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Husserl Studies

, Volume 32, Issue 3, pp 237–261 | Cite as

Das „Problem“ der Habituskonstitution und die Spätlehre des Ich in der genetischen Phänomenologie E. Husserls

  • Marco CavallaroEmail author
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Abstract

Der vorliegende Aufsatz behandelt zwei Bereiche, deren Zusammenhang in der aktuellen Husserlforschung zu Unrecht in Vergessenheit geraten zu sein scheint: Zum einen konturiere ich den Habitusbegriff und das damit verbundene Problem der Habituskonstitution im Spätwerk E. Husserls. Zum anderen dient das Ergebnis dieser ersten Untersuchung dann als Grundlage für die Frage nach dem Wesen des Ich in der genetischen Phänomenologie. Die Untersuchung besteht (nach einer kurzen Einleitung) aus drei Teilen: Zuerst stelle ich, um die Bedeutung des Begriffs „Habitus“ zu klären, Ingardens Interpretationsalternativen der Habituskonstitution vor. Im Anschluss daran werde ich mich mit dem sogenannten „transzendentalen Okkasionalismus“ befassen, der eine der zuvor vorgestellten Alternativen Ingardens aufgreift und weiterführt. Der „transzendentale Okkasionalismus“ vertritt die These, dass die habituellen Eigenschaften des Ich durch den einfachen Vollzug der Akte entstünden. Weil diese These als Interpretation des Habitusbegriffs bei Husserl weit verbreitet ist, muss sie als Lösungsansatz in Erwägung gezogen werden. Jedoch zeigt eine genaue Lektüre der Forschungsmanuskripte Husserls, dass dieser scheinbare Lösungsansatz einen dort wichtigen Begriff außer Acht lässt: die „Geschichte des Ich“. Diese wird im dritten und letzten Teil dieses Aufsatzes näher betrachtet und erläutert. Husserl selbst hob nämlich einen wesenhaften Zusammenhang zwischen den mannigfaltigen Erfahrungen des Ich hervor, durch den die Bezeichnung der Habituskonstitution als „Okkasionalismus“ nicht zutreffend sein kann. Aus diesem Grund geht dieser Beitrag über die reine Wiedergabe der Habitusproblematik in Husserls Phänomenologie hinaus und beschreibt eine Auffassung der transzendentalen Subjektivität, die aus dem Spätwerk Husserls stammt.

Notes

Dankausgang

Frühe Fassungen dieses Aufsatzes wurden beim 12. Treffen der Nordic Society for Phenomenology in Helsinki (April 2014) und an den Husserl-Arbeitstagen in Freiburg vorgestellt. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Kollegen und Professoren bedanken, die durch ihre feinsinnigen Fragen und konstruktive Kritik zur Entwicklung dieser Arbeit beigetragen haben. Mein Dank geht insbesondere an Prof. Dr. Sara Heinämaa, Prof. Dr. Hanne Jacobs, Prof. Dr. Dieter Lohmar, Prof. Dr. Andreas Speer, Prof. Dr. Andrea Staiti, Prof. Dr. Saskia Wendel und Dr. Emanuele Caminada. Für die Unterstützung bei der sprachlichen Bearbeitung möchte ich mich bei Anne-Kathrin Heuckmann bedanken. Diese Arbeit wurde im Rahmen einer Promotion durchgeführt, die von der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne gefördert wird. Ihr möchte ich meine Dankbarkeit aussprechen.

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© Springer Science+Business Media Dordrecht 2016

Authors and Affiliations

  1. 1.Husserl-Archiv der Universität zu KölnCologneGermany

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