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Untersuchungen zu Biologie und Befallsdynamik des Ackerbohnenkäfers (Coleoptera, Bruchidae: Bruchus rufimanus) in Sachsen

  • Birgit PölitzEmail author
  • Hans-Peter Reike
Originalbeitrag
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Zusammenfassung

Verhalten und Lebensweise des Ackerbohnenkäfers wurden während der Vegetationsperioden 2016–2018 im Freiland und Labor studiert. Der Fokus der Beobachtungen lag vor allem auf Bewegungsmuster der Imagines, Eientwicklung, Ernährung, Mortalität der Käfer und ihrer Entwicklungsstadien. Zusätzlich erfolgten Studien zur Biologie.

Bereits zu Flugbeginn dominierten die Männchen, später existierte ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis, bis letztendlich die Weibchen ab Anfang Juni zahlenmäßig überwogen. Die Fortpflanzung der Käfer erfolgt bereits vor der Blüte der Ackerbohne. Eine Aufnahme von Pollen zur Erlangung der Geschlechtsreife der Weibchen kann daher ausgeschlossen werden. Die Käfer nutzen neben extrafloralen Nektarien nachweislich Pollen der Ackerbohne als Nahrungsquelle. Pollen von umliegenden Blütenpflanzen wird ebenso angenommen. Die Eiablage ist unabhängig von der Größe der Hülse und beginnt bereits kurz nach der Blüte. Im Jahr 2018 konnten bis zu 137 Eier pro Hülse ermittelt werden. Die schlupfbereiten Larven zeigen sich ca. sieben Tage nach der Eiablage in den Eiern (Schwarzkopfstadium). Eine Bekämpfung der schlüpfenden Larven ist mit den derzeit angewandten Methoden nicht sinnvoll, da sich die Larven direkt unter der Eihülle in die Hülse einbohren. Sie sind gegen äußere Einwirkungen optimal geschützt. Es besteht eine sehr hohe Mortalität während der gesamten Entwicklungsdauer der Larven. Der Embryo der Ackerbohne wird im Samen nur selten von den Larven des Ackerbohnenkäfers angefressen. Meist ist der Embryo unversehrt. Informationen zur Entwicklung und Interaktion der Larven im Samen werden gegeben. Im Freiland konnten die bisher bekannten Überwinterungsquartiere nicht bestätigt werden.

Am häufigsten zeigten die Käfer Flugaktivität im Bestand. Dabei wurden hauptsächlich kurze Distanzen überwunden und die Flughöhe überstieg selten die Wuchshöhe der Pflanzen. Dieses Verhaltensmuster erwies sich bis zum Ende des Aktivitätszeitraumes als konstant.

Bei Schlupfversuchen überlebte nur ein sehr geringer Teil der Ackerbohnenkäfer die Lagerung.

Schlüsselwörter

Bruchus rufimanus Ackerbohnenkäfer Sachsen Befallsdynamik Saatgutproduktion 

Studies on Biology and Infestation Dynamics of the Bean Seed Beetle (Coleoptera, Bruchidae: Bruchus Rufimanus) in Saxony

Abstract

The behavior and way of life of the bean seed beetle was studied during the growing season 2016–2018 in the field as well as in the laboratory. The focus of the observations was mainly on movement patterns of the imagines, egg development, nutrition and mortality of the beetles and their stages of development. Additionally, studies on biology were carried out.

At the beginning of the flight the males dominated, later a balanced gender ratio existed, until finally the females dominated from the beginning of June. The reproduction of the beetles already starts before the flowering of the field bean. An intake of pollen to obtain the sexual maturity of females can therefore be excluded. In addition to extrafloral nectaries, the beetles demonstrably use pollen from the field bean as a source of food. Pollen from surrounding flowering plants is also accepted. Oviposition is independent of the size of the pod and begins shortly after flowering. In 2018, up to 137 eggs per pod could be detected. The larvae appear about seven days after egg laying in the eggs (black head stage). A control of the hatching larvae is not useful with the currently used methods, as the larvae drill directly under the egg shell in to the pod. They are thus optimally protected against external influences. There is a very high mortality during the entire developmental period of the larvae. The bean sprout embryo is rarely damaged in the seed by the bean seed beetle larvae. Mostly the embryo is intact. Information on the development and interaction of the larvae within the seed are given. In the field, hitherto known hibernation places could not be confirmed.

