Pädiatrie & Pädologie

, Volume 52, Supplement 1, pp 4–9 | Cite as

Netzwerke überall?

Anmerkungen zum wissenschaftlichen und praktischen Gebrauch von Netzwerk und Netzwerkanalyse
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Leitthema
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Zusammenfassung

Der Begriff Netzwerk hat in der Gegenwartsgesellschaft Konjunktur: In Alltagskommunikationen (real und virtuell in den sozialen Netzwerken) und auch in vielen unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Kontexten. Auch in der Wissenschaft sind Netzwerke angekommen – als Netzwerkanalysen oder sogar als Netzwerktheorie. Der Beitrag versucht zu zeigen, ob und wie ein wissenschaftlich informiertes Konzept von Netzwerkanalyse und Netzwerkorganisationen als Entwicklungsperspektive für eine verbesserte soziale Unterstützung und professionelle Versorgung von erkrankten Kindern und Jugendlichen nützlich sein können.

Schlüsselwörter

Netzwerktheorie Netzwerkanalyse Systemtheorie Soziale Unterstützung Integrierte Versorgung 

Networks everywhere?

Some comments on the scientific and practical use of networks and network analysis

Abstract

The concept of network is highly topical in today’s society: in everyday life (both real and virtually in the social networks) and in a wide range of political and business contexts. Networks have also reached the field of science – in the form of network analysis or even network theory. The paper attempts to show whether and how the scientifically well-founded concepts of network analysis and network organisations could be useful in developing new perspectives for improving the social support and professional care of sick children and adolescents.

Keywords

Theory of networks Network analysis Systems theory Social support Integrated care 

Der Beitrag beginnt mit einem kurzen historischen Einstieg in die Geschichte von Netzwerkanalysen. In einem zweiten Schritt wird ein Blick darauf geworfen, wie sich die Gegenwartsgesellschaft (auch) als eine Gesellschaft beschreibt, in der der private und berufliche Alltag von vielen durch Netzwerke(n) bestimmt wird. In einem nächsten Schritt wird angesprochen, dass ein breites Spektrum von (gesellschaftlichen) Phänomenen mit netzwerkanalytischen Perspektiven beobachtet wird. Angesprochen wird in mehreren Schritten, was das Gemeinsame von Netzwerkanalysen in verschiedenen Bereichen der Sozial-, aber auch Naturwissenschaften ist, ob so etwas wie eine allgemeine Netzwerktheorie im Blickfeld auftaucht und ein neues wissenschaftliches Paradigma darstellt bzw. ob die feld- bzw. disziplinenübergreifende Gemeinsamkeit primär Analysemethoden und Modelle betrifft. Des Weiteren gibt der Text einen groben Überblick über sozialwissenschaftliche Anwendungen von Netzwerkanalysen und fokussiert dann auf sozialwissenschaftliche Perspektiven zum Gesundheitsbereich [1]. Nach einem Überblick über einige netzwerkanalytisch bearbeitete Fragestellungen werden 2 Bereiche, nämlich die Unterstützung von Betreuungsbedürftigen (v. a. chronisch Kranken) und die Rolle von Vernetzung zwischen organisatorisch unabhängigen Akteuren in der Gesundheitsversorgung behandelt, und diskutiert, welche Erwartungen an Netzwerke, formale Organisationen oder Netzwerkorganisationen als Hybride formuliert werden können.

Entwicklungsstränge der Netzwerkanalyse

Der deutsche Soziologe Boris Holzer hat in seiner einführenden Darstellung zu sozialwissenschaftlichen Anwendungen von Netzwerkanalysen die Entwicklung der heutigen Situation in anschaulicher Weise dargestellt [2]. Er beginnt die Rekonstruktion von 2 Strömungen, die in den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Ausgang genommen haben. Holzer sieht den Ausgangspunkt der ersten Strömung in der strukturfunktionalistischen Anthropologie, den der zweiten in Morenos Soziometrie und Lewins Feldtheorie. Diese Entwicklungen bauten auf Ansätzen in der Soziologie, Sozialpsychologie und Anthropologie auf, und als Soziologe verweise ich gerne auf Georg Simmel, der schon am Beginn des 20. Jahrhunderts Überlegungen zur quantitativen Bestimmtheit der Gruppe und zur Kreuzung sozialer Kreise als soziologische Konzepte angestellt hat. Damit sollte die Einbettung von Individuen in soziale Beziehungen als eigenständiger Gegenstand soziologischer Analyse erschlossen werden.

