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Themenschwerpunkt „Familiäre Pflege wirkt. Zu welchem Preis?“

Special topic “Family care matters: at what cost?”

Mit der demografischen Alterung wird der Anteil der Menschen, die Pflege- bzw. Unterstützungsbedarfe haben, weiter steigen [5]. So ist die Zahl der Menschen mit Pflegebedarf im Sinne des SGB XI in Deutschland von 1999 bis 2017 von 2 Mio. auf 3,4 Mio. gewachsen [7]. Immer noch sind es weit überwiegend weibliche Familienangehörige, die Pflege- und Unterstützungsaufgaben hauptverantwortlich übernehmen [3]. Diese Sorgearbeit findet gesellschaftlich zwar Anerkennung, ihre sozialrechtliche und finanzielle Absicherung lässt allerdings trotz einiger Verbesserungen mit eher symbolischer Wirkung nach wie vor zu wünschen übrig. Insbesondere die Vereinbarkeit von Sorgearbeit mit der eigenen Erwerbstätigkeit ist für viele pflegende Angehörige weiterhin eine große Herausforderung. Insofern ist es nur folgerichtig, dass in der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie (ZGG) die informelle Pflege ein viel beachtetes Thema ist (zuletzt [1, 2, 4, 6, 8]).

Der hier vorliegende Themenschwerpunkt setzt einen besonderen Fokus: die ambivalenten Auswirkungen der Übernahme von Pflege- und Unterstützungsverantwortung für die Pflegenden. Die Beiträge wählen unterschiedliche Zugänge zum Thema:

Der Beitrag von Susanne Frewer-Graumann „Es ändert sich alles – der Alltag mit Demenz aus der Perspektive der Angehörigen“ zeigt, dass die Sorge für einen demenziell veränderten Menschen deutliche Veränderungen in verschiedenen Lebensbereichen bedeutet. Hierzu wurden 14 Interviews mit Hauptbezugspersonen von Menschen mit Demenz mit der Grounded Theory ausgewertet. Aus der Perspektive der pflegenden Angehörigen wiegt die Veränderung in sozialen Beziehungen offensichtlich besonders schwer, und es wird die immense Bedeutung der Selbstfürsorge für die tragfähige Gestaltung von Unterstützungsarrangements deutlich. Die Autorin fordert daher eine bessere „Unterstützung der Unterstützer*innen“.

Judith Kaschowitz und Patrick Lazarevic untersuchen in ihrem Beitrag „Anderer Indikator, anderes Ergebnis? Die Bedeutung der Wahl des Gesundheitsindikators bei der Analyse der Gesundheitsfolgen informeller Pflege“ den Zusammenhang zwischen informeller Pflege innerhalb und außerhalb des Haushalts und der Gesundheit der Pflegenden anhand von Daten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE). Sie vergleichen die Messungen mit verschiedenen Faktoren und kommen zum Ergebnis, dass sich informelle Pflege innerhalb des Haushalts signifikant negativ auf die Gesundheit auswirkt, und dies unabhängig vom betrachteten Gesundheitsindikator. Dagegen spielt für die Analyse von Pflege außerhalb des Haushalts der gewählte Gesundheitsindikator eine wichtige Rolle. Die Autor*innen empfehlen eine umfassende Operationalisierung der Gesundheit, um mögliche negative Folgen von familiärer Pflege auf die Gesundheit nicht zu unterschätzen.

Im Beitrag „(Ehe‑)Partnerschaft im Kontext der Pflegebedürftigkeit“ beschäftigen sich Marina Vukoman und Harald Rüßler mit der (Ehe‑)Partner*innenpflege; also den Fällen, in denen ein/eine (Ehe‑)Partner*in den/die anderen/andere (Ehe‑)Partner*in pflegt. Mithilfe von problemzentrierten Interviews können sie zeigen, dass Paare unterschiedliche Strategien entwickeln, um die Beziehung „neu zu ordnen“. Es wird zudem offensichtlich, dass Unterstützungsnetzwerke durch Pflegedienste, Kinder und Freunde von den Paaren als ambivalent angesehen werden. Auf der einen Seite bieten sie Entlastung, auf der anderen Seite wird durch deren Unterstützung ein Verlust an eigener Autonomie befürchtet. Abschließend betonen Vukoman und Rüßler die Spezifik der Konstellation von Pflege in (Ehe‑)Partnerschaften.