Most often, the beetles showed flight activity in the plant stand. For flight activity mainly short distances were coverd and the flight altitude rarely exceeded the stature of the plants. This pattern of behavior proved to be constant until the end of the activity period.

In hatching experiments, only a very small proportion of bean seed beetles survived storage.

Keywords

Bruchus rufimanus Bean seed beetle Saxony Infestation dynamics Seed production 

Einleitung

In der Saatgutproduktion der Ackerbohnen ist der Ackerbohnenkäfer ein bedeutender Schaderreger. In Sachsen wurde in den vergangenen Jahren an verschiedenen Standorten ein starker Anstieg des Befalls durch diesen Käfer festgestellt. Bisherige Bekämpfungsmaßnahmen brachten nicht den notwendigen Bekämpfungserfolg. Die Ursache der Minderwirkung ist im biologischen Verhaltensmuster von Bruchus rufimanus zu vermuten.

Verhalten und Lebensweise des Ackerbohnenkäfers wurden während der Vegetationsperioden 2016–2018 im Freiland und Labor studiert. Der Fokus der Beobachtungen lag vor allem auf Bewegungsmuster der Imagines, Eientwicklung, Ernährung, Mortalität der Käfer und ihrer Entwicklungsstadien. Zusätzlich erfolgten Studien zur Biologie.

Material und Methoden

Voruntersuchungen zur Problematik fanden 2016 und 2017 statt. Der Hauptteil der Erkenntnisse basiert jedoch auf intensiven Studien im Jahr 2018 in Mittelsachsen (Deutschland).

Die Bestimmung des Geschlechterverhältnisses der Ackerbohnenkäfer erfolgte von Anfang Mai bis Anfang Juli 2018 wöchentlich durch Klopfproben. Beobachtungen zur Biologie und Ernährung sowie zum Verhalten von B. rufimanus wurden im Freiland im Ackerbohnenbestand von Anfang Mai bis Anfang August 2018 durchgeführt.

Laboruntersuchungen erfolgten zu den Fragestellungen Eientwicklung, Ernährung, Mortalität der Käfer und ihrer Entwicklungsstadien sowie Käferbesatz im Saatgut.

Für Schlupfversuche mit befallenem Saatgut kamen Petrischalen mit angefeuchtetem Zellstoff zum Einsatz. Zur Benetzung wurde Wasser eingesetzt. Es wurden lediglich Samen mit Befall ohne Ausschlupfloch für sieben Tage beobachtet. Täglich erfolgte die Kontrolle hinsichtlich geschlüpfter Käfer. Am Ende des Untersuchungszeitraumes wurden verbliebene Samen ohne Ausschlupfloch geöffnet. Mit Hilfe dieser Bonitur konnte der Anteil toter Tiere ermittelt werden.

An vier Terminen (09.10., 10.10., 11.10. und 12.10.2018) erfolgte die Suche nach Überwinterungsplätzen des Ackerbohnenkäfers. Dabei wurden der dem Ackerbohnenschlag nahegelegene Waldrand (Gesiebe bzw. Klopfproben: Nadelstreu, unter Rinde von Stubben, unter und in morschem Holz, Laubstreu, Äste, Moos), ein nahegelegener Acker (Ackerrand, Ackermitte, Erde bis in eine Tiefe von ca. 30 cm, unter Erdschollen am Ackerrand, Grasbatzen, altes Gras), der Ackerbohnenschlag (Ackerrand, Ackermitte, Erde bis in eine Tiefe von ca. 30 cm, unter Erdschollen am Ackerrand, Wurzelbereich bereits gekeimter Ausfall-Ackerbohnen, hohle Stengel, alte Ackerbohnenhülsen) sowie die direkte Umgebung des Schlages (Grasbatzen, mit Klee bewachsener Seitenstreifen, Erntereste auf dem Seitenstreifen) untersucht. Zusätzlich erfolgten im Freiland Käfigversuche zur Wahl von Winterquartieren. Dabei wurden jeweils 50 eingesetzten Ackerbohnenkäfern verschiedene Substrate zur Überwinterung angeboten (fünf Gefäße, Durchmesser 20 cm, Höhe 18 cm, mit Erde und Mulchabdeckung; ein Gefäß mit Versteckmöglichkeiten unter Laubholzrinde und Stroh). Die Käfer erhielten zusätzlich Wasser und Nahrung in Form von Käferfutter (Handelsname „Beetle Jelly High Protein“). Die erste Bonitur erfolgte nach Vegetationsende 2018.