Aus dem Kontext der Sozialpsychologie stammt Morenos Soziometrie, die mit der Messung von Sympathiewerten Gruppenstrukturen beschreiben wollte.

Holzer beschreibt den von dort ausgehenden zunehmenden Import von formalen Methoden und Modellen, die in der Netzwerkanalyse typischerweise verwendet werden (Graphentheorie, Triadenanalyse, Diffusionsmodelle etc.; vgl. [2, S. 29–34] für eine knappe Rekonstruktion).

Innerhalb der Netzwerkforschung kann der Versuch beobachtet werden, so etwas wie ein einheitliches Paradigma (im Sinn des Konzepts von Thomas Kuhn) zu identifizieren bzw. zu entwickeln. Gesucht wird ein Forschungsprogramm, das einen Rahmen für ähnliche Fragestellungen und die Verwendung ähnlicher Methoden hergibt.

Hoffnungen werden da vor allem in die mathematische Netzwerktheorie gesetzt. Aber viele praktische Anwendungen der sozialen Netzwerkforschung arbeiten durchaus auch mit qualitativen Methoden – von paradigmatischer Geschlossenheit ist bisher noch relativ wenig zu sehen. Pointiert formuliert: Das große Interesse an und die Faszination der Netzwerkanalyse können durch den Entwicklungsstand dieser Forschung m. E. nicht ausreichend erklärt werden.

Gesellschaftliche Verwendungen

Nutzung im Rahmen alltagspraktischer Beschreibungen

Ein zweiter Zugang zum besseren Verständnis der Faszination des Konzepts Netzwerk bezieht sich auf unseren alltagspraktischen Umgang.

Die kaum zu überschätzende gesellschaftliche Bedeutung der technischen Vernetzung unseres Lebens über das Internet ist hier sicher ein relevanter Faktor. Kaum eine andere technologische Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat das private und berufliche Leben in vielen Bereichen so massiv verändert wie diese vielfältigen realen und virtuellen Vernetzungen. Das soziale Netzwerken wird als eine ganz zentrale Strategie in Beruf und Privatleben eingesetzt und scheint immer mehr Zeit und Ressourcen zu konsumieren. Wenn wir genauer hinsehen, wie in dieser Beschreibung unserer Lebenspraxis die Begriffe Netzwerk, mit Netzwerken zu arbeiten, vernetzen etc. verwendet werden, so wird deutlich, dass diese Konzepte meist nicht streng entsprechend den formalen Modellen, sondern eher in einem metaphorischen Sinn verwendet werden.

Nutzung als Planungs- und Entwicklungskonzept

Eine weitere Linie in der praktischen Verwendung von Netzwerkkonzepten lässt sich im Management, in der Politik und in der Verwaltung und auch in den darauf bezogenen angewandten Wissenschaften identifizieren. Dort haben sich Netzwerke als Analyse‑, Planungs- und Entwicklungskonzept bewährt.

Es scheint, dass gerade im Kontext von Organisationen und Bürokratien das Denken und Handeln unter Nutzung von Netzwerkkonzepten attraktiv ist.

Die Arbeit mit Netzwerken ermöglicht es, starre Kopplungen aufzulösen. Dinge, die man sonst nur über organisationales Wachstum lösen kann (mit allen Folgewirkungen wie hohem Mitteleinsatz, starken Bindungswirkungen), lassen sich so deutlich flexibler handhaben. Starre rechtliche oder organisationale Regulierungen können durch die Nutzung von Netzwerkstrategien umgangen werden und damit kann es zu einer Deregulierung und Autonomisierung bestimmter Teilprozesse kommen. Diese Beschreibung liest sich für viele wie ein Auszug aus dem Sündenregister des Neoliberalismus – aber mit Netzwerken soll es auch zur Reintegration ansonsten vereinzelter Akteure, zu verstärkter Kooperation statt der Konkurrenz aller gegen alle, zur Nutzung von Synergien etc. kommen.

