Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie

, Volume 46, Issue 2, pp 104–105 | Cite as

Depression im Alter

Editorial
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Depression in late life

Depressionen stellen die häufigste psychische Störung bei alten Menschen dar. Nach einer aktuellen Metaanalyse beträgt die Punktprävalenz behandlungsbedürftiger depressiver Syndrome in der Bevölkerung bei über 75-Jährigen etwa 7% [1]. Bei alten Menschen mit ausgeprägter somatischer Komorbidität und daraus resultierenden Behinderungen ist von deutlich höheren Prävalenzen in einer Größenordnung von 15–25% auszugehen [2]. Neben dem aus dem Krankheitsbild per se resultierenden Leidensdruck sind Depressionen insbesondere bei alten Menschen mit einer erhöhten Suizidrate, aber auch einer erhöhten Gesamtmortalität verbunden und gehen gehäuft mit einer Einschränkung des Funktionsniveaus im Alltagsleben einher [3]. Die Prognose der Altersdepression wird belastet durch längere Phasendauern sowie eine Häufung von Rezidiven und chronischen Verläufen [4, 5].

George Alexopoulos, einer der weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet, hat wesentliche Merkmale depressiver Syndrome bei alten Menschen sehr treffend wie folgt charakterisiert:

Late life depressive disorders often arise in the context of psychosocial adversity, chronic medical diseases, and disability, and besides suffering and family disruption worsen medical outcomes. [6]

Auch wenn depressive Syndrome in der Mehrzahl der Fälle unter Berücksichtigung der Leitsymptome Herabgestimmtheit, Antriebsstörung sowie Freud- und Interessenverlust gut diagnostiziert werden können, so sind gerade bei alten Menschen atypische Bilder nicht selten. Diese äußern sich z. B. in einem unspezifischen Verlust körperlicher und psychischer Dynamik („allgemeiner Abbau“) ebenso wie in einer atypischen psychopathologischen Symptomatik, wie etwa demenzähnlichen Bildern oder durch Dysphorie und Somatisierungstendenzen geprägten Zuständen [7, 8]. Besondere Beachtung verdienen wahnhaft depressive Syndrome, die typischerweise mit Symptomen wie Krankheits-, Verarmungs- oder Schuldwahn einhergehen und aufgrund ihrer Schwere und deutlich erhöhten Suizidgefährdung nicht übersehen werden dürfen.

Aus einer Reihe von Gründen bestehen enge Wechselbeziehungen zwischen Depressionen und komorbiden somatischen Erkrankungen. Exemplarisch sei der Diabetes mellitus genannt. Es liegen klare Evidenzen vor, wonach der Diabetes einerseits einen Risikofaktor für Depressionen darstellt [9] und sich andererseits bei depressiven Patienten im Krankheitsverlauf gehäuft verschiedene somatische Erkrankungen manifestieren, darunter auch der Diabetes mellitus [10].

Aufgrund ihrer Häufigkeit und der engen Verknüpfung mit somatischen Komorbiditäten gerade bei alten Menschen nimmt es nicht wunder, dass ein großer Teil der Betroffenen im primärärztlichen Bereich bzw. in einem somatisch-klinischen Umfeld behandelt wird. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, in dieser Zeitschrift für Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen Gerontologie und Geriatrie aktuelle praxisrelevante Inhalte zur Altersdepression zusammenzufassen.

In seinem Beitrag unterlegt M. Rapp die klinische Heterogenität des Krankheitsbildes Altersdepression mit unterschiedlichen pathophysiologischen Mechanismen: Zum einen besteht eine Dysregulation der hypothalamisch-hypophysär-adrenalen Stressachse, die besonders bei Menschen beobachtet wird, die nach depressiven Episoden in früheren Lebensphasen im Alter erneut erkranken. Hinzu kommt jedoch eine alterstypische Pathophysiologie, für die u. a. vaskuläre zerebrale Veränderungen verantwortlich sind.