Ergebnisse

Biologie

Ab dem 14.05.2018 (BBCH 15) erfolgte der Zuflug von B. rufimanus in die Ackerbohnenbestände. Bereits zu Flugbeginn dominierten die Männchen (Abb. 1). Später existierte ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis, bis letztendlich die Weibchen ab Anfang Juni zahlenmäßig überwogen.
Abb. 1

Geschlechterverhältnis beim Ackerbohnenkäfer, Pflanzenschutz-Prüffeld bei Nossen 2018

Eine erste Kopula wurde am 22.05.2018 um 12:20 Uhr an einer Blattunterseite beobachtet. Die Käfer waren ca. 4 min miteinander verbunden, bevor sie sich trennten. Zu diesem Zeitpunkt waren noch keine Blüten der Ackerbohne vorhanden, sodass eine Aufnahme von Pollen zur Erlangung der Geschlechtsreife der Weibchen ausgeschlossen werden kann.

Am 22.05.2018 wurde die Nahrungsaufnahme von Ackerbohnenkäfern an extrafloralen Nektarien beobachtet (Abb. 2). An den Nektarien fanden sich auch Weichkäfer (Cantharidae, Cantharis lateralis Linnaeus, 1758 und Cantharis fusca Linnaeus, 1758) und Ameisen (Formica [Serviformica] cunicularia Linnaeus, 1758).
Abb. 2

B. rufimanus an extrafloralem Nektarium

Am 30.05.2018 wurden aus Blüten 22 Käfer entnommen, um die Ernährung der Käfer zu überprüfen. Bei diesen Tieren handelte es sich um 13 Männchen und 9 Weibchen (Abb. 1). Die Käfer waren stark mit Pollen bestäubt, in den Ovarien der Weibchen existierten erste Eier. Pollenkörner fanden sich im Pharynx und Hypopharynx der aus Blüten entnommenen Käfer unabhängig vom Geschlecht. Die Käfer besuchen die Blüten der Ackerbohne während deren gesamter Blühdauer und ernähren sich nachweislich von Pollen (Abb. 3).
Abb. 3

Ackerbohnenkäfer beim Blütenbesuch an Ackerbohne

Die Trockenheit im Sommer 2018 verkürzte die Blühzeit der Ackerbohne. Anfang Juli waren nur noch wenige Einzelblüten im Bestand vorhanden. An den Triebspitzen der meisten Pflanzen existierten jedoch noch voll funktionstüchtige Nektarien. Die Käfer nutzten im Ackerbohnenbestand die letzten Blüten und extrafloralen Nektarien. Zusätzlich suchten die Ackerbohnenkäfer umliegende Blütenpflanzen auf und ernährten sich hier zumindest vom Pollen der Blüten. Um die Ernährung der Käfer zu überprüfen, wurden aus diesen Blüten 21 Tiere entnommen und näher untersucht. Im Pharynx und Hypopharynx fanden sich erneut bei beiden Geschlechtern der aus Blüten entnommenen Käfer Pollenkörner. Dabei stellten die Käfer keinen Anspruch an die Art der Blüten. Disteln, Weißklee, Kamille, und andere Pflanzen (Ackersenf [Sinapis arvensis], Rainfarn-Phazelie [Phacelia tanacetifolia], Ölrettich [Raphanus sativus var. oleiformis], Dill [Anethum graveolens], Sonnenblume [Helianthus annuus], Malve [Malva sp.], Kornblume [Cyanus segetum], Ringelblume [Calendula officinalis] und Buchweizen [Fagopyrum esculentum]) wurden als Nahrungsquelle aufgesucht.

Am 31.05.2018 fanden sich erste Eigelege an dem durch die Blütenhülle unbedeckten Teil der jungen Hülsen. Unabhängig von der Größe der Hülse legt ein Weibchen ein bis zwei Eier ab, deren Ablage durch einen Suchlauf unterbrochen ist. Eine Eiablage dauert etwa 1–2 min. Zwischen den Eiern wird keine Mindestdistanz eingehalten. Selbst Anfang Juli werden von den Weibchen noch die untersten Hülsen zur Eiablage aufgesucht. Bei einer Erhebung Anfang Juni wurden bei einer durchschnittlichen Hülsenlänge von 5,6 cm im Mittel 70 Eier gezählt. Bis zu 137 Eier pro Hülse konnten ermittelt werden.