Netzwerke sozialer Beziehungen als soziales Kapital

Soziale Netzwerke im Sinn von Beziehungen zu anderen, möglichst wichtigen, einflussreichen, mächtigen Akteuren werden z. B. vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu als soziales Kapital verstanden, das einen wesentlichen Teil unseres Reichtums ausmachen kann (und ein Mangel eine wichtige Dimension von Armut und ein wesentliches Risiko für Gesundheit!).

Ähnlich positiv sind auch die Assoziationen, die die Vorstellung eines (durch rechtliche Regelungen und Ansprüche) eng geknüpften sozialen Netzes auslöst, das in schwierigen Lebenslagen Sicherheit bietet und einen tiefen Absturz verhindert, ohne in die Enge der starren Eingebundenheit in traditionelle Strukturen persönlicher Abhängigkeiten zurückzuführen. Gerade wenn es im Kontext dieser Tagung um Gesundheit und Sicherheit von Kindern und Jugendlichen geht, ist das wohl eines der erwünschten positiven Ergebnisse des Netzwerkens.

Netzwerke als parasitäre Strukturen – die dunkle Seite

Die Netzwerkmetaphorik ist aber noch vielfältiger und die Konzepte von Netzwerk und Netzwerken verweisen auch auf soziale Strukturen, die wir oft auch als pathologisch wahrnehmen können. Boris Holzer hat das 2006 als „Netzwerk mit Nebenwirkungen“ bezeichnet. Informelle, klandestine Netzwerke korrumpieren das Funktionieren von Märkten, rechts- oder wohlfahrtsstaatlichen Institutionen. Seilschaften, die objektivierte Auswahlprozesse nach rationalen, am Gemeinwohl orientierten Kriterien unterlaufen, mit möglicherweise mafiösen Strukturen; alles das kann mit Netzwerkbegriffen bzw. im Rahmen von Netzwerkanalysen beschrieben werden.

Theoretische Perspektiven

Soziologen stellt sich die in ihrer Disziplin sehr relevante Frage, wie Netzwerke in ein theoretisches Verständnis der grundsätzlichen Strukturen und Dynamiken unserer Gegenwartsgesellschaft eingeordnet werden können. In der klassischen systemtheoretischen Perspektive werden Funktionssysteme und Organisationen als jene Systemtypen verstanden, die sich in der Evolution unserer globalisierten Gegenwartsgesellschaft als zentral durchgesetzt haben.

Funktionssysteme beobachten die Welt bzw. organisieren die Kommunikation jeweils nach einer bestimmten Unterscheidung – die Wirtschaft nach zahlungsfähig sein oder nicht, die Politik nach Regierung oder Opposition sein, die Wissenschaft nach wahr oder falsch sein etc.

Diese Systeme steigern ihr Auflösungsvermögen für diese Grundunterscheidungen; sie versuchen, die ganze Welt unter dieser Perspektive zu sehen, und lösen dabei eine starke Dynamik aus. In der Krankenbehandlung können wir dies beobachten als Krankheitsinflation, Kostenexplosion, als Medikalisierung, auch dass immer mehr als behandelbar, immer mehr als (gesundheitlich) optimierbar verstanden wird.

Offenheit erzeugt potenziell eine enorme Dynamik

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass das Grundprinzip funktionaler Differenzierung ein universalistisches ist. Alle sind prinzipiell eingeladen und aufgefordert, teilzunehmen an dieser Entwicklung, an dieser Kommunikation, aber es ist ein völlig offenes Differenzierungsprinzip. Diese Offenheit erzeugt potenziell eine enorme Dynamik und es scheint, als könnte das die Gesellschaft auch komplett überfordern.

