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Wiener klinisches Magazin

, Volume 21, Issue 6, pp 233–233 | Cite as

Unangenehme Wahrheiten und Aufrichtigkeit

Was Philosophie, Literatur und Lyrik der Medizin bieten können
  • Verena Kienast
Editorial
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Er war kein angepasster Mensch, nahm vor allem auf sich selbst wenig Rücksicht und scheute keine Auseinandersetzung, wenn es darum ging, unangenehme Wahrheiten zugespitzt in die Öffentlichkeit zu bringen. Das hat ihm nicht nur Freunde eingebracht, letztlich aber doch die anhaltende Anerkennung eines integren Menschen: Im vergangenen Herbst hätte Helmut Qualtinger seinen 90. Geburtstag gefeiert und viele seiner oft bissigen Botschaften haben wenig bis gar nichts von ihrer Aktualität verloren.

Vier Semester lang hat Qualtinger übrigens auch Medizin studiert, aber die Lust am Theater, an der kritischen Darstellung und den öffentlichen Auftritten wog dann doch bald schwerer als das eher trockene Lernen. Der Erfolg gab ihm Recht. Ein Teil dieses Erfolges war wohl auch die Beziehung zu seinem Publikum und die Aufrichtigkeit, mit der Qualtinger sowohl privat als auch öffentlich agierte. Eine Qualität, die durchaus Parallelen mit dem Arztberuf hat, aber in der Praxis aus vielfachen Gründen oft nicht umgesetzt wird oder werden kann.

Dialog und Resonanz

So richtet sich derzeit – noch – der Begriff der „personalisierten Medizin“ ausschließlich auf die biologischen Voraussetzungen ganz im Sinne der reduktionistischen Sicht der Naturwissenschaften. Diese hat zwar, so Manfred Kanatschnig in seinem Beitrag „Von der ‚biologischen Person‘ zur Resonanz“ in dieser Ausgabe des wiener klinischen Magazins, zu den großen Erfolgen der Medizin beigetragen, aber auch den Menschen zum Objekt, zum Fall und zum Kunden eines Dienstleistungsunternehmen gemacht. Im Umgang mit den neuen Technologien wären Besonnenheit und Ehrlichkeit gefragt und es sollten keine falschen Hoffnungen bei den Patienten geweckt werden, fordert der Autor und zitiert Ludwig Wittgenstein: „Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Und genau um diese zusätzliche Facette sollte es gehen. Die Tendenz zu glauben, dass alles – technisch – machbar ist, bedeutet aber eine Entfremdung von Mensch und Medizin. Die „personalisierte Medizin“ führt nicht unbedingt zu einer persönlichen Medizin, wie auch schon Thomas Bernhard von seinen Aufenthalten in der Lungenabteilung der Baumgartner Höhe in Wittgensteins Neffe zu berichten wusste: „Die Visite, der Höhepunkt an jedem Tag, war gleichzeitig immer die größte Enttäuschung gewesen.“ Es ist nicht besser geworden.

Der Begriff der „Person“ aus dem lateinischen „persona“, das für die Maske des Schauspielers stand, umfasst bereits die Komplexität, die damit verbunden ist. Und Person ist nicht nur der Patient, sondern auch der Arzt. Das Plädoyer kann daher nicht Harmonie sondern Resonanz sein, stellt Kanatschnig fest und auch hier lauern Fallgruben: „Es darf bei Resonanz keinesfalls um Herrschaft und beherrscht Werden gehen. Dies wäre das narzisstische Verhältnis, wo einer den anderen für eigene Zwecke der Anerkennung missbraucht.“ In der Resonanz müssen beide Seiten anerkennen, dass es Bereiche der Unverfügbarkeit gibt und zwar mehr als wir uns vorstellen können oder wollen. Dafür braucht es aber auch die Rahmenbedingungen wie die verfügbare Zeit und der passende Raum – geistig wie physisch. Ein Qualitätsmanagement, das sich vor allem der Effizienz widmet, verfehlt das Ziel. Dazu zieht der Autor Mark Twain heran: „Nachdem wir das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.“ Und dazu hatte – naturgemäß – auch Helmut Qualtinger etwas zu sagen in seinem Halbwilden: „Ich hab zwar ka Ahnung wo ich hinfahr’, aber dafür bin ich g’schwinder dort!“

Geschwindigkeit und Effizienz sollten jedenfalls nicht das vorrangige und alleinige Ziel sein

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Authors and Affiliations

  1. 1.SpringerMedizinWienÖsterreich

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