Bei schlupfbereiten Embryonen ist deutlich unter der nahezu durchsichtigen Eihülle die schwarz gefärbte Kopfkapsel zu erkennen (Schwarzkopfstadium). Dieses Stadium wurde ca. sieben Tagen nach Eiablage beobachtet.

Es besteht eine sehr hohe Mortalität während der gesamten Entwicklungsdauer der Larven (Abb. 4).
Abb. 4

Studie zur Larvenmortalität 2018 (n = 50 Samen pro Termin)

Der Embryo der Ackerbohne wird im Samen nur selten von den Larven des Ackerbohnenkäfers angefressen. Meist ist der Embryo unversehrt.

Mit zunehmender Größe der Larven besteht bei Mehrfachbesatz eines Samens die Möglichkeit, dass die Tiere infolge ihrer Fraßtätigkeit im Samen aufeinandertreffen. Beobachtungen ergaben, dass die größere, vitalere Larve die unterlegene Larve schädigen bzw. abtöten kann. Die ausgewachsene Larve muss ein starkes Fettpolster anlegen, welches die Energiereserven beinhaltet, die dem frisch geschlüpften Käfer das Überleben bis zur nächsten Vegetationsperiode ermöglichen.

Mit Beginn der Samenreife positioniert sich die ausgewachsene Larve im Samen derart, dass sie mit dem Kopf an der äußeren Samenschale anliegt („Fenster“). In dieser Lage verpuppt sie sich. Bedingt durch die trockene Sommerwitterung 2018 begann der Schlupf eher (Abb. 5 und 23.07.2018) als in den vorangegangenen Jahren (16.08.2016; 03.08.2017). Der Hauptschlupf erfolgte in den Jahren 2016–2018 etwa eine Woche nach Schlupfbeginn.
Abb. 5

Geschlüpfte Ackerbohnenkäfer 2018

In nahezu allen in der vorliegenden Studie untersuchten Habitaten wurden bisher keine überwinternden B. rufimanus nachgewiesen. Lediglich in Bohnen mit „Fenster“ auf der Bodenoberfläche sowie in alten Hülsen am Rand des Ackerbohnenschlages fanden sich einzelne lebende Käfer.

In den fünf mit Erde gefüllten Gefäßen im Freiland verbargen sich die meisten überlebenden Käfer in der Mulchabdeckung und den oberen 5 cm des Bodens (Abb. 6). Im Käfig mit Rinde und Stroh fanden sich nur sehr wenige lebende Käfer unter der Rinde sowie keine Tiere im Stroh. Die Untersuchungen dauern derzeit noch an.
Abb. 6

Ergebnis der Käfigversuche im Freiland zur Überwinterung des Ackerbohnenkäfers 2018

Fütterungsversuche unter Laborbedingungen ergaben, dass B. rufimanus neben Wasser auch Käferfutter (Handelsname „Beetle Jelly High Protein“) annimmt. Die Sorten Milchsäure (weiß), Multivitamin (rötlich) und Brauner Zucker (braun) wurden erfolgreich getestet.

Verhalten

Am 05.07.2018 wurde das Bewegungsmuster der Käfer über sechs Stunden dokumentiert (Tab. 1). Am häufigsten zeigten die Käfer Flugaktivität im Bestand. Dabei wurden hauptsächlich kurze Distanzen überwunden und die Flughöhe überstieg selten die Wuchshöhe der Pflanzen. Dieses Verhaltensmuster erwies sich bis zum Ende des Aktivitätszeitraumes als konstant.
Tab. 1

Bewegungsmuster von Ackerbohnenkäfern (05.07.2018, heißer Tag, ca. 31 °C, sonnig), Pflanzenschutz-Prüffeld bei Nossen 2018

Aktion

Anzahl der Beobachtungen

Kurzer Flug

95

Langer Flug (>1m)

25

Summe Flugaktivität

120

Kurzer Lauf

45

Langer Lauf (>30s)

45

Summe Laufaktivität

90

Langes Verweilen (>30s)

57

Bedeutung in der Saatgutproduktion

Bei Schlupfversuchen überlebte nur ein sehr geringer Teil der Ackerbohnenkäfer die Lagerung. Es wurden 7500 Ackerbohnen begutachtet. Von den 682 ermittelten Tieren waren nur 6 Käfer vital (Abb. 7).
Abb. 7