Die Gesellschaft löst dieses Problem über andere soziale Formen, die nach Prinzipien funktionieren, die diese Offenheit und Dynamik begrenzen und bremsen können und eine Form bieten, in der auch Konkurrenz und Widersprüche zwischen den unterschiedlichen Funktionssystemen besser handhabbar werden. Aus der Perspektive einer systemtheoretischen Soziologie dürfte das vor allem der Typus der formalen Organisation sein. Im Unterschied zu Funktionssystemen sind Organisationen prinzipiell geschlossen, sie haben klare Grenzen, klare Mitgliedschaftskriterien und formalisierte Kommunikationsstrukturen und sind in aller Regel auch hierarchisch strukturiert (was für koordinierte kollektive Handlungsfähigkeit – „agency“ – wichtig ist!).

Netzwerke sind mangels strategischer Spitze üblicherweise nicht kollektiv handlungsfähig

Netzwerke sind in dieser Hinsicht einerseits funktional durchaus ähnlich zu Organisationen; man kann sie dabei als in vieler Hinsicht offener, flexibler wahrnehmen. Sie haben häufig keine so klaren Grenzen, können prinzipiell auch globalisiert sein und sind in der Regel nicht hierarchisiert – das klingt sympathisch, aber heißt auch, dass Netzwerke mangels strategischer Spitze üblicherweise nicht kollektiv handlungsfähig sind.

Netzwerke unterscheiden sich auch in anderer Hinsicht von Organisationen: Sie funktionieren primär auf der Basis von direkten Beziehungen, in der Regel auf der Basis von Austauschbeziehungen zwischen konkreten Akteuren: Vertrauen, Reziprozität, Gegenseitigkeit sind meist wichtige Prinzipien. Solche Beziehungen müssen aber gepflegt werden und beinhalten in der Regel auch einen Aspekt von oft persönlichen Abhängigkeiten.

Alles das sind eigentlich Elemente, die – im Gegensatz zum in der Evolution der Gegenwartsgesellschaft sehr wichtigen Universalismus – in der Regel sehr partikularistisch sind. D. h. ich habe zu manchen Personen ein Vertrauensverhältnis (aufgrund von Erfahrungen), aber zu anderen nicht unbedingt, manche andere sind mir verpflichtet, andere nicht etc. Das heißt, ich werde mit manchen Personen interagieren, unabhängig davon, ob diese vielleicht objektiv besser oder schlechter qualifiziert sind, und mit anderen werde ich dies wiederum nicht tun. Das sind Spannungsverhältnisse zu den universalistischen Prinzipien z. B. des Rechts, der Demokratie, der wissenschaftlichen Wahrheitssuche etc., die jedenfalls die Soziologie interessieren.

Netzwerkanalyse als universelles Modell?

Wie schon oben angesprochen: Das Konzept Netzwerk wird sowohl im naturwissenschaftlich-technischen Bereich als auch in den Sozialwissenschaften verwendet. Ganz exemplarisch: In der Naturwissenschaft bzw. Technik geht es z. B. um Netzwerke in Energiesystemen und die Informatik ist eine Netzwerkwissenschaft par excellence.

Aus meiner eigenen disziplinären Perspektive und auch im Kontext der Fragestellungen und Zielsetzungen dieser Tagung sind natürlich die sozialwissenschaftlichen Anwendungen von besonderem Interesse. Aber welchen Status, welche Bedeutung hat der Netzwerkbegriff, hat die Netzwerkanalyse in der Gegenwartswissenschaft? Dazu wird im nächsten Abschnitt diskutiert, ob die Orientierung an Netzwerken ein neues wissenschaftliches Paradigma darstellt.

Netzwerkanalyse als neues Paradigma?

