetische Stoffwechsellage. Die Ergebnisse sind widersprüchlich: „Das Diabetesrisiko war bei schneller Vorwärtsrotation am geringsten“, so Kantermann. Bei der Pulswellengeschwindigkeit schnitten dagegen die Schichtarbeiter in langsamer Rückwärtsrotation besser ab.
Pufferfaktoren machen Schichtarbeit erträglicher
Dass Chronotyp und Rotationsschema nicht alle Effekte der Schichtarbeit erklären können, machte Dr. Gerhard Westermayer von der Gesellschaft für Betriebliche Gesundheitsförderung Berlin (BGF) deutlich. Die BGF hat mit Blick auf mögliche Gesundheitsrisiken eine groß angelegte Befragung unter Schichtarbeitern unterschiedlicher Branchen in Berlin durchgeführt. Parameter für die Höhe des Gesundheitsrisikos waren dabei neben subjektiven Angaben zu Gereiztheit, Erschöpfung und Zeitdruck auch objektive Daten wie der Krankenstand im Unternehmen und AU-Analysen der jeweiligen Krankenkassen. Mit diesem Ansatz konnte eine ganze Reihe von „Pufferfaktoren“ identifiziert werden, welche die Schichtarbeit erträglicher machen, unabhängig von Chronotyp und Rotationsschema. So leiden Angehörige von Berufen mit Kontakt zu Menschen weniger unter ihren Schichtsystemen als Schichtarbeiter ohne Klientenkontakt. Auch bei Personen, die sich mit ihrem Unternehmen identifizieren, war das Gesundheitsrisiko geringer. Gleiches galt für Arbeiter, die im Job eigene Entscheidungsspielräume haben und Anerkennung für ihre Arbeit erfahren.
Literatur
- 20. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin (DGSM) Session „Schichtarbeit“, 2012Google Scholar