Mit der Pharmakotherapie depressiver Syndrome beschäftigt sich V. Holthoff in ihrem Artikel. Diese stellt nach wie vor in der Praxis die mit Abstand am häufigsten angewandte Behandlungsmethode dar, auch wenn in jüngster Zeit vermehrt darauf hingewiesen wird, dass Antidepressiva, darunter auch die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), bei alten Menschen ein relevantes Profil unerwünschter Arzneimittelwirkungen haben [11]. Der Beitrag gewichtet – orientiert an der klinischen Praxis – die psychopharmakologischen Therapieoptionen unter besonderer Berücksichtigung der Wirksamkeit und Sicherheit beim alten Menschen. Auch wird das Vorgehen bei fehlendem Ansprechen auf die erste Therapiestrategie dargestellt.

Thema des Beitrags von C. Wächtler ist die Psychotherapie der Altersdepression. Entgegen einer lange Zeit herrschenden, auf Sigmund Freud zurückgehenden Vorstellung, dass ältere und alte Menschen nicht mehr erfolgreich psychotherapeutisch behandelt werden können, liegen mittlerweile aus den letzten beiden Jahrzehnten in zunehmenden Maße Evidenzen vor, die Psychiater und Psychotherapeuten darin bestärken, psychotherapeutische Verfahren bei älteren Menschen vermehrt einzusetzen. Wesentliche Themen im psychotherapeutischen Prozess sind, neben Persönlichkeitsmerkmalen mit maladaptativem Potenzial, biographische Belastungsfaktoren, die häufig aus den Kindheits- und Jugenderfahrungen der Kriegsgeneration resultieren, und altersassoziierte Problemlagen, etwa im Kontext von Generationskonflikten und alterstypischen Verlusterfahrungen. Der Autor geht auf diese Thematik in einer von jahrzehntelanger Erfahrung bestimmten praxisorientierten Art und Weise ein. Weiterhin fasst er ausgewählte Ergebnisse aktueller Psychotherapiestudien zusammen.

Die Behandlung gebrechlicher Alterspatienten stellt eine besondere Herausforderung dar, da in diesem Kontext sowohl medikamentöse als auch psychotherapeutische Verfahren zum Teil erheblichen Begrenzungen unterliegen. Dabei ist zu beachten, dass Studienergebnisse für diese Gruppe von Patienten bisher nur in begrenztem Umfang vorliegen und somit therapeutische Empfehlungen nicht selten auf einer Extrapolation der bei jüngeren Altersgruppen erhobenen Ergebnisse beruhen. Auf der Grundlage aktueller theoretischer Erkenntnisse thematisieren D. Kopf und J. Hummel in praxisnaher Form die Besonderheiten depressiver Syndrome bei gebrechlichen Alterspatienten und arbeiten heraus, welche Konsequenzen für die Diagnostik daraus resultieren. Sie stellen überzeugend dar, dass neben der Pharmakotherapie, bei der Aspekte der Arzneimittelsicherheit besonders beachtet werden müssen, auch psychotherapeutischen und anderen nichtmedikamentösen Verfahren ein beachtenswerter Stellenwert zukommt.

Wir hoffen, dass der vorliegende Themenschwerpunkt den Lesern dieser Zeitschrift für ihre klinische und wissenschaftliche Tätigkeit hilfreiche Erkenntnisse und Empfehlungen vermittelt. Damit – so hoffen wir ferner – wird ein kleiner Beitrag geleistet im Sinne der zahlreichen alten Menschen in der ambulanten und klinischen medizinischen Versorgung ebenso wie in der stationären Pflege, deren depressive Erkrankungen allzu oft nicht dem Stand unseres heutigen Wissens gemäß diagnostiziert und behandelt werden [3]. Ihre Rückmeldungen zu diesem Themenschwerpunkt nehmen wir gerne entgegen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre

W. Hewer

D. Kopf

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013

Authors and Affiliations

  1. 1.Zentrum für GerontopsychiatrieVinzenz von Paul HospitalRottweilDeutschland
  2. 2.Geriatrische KlinikKatholisches MarienkrankenhausHamburgDeutschland

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