Stellt das Netzwerkkonzept ein neues wissenschaftliches Paradigma dar (im Verständnis von Thomas Kuhn)? Zumindest im Handbuch der Netzwerkanalyse werden solche Ansprüche formuliert [3]. Weitgehend konsensfähig scheint in der Sozialwissenschaft (außer in sehr fundamentalistischen Kontexten) zu sein, dass es soziale Phänomene wie Systeme und Netzwerke tatsächlich gibt [4] und sich diese sozialen Phänomene auch unterscheiden, beschreiben und vergleichen lassen.

Kritisch diskutiert wird jedoch, ob Netzwerktheorie und Netzwerkanalyse tatsächlich Teile eines integrierten, konsistenten Wissenschaftsprogramms sind, das grundsätzliche Fragen, Methoden und Plausibilitätsbedingungen strukturiert – alternativ oder komplementär zu anderen Paradigmen.

Das Netzwerkprogramm verspricht ein Fokussieren auf Beziehungen

In der Soziologie wird z. B. gefragt, ob die Netzwerktheorie eine ernsthafte Alternative z. B. zur Systemtheorie oder zu Rational-choice-Ansätzen ist. Was das Netzwerkanalyseprogramm jedenfalls in der Soziologie als Vorzug verspricht, ist – um ein Beispiel zu geben – eine größere Nähe der Beobachtungsperspektive zu den sozialen Prozessen und eine größere Distanz zur verbreiteten individualistischen, häufig sozial-psychologischen Verkürzung des Sozialen. Das heißt: Das Netzwerkprogramm, die relationale Soziologie, verspricht ein Fokussieren auf Beziehungen und nicht auf einzelne Akteure und Individuen, und es ist auch ein Konzept, das gegenüber großen gesellschaftstheoretischen Abstraktionen und deren Metaphorik sehr distanziert bleibt.

Boris Holzer als Systemtheoretiker ist diesem Anspruch gegenüber etwas skeptischer und fragt deshalb, was das Gemeinsame in der Netzwerkanalyse tatsächlich ist, ob sich da so etwas wie ein gemeinsames Forschungsprogramm herausschält. In seinem 2006 veröffentlichen Buch stellt Holzer Fragen wie: Welche Phänomene nimmt die Netzwerkanalyse theoretisch in den Blick? Welche Analysemethoden werden tatsächlich eingesetzt; was ist praktische Netzwerkforschung? Welche spezifischen Erklärungsmodelle werden entwickelt? Was könnte dann die Netzwerktheorie sein, auf die das Ganze zusteuert?

Insgesamt war Holzer (2006) eher skeptisch in Bezug auf den Entwicklungsstand einer allgemeinen Theorie der Netzwerke – und auch skeptisch, ob es sie in Zukunft geben wird; die Diskussion läuft aber weiter (vgl. als vertiefende Literatur verschiedene Beiträge in Sammelbänden, z. B [3, 5]; ein neuer Band Stegbauer und Holzer soll noch 2017 erscheinen [6]).

Konzepte und Methoden

Weitgehend konsensfähig scheint zu sein, dass es ein bestimmtes Repertoire von Konzepten und Methoden der Netzwerkanalyse gibt. Zentral in den meisten Ansätzen der Analyse von Netzwerken ist ein starkes Interesse an Strukturen; weitere zentrale Konzepte sind dann Knoten und Kanten, Muster (wie Verdichtungen, starke und schwache Knoten, strukturelle Löcher), Richtungen und Stärke von Beziehungen etc.

In der Analyse von (sozialen) Netzwerken können Akteure (Individuen oder kollektive Akteure wie Organisationen) als Knoten von Netzwerken und Beziehungen zwischen diesen Akteuren als Kanten verstanden bzw. dargestellt werden.

Die (soziale) Netzwerkanalyse lenkt unsere Aufmerksamkeit darauf, dass starke und schwache Beziehungen unterschiedliche Leistungen ermöglichen oder aber auch erschweren. Quantitative Analysen von Beziehungsnetzwerken weisen uns auf mögliche Ursachen oder Mechanismen sozialer Ungleichheit hin – und erzeugen dann rasch Fragen, ob mehr immer besser ist, was Qualität bzw. Leistungsfähigkeit von Beziehungen ausmachen könnte und wie das differenzierter erheb- bzw. analysierbar wäre.