Schlupfversuch mit 7500 Samen, Frühjahr 2018

Diskussion

Biologie

Die Feldkulturen werden besiedelt, wenn die Temperaturen 20 °C erreichen oder übersteigen (Ward und Smart 2011). Wirtspflanzen von B. rufimanus sind in Deutschland Wicke (Vicia, Fabaceae) und mediterrane Platterbsen (Lathyrus, Fabaceae) (Delobel und Delobel 2006; Rheinheimer und Hassler 2018). Weitere Wirtspflanzen werden bei Koch (1992) erwähnt: „Ökologische Nische: oligophag an Lathyrus sativus, Vicia faba, V. sativa, Pisum sativum und Lens culinaris, vor allem in großsamigen Arten …“. Liebster (1941) berichtet von Befall an Pisum sativum, Sojabohnen und Phaseolus-Arten. Kergoat et al. (2007) führen als europäische Wirtspflanzen Lathyrus cicera, L. venetus, Vicia bithynica, V. faba, V. hybrida, V. lutea, V. narbonensis, V. onobrychioides, V. pannonica, V. peregrina und V. villosa auf.

Die Art ist univoltin (Rheinheimer und Hassler 2018). Zur Zeit der Besiedelung des Nahrungshabitats im Mai–Juni sind die Reproduktionsorgane der Männchen bereits voll entwickelt. Die Fortpflanzungsaktivität der Weibchen soll erst nach der Aufnahme von Pollen beginnen (Seidenglanz und Huňady 2016). Es existiert sogar die Angabe, dass Weibchen von B. rufimanus erst sexuell aktiv werden, wenn sich die ersten Hülsen zeigen (Tran und Huignard 1992). Eine Kopula wurde bereits am 22.05.2018 vor der Blüte der Ackerbohne beobachtet. Die Weibchen pflanzen sich demnach entgegen der Anmerkung von Seidenglanz und Huňady (2016) bereits vor der Aufnahme von Ackerbohnenpollen fort. Die oben genannte Angabe zum Beginn der Fortpflanzungsaktivität der Weibchen bei Tran und Huignard (1992) ist nicht nachvollziehbar.

Liebster (1941) bezweifelt, dass ein Reifungsfraß überwinterter Käfer stattfindet. Rheinheimer und Hassler (2018) erwähnen, dass die Käfer an Blüten und Blättern sowie Pollen der Wirtspflanzen fressen. Auch Stute und Schäfer (2018) erwähnen die Ernährung von Pollen, weswegen die Käfer laut jener Arbeit nur zur Blüte im Ackerbohnenbestand aktiv sein sollen. Unspezifischer Blütenbesuch und Pollenfraß konnten in der vorliegenden Studie ebenfalls nachgewiesen werden. Blätter wurden nie angefressen. Vermutlich liegt hier eine Verwechselung mit dem Besuch von extrafloralen Nektarien vor. Liebster (1941) schreibt richtig, dass Fraßspuren an jungen Blättern und Blattknospen, die bisher B. rufimanus zugeordnet wurden, sicherlich auf einer Verwechslung mit denen des Blattrandkäfers (Sitona lineatus) beruhen.

Beim Fehlen blühender Futterpflanzen soll es möglich sein, dass die Käfer eine reproduktive Diapause einlegen, bis blühende Futterpflanzen vorhanden sind, dann erst entwickeln sich Eier in den Ovarien weiter (Huignard et al. 1990). In der vorliegenden Studie zeigte sich, dass die Käfer auch auf andere Blütenpflanzen ausweichen können und somit im betrachteten Untersuchungsgebiet eine Diapause nicht notwendig war.

Wenn die Pflanzen ein gutes Nahrungsangebot bieten, werden die Weibchen davon angelockt und verbleiben länger dort, da auch die Chancen für die Entwicklung von zur Eiablage geeigneten Hülsen besser sind (Medjdoub-Bensaad et al. 2007). Vor allem die randständigen Pflanzen eines Schlages werden von einer höheren Anzahl an Ackerbohnenkäfern zur Eiablage aufgesucht (vorliegende Studie). Im Inneren des Schlages fanden sich auch vitale Pflanzen mit einer großen Zahl an Hülsen, die jedoch aufgrund ihrer schattigen Lage seltener besucht wurden (Ergebnis der vorliegenden Studie). Bisher festgestellte Eiablagezahlen (mehr als 30 Eier pro Hülse: Hoffmann und Schmutterer 1999) wurden im Untersuchungsgebiet wesentlich überschritten.

