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, Volume 9, Issue 9, pp 40–40 | Cite as

Blind oder geisteskrank?

James Joyce, der Schöpfer verwirrender Werke
  • Thomas Meißner
Der prominente Patient
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Die angebliche starke Kurzsichtigkeit von James Joyce ist ein Mythos. Wer die konvexen Gläser auf Fotos sieht, muss daran zweifeln. In Wahrheit ließen ihn rezidivierende Entzündungen der Regenbogenhäute beider Augen mit sekundären Glaukomen und Katarakten faktisch erblinden.

© [M] Friedrich / INTERFOTO

Was für Ludwig van Beethoven die zunehmende Taubheit war, dürfte für den irischen Schriftsteller James Joyce (1882–1941) die ab seiner Lebensmitte rasch schwächer werdende Sehkraft gewesen sein. Ende der 20er-Jahre war Joyce aufgrund dessen kaum noch in der Lage, seine Gedanken selbständig zu Papier zu bringen. Da halfen weder multiple Augenoperationen, noch groß gemalte Buchstaben oder Vergrößerungsgläser. 1932 erhielt er eine Brillenverordnung mit +17 Dioptrien beidseits, allerdings nur wegen der Ausbalancierung der Brille, denn links konnte Joyce zu diesem Zeitpunkt nur noch hell und dunkel unterscheiden.

Souvenir aus dem Rotlichtviertel

Nach Recherchen der spanischen Augenärzte Dr. Francisco J. Ascaso von der Universitätsklinik in Saragossa und Dr. Jordi Boch aus Menorca dürfte wahrscheinlich eine venerisch bedingte Chlamydien-Infektion Auslöser für das abnehmende Sehvermögen Joyce’ gewesen sein. Sie spekulieren übrigens, dass das Augenleiden seine berühmtesten und komplexesten Werke „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ beeinflusst hat. Als Student war der Dubliner mit seinen Freunden häufig im Rotlichtviertel unterwegs. Im Sommer 1907 musste Joyce, angeblich wegen rheumatischen Fiebers, in ein Krankenhaus eingeliefert werden, nachdem er offensichtlich eine erneute Geschlechtskrankheit entwickelt hatte. Diese Erkrankung ging erstmals mit einer Iritis-Attacke einher. Aufgrund der typischen Trias Urethritis, Polyarthritis und Uveitis vermuten Ascaso und Boch einen Morbus Reiter. Das Syndrom ist 1916 zum ersten Mal beschrieben worden, ein Jahr bevor Joyce seine erste Iridektomie hatte.

30 Ophthalmologen beschäftigt

Die Iritis-Attacken von Joyce sollten sich im weiteren Verlauf häufen und sekundär zu Glaukomen führen. Er wird mit Dionin (Ethylmorphin)-Augentropfen behandelt, das den Lymphfluss anregen soll, mit miotisch wirkenden Augentropfen sowie mit Kokain, Arsen- und Phosphor-Injektionen. Außerdem werden Blutegel angesetzt, um Blut aus der vorderen Augenkammer zu entfernen. Nicht weniger als 13 Augenoperationen — von der Irid- und Sphinkterektomie bis zu mehrfachen Katarakt-Extraktionen und Kapsulotomien — musste Joyce zwischen 1917 und 1930 über sich ergehen lassen. Aber alle medikamentösen oder chirurgischen Heilversuche sowie Konsultationen bei etwa 30 Ophthalmologen, u. a. beim berühmten Züricher Augenarzt Alfred Vogt (1879–1943), nützten nichts. Der Künstler sah zunächst mit dem linken, später auch mit dem rechten Auge kaum noch etwas. Joyce war aus ärztlicher Sicht kein guter Patient. Er folgte nur sporadisch den Ratschlägen seiner Ärzte, er verschob Termine, zögerte Operationen hinaus. Zum Verlauf trugen sicher auch das unstete Leben und der erhebliche Alkoholkonsum bei.

Finnegans Wortsalat gibt Rätsel auf

In dem komplizierten Werk „Finnegans Wake“ hat Joyce Wörter getrennt, umgebaut, zusammengefügt, Wörter vieler anderer Sprachen beigemischt, zum Teil sämtliche Interpunktionszeichen weggelassen. „Die verstörenden und verwirrenden diakritischen Zeichen könnten sich auch aus Joyce’ reduzierter Sehschärfe erklären“, meinen die spanischen Augenärzte. Andere hielten den Schriftsteller schlicht für geisteskrank, etwa der Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961), nachdem er „Ulysses“ gelesen hatte.

Literatur

  1. Ascaso JF, Bosch J: Uveitic secondary glaucoma: influence in James Joyce’s (1882–1941) last works. J Med Biograph 2010, 18: 57–60;CrossRefGoogle Scholar
  2. Ascaso JF, van Velze JL: Was James Joyce myopic or hyperopic? BMJ 2011; 343:d7464PubMedCrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag 2012

Authors and Affiliations

  • Thomas Meißner

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