Eine Reihe von (formalen) Methoden werden dem zentralen Kanon von Netzwerkanalysen zugerechnet, die im Rahmen dieses Beitrags nicht im Einzelnen diskutiert werden können:
  • Beziehungsmatrix

  • Graphentheorie

  • Zentralitäts- und Prestigemaße

  • Dyaden/Triaden

  • Cliquen und andere Teilgruppen

  • Positionale Analysen

  • Egozentrierte Netzwerke

  • Sozialwissenschaftliche Datenerhebung: qualitativ/quantitativ, „mixed methods“

  • Statistische Analysen

Diese Modelle bzw. Methoden unterscheiden sich erheblich in Komplexität und leichter Nachvollziehbarkeit. Ein häufig angewendetes und gut nachvollziehbares Modell sind z. B. Analysen in Form von egozentrierten Netzwerken. Diese ermöglichen einerseits die Komplexität von sozialen Feldern gut zu verdeutlichen und eignen sich trotzdem gut als Analyse‑, Planungs- und Entwicklungskonzepte (z. B. zum Einsatz in der Planung eines Versorgungsnetzes für komplexe gesundheitliche und soziale Probleme bei der Versorgung von schwer erkrankten alten Menschen im häuslichen Umfeld; [7]).

Anwendungsbereiche in der Sozialwissenschaft

Netzwerkanalysen werden in einer Vielzahl von Bereichen eingesetzt. Wenn man das Handbuch der Netzwerkanalyse zur Hand nimmt, so ergibt sich folgende Liste [3]:
  • Wirtschaft und Organisation

  • Politik und Soziales

  • Wissenschaft, Technik und Innovation

  • Geschichtswissenschaft

  • Geographie

  • Raum- und Verkehrsplanung

  • Psyche und Kognition

Schauen wir in der gleichen Quelle spezifisch auf den Bereich Politik und Soziales, so gibt es eine ganze Reihe von Forschungsfeldern, in denen Netzwerkanalysen zum Einsatz kommen:
  • Soziale Unterstützungsnetzwerke

  • Familienerweiterung, Familienersatz

  • Arbeitslosigkeit und soziales Netzwerk

  • Soziale Netzwerke im Gesundheitsbereich

  • Netzwerke in der Versorgung, Selbsthilfe etc.

  • Soziale Netzwerke und Kriminalität

  • Soziale Bewegungen und die Bedeutung von Netzwerken

  • Netzwerke in der Erziehungswissenschaft

Für die Zielsetzungen dieser Tagung relevant sind zunächst sicher soziale Unterstützungsnetzwerke im Sinn von Familienerweiterung und Familienersatz. Auch das Thema Arbeitslosigkeit und soziales Netzwerk (Arbeitslosigkeit als Risiko für das soziale Netzwerk) kann relevant sein, und natürlich soziale Netzwerke im Gesundheitsbereich.

Netzwerkanalyse im Gesundheitsbereich

Kardorff [8] hat in seinem Handbuchartikel zur Netzwerkanalyse im Gesundheitsbereich und in der Rehabilitation zusammengefasst, dass es in diesem Bereich sehr hohe Erwartungen an Vernetzung als Analyse- und vor allem auch als praktische Lösungsstrategie gibt. Er identifiziert folgende Bereiche, in denen Erwartungen an das Denken und Handeln unter Berücksichtigung einer Netzwerkperspektive formuliert sind:
  • Stärkung familialer/informeller Ressourcen

  • Emergenz von Selbsthilfe/zivilgesellschaftlichem Engagement

  • Überbrückung von Schnittstellen im Versorgungssystem – Synergieeffekte, Kosteneinsparungen

  • Entwicklung von Pflegenetzwerken

  • Soziale Unterstützungsnetzwerke bei chronischer Krankheit und Pflegebedürftigkeit

  • Ressourcenentwicklung für Gesundheitsförderung, Rehabilitation

Kardorff [8] liefert des Weiteren einen Überblick über Bereiche, in denen mit einer Netzwerkanalyseperspektive konkrete Forschungsarbeiten durchgeführt wurden. Die 5 Bereiche der Forschung, in denen geforscht wird, sind
  1. 1.