Ulrike Ehrlich, Lara Minkus und Moritz Heß diskutieren in ihrem Beitrag „Einkommensrisiko Pflege? Der Zusammenhang von familiärer Pflege und Lohn“, wie sich die Aufnahme von Pflege zusätzlich zur Berufstätigkeit auf das Arbeitsentgelt auswirkt. Anhand von Daten des sozioökonomischen Panels (SOEP) und „Fixed-effects“-Regressionen können sie zeigen, dass Erwerbstätige, die beginnen familiäre Pflege zu verrichten, einen signifikanten Bruttostundenlohnverlust von etwa 2,5 % erleiden. Die Autor*innen plädieren dafür, auf der sozialpolitischen und betrieblichen Ebene mehr in die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu investieren.

Im Beitrag „Gesundheitsvorstellungen und Gesundheitshandeln pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz“ geht Sarah Hampel zwei Fragen nach: was pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz tun, um ihre Gesundheit zu erhalten, und welche subjektiven Vorstellungen von Gesundheit sie haben. Hier wertete sie inhaltsanalytisch 23 Interviews mit häuslich pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz aus. Dabei zeigt sich, dass die Gesundheitsvorstellungen das Gesundheitshandeln der Pflegenden beeinflussen. Auf beides hat wiederum die Pflegetätigkeit einen Einfluss. Hampel empfiehlt, die Unterstützungsangebote für Pflegende möglichst flexibel und mobil zu gestalten.

Insgesamt verdeutlichen die Beiträge, wie vielschichtig Pflegesettings sind, aber auch, wie weitreichend die mit der Pflegeübernahme einhergehenden Veränderungen sein können. Damit verweisen sie zugleich auf die Notwendigkeit, familiär Pflegende noch differenzierter als bisher zu betrachten und zu unterstützen.

Literatur

  1. 1.

    Alltag S, Conrad I, Riedel-Heller S (2019) Pflegebelastungen bei älteren Angehörigen von Demenzerkrankten und deren Einfluss auf die Lebensqualität: Eine systematische Literaturübersicht. Z Gerontol Geriat 52(5):477–486

  2. 2.

    Dosch E (2016) „Neue Männer hat das Land“ Männer vereinbaren Pflege und Beruf. Z Gerontol Geriat 49(8):679–684

  3. 3.

    Ehrlich U, Kelle N (2019) Pflegende Angehörige in Deutschland: Wer pflegt, wo, für wen und wie? Z Sozialreform 65(2):175–203

  4. 4.

    Franke A, Kramer B, Jann PM, von Holten K, Zentgraf A, Otto U, Bischofberger I (2019) Aktuelle Befunde zu „distance caregiving“. Z Gerontol Geriat 52(6):521–528

  5. 5.

    Harper S (2015) The challenges of the twenty-first-century demography. In: Torp C (Hrsg) Challenges of aging: retirement, pensions, and intergenerational justice. Palgrave Macmillan, Houndmills, S 17–30

  6. 6.

    Sittler MC, Wilz GZ (2019) Wie gut schlafen pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz? Eine Untersuchung der Prävalenz und möglicher Prädiktoren. Z Gerontol Geriat. https://doi.org/10.1007/s00391-019-01579-3

  7. 7.

    Statistisches Bundesamt (2018) Pflegestatistik – Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen: Grunddaten, Personalbestand, Pflegebedürftige, Empfänger und Empfängerinnen von Pflegegeldleistungen. DeStatis, Wiesbaden

  8. 8.

    Zentgraf A, Jann PM, Myrczik J, van Holten K (2019) Pflegen auf Distanz? Z Gerontol Geriat 52(6):539–545

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Correspondence to Dr. Susanne Frewer-Graumann or Dr. Moritz Heß or Prof. Dr. Kirsten Aner.

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S. Frewer-Graumann, M. Heß und K. Aner geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Frewer-Graumann, S., Heß, M. & Aner, K. Themenschwerpunkt „Familiäre Pflege wirkt. Zu welchem Preis?“. Z Gerontol Geriat 53, 1–2 (2020). https://doi.org/10.1007/s00391-019-01680-7

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