Eine Bekämpfung der schlüpfenden Larven ist mit den derzeit angewandten Methoden nicht sinnvoll, da sich die Larven direkt unter der Eihülle in die Hülse einbohren. Sie sind gegen äußere Einwirkungen optimal geschützt.

Die Mortalität der Eier auf den Hülsen wurde untersucht (Seidenglanz und Huňady 2016). Dabei zeigte sich, dass zwischen 2 % und 55 % der abgelegten Eier absterben. In der vorliegenden Studie bestätigte sich eine Mortalität nicht. Die Mortalität der Larven in den Bohnen lag zwischen 66 % und 98 % (Seidenglanz und Huňady 2016). Gründe für die hohe Ausfallrate sowohl bei Larven als auch bei Puppen waren in der vorliegenden Studie Parasitierung, Kannibalismus und weitere Faktoren, die derzeit noch unbekannt sind.

Kotte (1960) schreibt von „Winterverstecken in der Nachbarschaft des Feldes“ und der Verschleppung von Käfern mit Saatgut. Die Käfer überwintern unter Baumrinde, in der Laubstreu und in Samen (Cox 2007; Middlekauf 1961; Seidenglanz und Huňady 2016; Tran et al. 1993). Koch (1992) sind folgende Angaben zur Überwinterung zu entnehmen: „überwintert unter Rinde und in anderen geeigneten Schlupfwinkeln“. B. rufimanus überwintert auch in den Samenhülsen (Rheinheimer und Hassler 2018). Bisher konnte im Freiland nur der letztgenannte Überwinterungsort bestätigt werden. In den Käfigversuchen verbargen sich die Käfer auch unter einer Mulchabdeckung, im Boden bis 5 cm Tiefe und vereinzelt unter Laubholzrinde.

Verhalten

In der vorliegenden Literaturrecherche sind keine Angaben dazu zu finden. Die häufigsten Bewegungen stellen kurze Flüge und langes Verweilen an einem bestimmten Ort auf der Pflanze dar. Es folgen kurze und lange Laufbewegungen mit gleichem Anteil. Am seltensten wurden lange Flüge beobachtet.

Nachweismethodik

Klopffänge im Pflanzenbestand erwiesen sich als effektivste Nachweismethode zur Ermittlung von kritischen Individuendichten (Vergleich mit der Anwendung von Farbschalen mit Fangflüssigkeit; Pölitz und Reike 2018). Die Bekämpfungsschwelle liegt nach Hoffmann und Schmutterer (1999) bei 10 Käfern an 100 Pflanzen.

Bedeutung in der Saatgutproduktion

Ausführungen zum Schlupfverhalten finden sich bei Pölitz und Reike (2018). Hierbei konnte eine Mortalität bis zu 98 % ermittelt werden. Die wenigen bis zur Aussaat in den Ackerbohnen überlebenden Käfer stellen kein ernstzunehmendes Ausgangspotenzial für die Neubesiedelung eines Schlages mit B. rufimanus dar. Derzeit laufende Untersuchungen sollen diese Aussage zusätzlich prüfen.

Bei gelagertem Saatgut wird zur Abtötung von im Samen überwinternden Käfern entweder Begasung (Kohlendioxid, Aluminiumphosphid, Deltamethrin), Stäubemittel oder eine Wärmebehandlung über 60 °C für einen Zeitraum von drei bis vier Stunden empfohlen (Stute und Schäfer 2018). Bereits Liebster (1941) diskutiert diese Methoden ausführlich und bezeichnet ihren Wirkungsgrad als zu gering und ihre Anwendung demnach als nicht empfehlenswert. Dies wird damit begründet, dass die Behandlung des Saatgutes nur einen Teilerfolg bringt, der umso geringer ist, je mehr Käfer bereits im Herbst schlüpften. Wenige Tage Verzögerung bei Ernte, Einfuhr und Drusch begünstigen stark die Anzahl überlebender Käfer.

Notes

Interessenkonflikt

B. Pölitz und H.-P. Reike geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Referat PflanzenschutzSächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und GeologieNossenDeutschland
  2. 2.ChemnitzDeutschland

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