    Soziale Unterstützung bei chronischer Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit;

     
  2. 2.

    Soziales Kapital und Ressourcen für Gesundheitsförderung und Rehabilitation;

     
  3. 3.

    Selbsthilfe und Selbstorganisation als bürgerschaftliches Engagement;

     
  4. 4.

    Information, Kommunikation und Vernetzung im Internet;

     
  5. 5.

    Koordination, Kooperation und Vernetzung im Versorgungssystem.

     

Die folgenden zwei Beispiele sollen nachvollziehbarer machen, was man mit einer Netzwerkanalyse sehen kann.

Das erste Beispiel bezieht sich auf Thema 1 – die soziale Unterstützung bei chronischer Krankheit.

Kardorff weist darauf hin, dass das Grundmodell für die Versorgung die intra- und intergenerationale Unterstützung durch Angehörige, durch die Kernfamilie ist. In Bezug darauf kann man mit einer Netzwerkperspektive sehen, dass das Modell auf einer normativen Ebene sehr stabil ist – dass sich z. B. Partner um einander, Eltern um ihre Kinder, Kinder um ihre Eltern kümmern und den zentralen Unterstützungspart spielen sollen – das entspricht den Erwartungen großer Mehrheiten. Netzwerkanalytisch kann man sehen, dass „strong ties“ mit starkem, auch sozial massiv sanktioniertem Verpflichtungscharakter, sehr tragfähig sein können. Wenn die Belastungen aber längere Zeit anhalten, kann sich das aber häufig als prekär erweisen. Unter anderem, weil sich die sozialen Unterstützungsnetzwerke der Kernfamilien (Verwandte, Freunde, etc.) häufig als wenig tragfähig erweisen und rasch ausdünnen, bis zur sozialen Isolation. Teilhabechancen (z. B. am Arbeitsmarkt) können durch Versorgungsaufgaben massiv eingeschränkt werden, und die Betroffenen haben unter Umständen auch eine fatale Tendenz zur Selbstexklusion bzw. zur Orientierung an Sonderstrukturen. Solche Entwicklungen sind im Bereich der Altenbetreuung (pflegende Angehörige) gut bekannt und es kann angenommen werden, dass das im Bereich Kinder wohl strukturell ähnlich verlaufen kann.

Ein zweites Beispiel, das ebenfalls relevant für das Thema dieser Tagung ist, bezieht sich auf Koordination, Kooperation und Vernetzung im Versorgungssystem – gerade im Fall komplexer Versorgungsbedürfnisse und limitierter Selbstversorgungsfähigkeiten. Das Beispiel ist ein Pilotprojekt zur Organisation komplexer Versorgungsleistungen für alte Menschen in akuten Krankheitsphasen zu Hause (Projekt Ganzheitliche Hauskrankenpflege des Wiener Roten Kreuzes, vgl. [7]).

Bei diesem Pilotprojekt wurde schon vor 20 Jahren sehr gut sichtbar, dass bei Bedarf an komplexen Versorgungsleistungen in (relativ) akuten Situationen mit potenziell schwerwiegenden Folgen eine nur lose, eher unverbindliche Vernetzung der Versorger hoch problematisch sein kann. Dann bedarf es eines verlässlichen Systems, in dem die Kooperation von potenziell unabhängigen Akteuren durch eine zumindest teilweise und temporär formalisierte „Netzwerkorganisation“ koordiniert wird.

Fragestellungen in der Analyse des Projekts waren unter anderem:
  • Kann die Betreuung von Menschen mit komplexem und akutem Versorgungsbedarf primär auf Basis loser, netzwerkförmiger Kooperationsbeziehungen gesichert werden?

  • Wie wird Verbindlichkeit hergestellt, damit verlässlich, rasch, umfassend und qualitätsvoll auf (veränderte) Bedürfnisse reagiert wird?

  • Wieviel (und welche) Organisation braucht es, damit die Bereitschaft entsteht, diese Verantwortung zu übernehmen, und nicht z. B. an Krankenhäuser zu delegieren?

  • Handelt es sich dann noch um Netzwerke oder schon um formale Organisationen – oder um Hybride, die sich als Netzwerkorganisation beschreiben lassen?

  • Was bewährt sich, um Netzwerkorganisationen zu stabilisieren?
    • Formale Mitgliedschaft – (einklagbare) Verträge?

    • Unterstützende Dienstleistungen (z. B. professionelles Case- und Care-Management)

    • Persönliche (reziproke) Verpflichtung aller wichtigen Akteure – (moralisch) sanktioniert?

    • Hohe finanzielle oder ähnliche Anreize

Zusammenfassung

Die Konzepte Netzwerk bzw. Netzwerkanalyse werden im Gesundheits- und Sozialbereich häufig verwendet, allerdings viel häufiger in einer metaphorischen Weise bzw. einer praktisch-angewandten Perspektive als in einem strengen, wissenschaftlich kontrollierten Sinn.

Die Konjunktur der metaphorischen Verwendung hat wahrscheinlich mit der generellen Konjunktur des Netzwerkbegriffs im Zusammenhang mit der Entwicklung des Internets zu tun (so Baecker [5]) und lässt sich aus der Perspektive dieses Autors auch als Indikator für starke Bedürfnisse nach Verbindung, Zusammenhalt, Sicherheit in einer globalen Konkurrenzgesellschaft verstehen.

In praktisch-angewandter Perspektive ist die Forcierung von Netzwerken auch als Strategie verständlich, flexibel mit (zu) starren Organisationsgrenzen umzugehen, mit Flexibilisierung von Regeln bezüglich Mitgliedschaft und etablierten Regulierungen von Kommunikations- und Arbeitsprozessen, die bei der Erprobung neuer Zwecksetzungen und der Entwicklung neuer, innovativer Lösungen Vorteile versprechen. Häufig handelt es sich bei den Netzwerken aber um partiell bzw. temporär organisierte soziale Gebilde, die versuchen, Stärken der unterschiedlichen sozialen Formen von Organisation und Netzwerk miteinander zu verbinden.

Deutlich seltener werden Netzwerkkonzepte in einem strengen wissenschaftlichen Sinn eingesetzt. Ob es sich bei der Netzwerktheorie um ein neues Paradigma der Wissenschaft handelt, scheint nach den Diskussionen der letzten 25 Jahre immer noch fragwürdig. Aber auch aus kritischer Perspektive wird attestiert, dass es sich um reale und gesellschaftlich relevante soziale Phänomene handelt. Dass es sich bei der Netzwerkanalyse um einen spezifischen Pool von Fragestellungen, Modellen und Methoden handelt, die Phänomene ins Blickfeld nehmen können, die mit anderen Modellen nicht leicht ins Blickfeld kommen und dort nicht leicht analysierbar sind, scheint mittlerweile aber weitgehend konsensfähig.

Als Beispiel für die zunehmende Akzeptanz der wissenschaftlichen Relevanz in der Soziologie soll auf eine aktuelle Arbeit von Rudolf Stichweh verwiesen werden, der systemtheoretische Theorieentwicklung und Forschung in der Nachfolge nach Niklas Luhmann weitertreibt. Stichweh [9] identifiziert neben den Funktionssystemen, formalen Organisationen, epistemischen Gemeinschaften und globalisierten Interaktionssystemen auch globale Netzwerke mit der Charakteristik von „small world networks“ als einen grundsätzlichen Strukturtyp unser Weltgesellschaft.

Notes

Acknowledgements

Open access funding provided by University of Vienna.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

K. Krajic gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

Literatur

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Copyright information

© The Author(s) 2017

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für SoziologieUniversität WienWienÖsterreich

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