Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie

, Volume 45, Issue 6, pp 485–497 | Cite as

Geriatrietypische Multimorbidität im Spiegel von Routinedaten – Teil 1

Auswertung von stationären Krankenhausdaten und Pflegedaten
Originalarbeit

Zusammenfassung

Hintergrund

In der Identifikation von Zielgruppen für spezifische geriatrische Versorgungsangebote spielt neben dem Alter der Begriff der geriatrietypischen Multimorbidität (GtMM) eine besondere Rolle. Dieser mehrteilige Beitrag befasst sich mit der Abbildung von GtMM in Routinedaten (RD) der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der sozialen Pflegeversicherung (SPV). Grundlage hierfür war ein Operationalisierungsvorschlag der GtMM anhand von 15 mit ICD-10-GM-Kodes hinterlegten geriatrietypischen Merkmalskomplexen (GtMK), den die geriatrischen Fachgesellschaften 2004 in einem Positionspapier unter dem Titel „Abgrenzungskriterien der Geriatrie“ in der Version V1.3 vorgelegt hatten. Die GtMM wurde dabei als Vorliegen von mindestens zwei dieser GtMK definiert.

Methode

In Teil 1 werden Krankenhausabrechnungsfälle von AOK-Versicherten aus dem Jahr 2007 (Alter  ≥ 60 Jahre, mindestens eine stationäre Behandlung in einem Krankenhaus mit geriatrischer Fachabteilung/Behandlungsoption) ausgewertet. Hierbei wurden geriatrisch versorgte Fälle (Geriatriegruppe G) denen ohne geriatrische Versorgung (Vergleichsgruppe V) gegenübergestellt. Analysiert wurden die Häufigkeit der Kodierung von GtMK, die Erfüllung von GtMM und mittels multivariater Analysen der Beitrag dieser Merkmale zur richtigen Zuordnung der Fälle in die G- und V-Gruppe. Ergänzend und im Sinne einer externen Validierung wurden für alle Abrechnungsfälle die Merkmale Pflegestufe (PS) und Heimbewohnerstatus (HbS) des Bezugsjahrs aus den RD der SPV einbezogen. Aufgrund fehlender unspezifischer ICD-Kodes und der Fortschreibung der ICD-10-GM erfolgte eine Anpassung des Operationalisierungsvorschlag gemäß V1.3 zur Abbildung von GtMM für einzelne GtMK.

Ergebnisse

Die Definitionskriterien der GtMM erfüllten 68,5% der Abrechnungsfälle der G-Gruppe und 24,2% der V-Gruppe. Die generelle Häufigkeit der 15 GtMK wie auch deren Häufigkeitsunterschiede in den beiden Auswertungsgruppen differieren erheblich. Es besteht eine deutliche Korrelation zwischen der kodierabhängigen GtMM und den kodierunabhängigen Merkmalen PS und HbS. Die GtMK „kognitive Defizite“, „Inkontinenz“ und „Dekubitalulzera“ erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer vorliegenden Pflegebedürftigkeit erheblich. Dennoch erfüllen in der G-Gruppe 76,4% aller Fälle mit PS die Kriterien der GtMM, in der V-Gruppe nur 45,9%. Der Beitrag der GtMM zur korrekten Zuordnung in die G- oder V-Gruppe bleibt wie der zusätzlich einbezogener Pflegemerkmale begrenzt (Varianzaufklärung maximal ca. 36%), da auch 42,2% aller V-Fälle eine GtMM oder eine PS, 15,5% sogar beides aufweisen.

Schlussfolgerungen

Der an der Definition des geriatrischen Patienten der Begutachtungsrichtlinie Vorsorge und Rehabilitation orientierte Operationalisierungsvorschlag V1.3 der geriatrischen Fachgesellschaften ist ein in Details verbesserungsfähiger, aber prinzipiell praktikabler Vorschlag zur Abbildung von GtMM durch RD und entsprechender besonderer Risiken. Die Einbeziehung kodierunabhängiger RD der SPV stellt eine sinnvolle Ergänzung der Krankenhausabrechnungsdaten gemäß § 301 SGB V dar, da er zumindest für die Pflegebedürftigen gemäß SGB XI eine gewisse externe Validierung erlaubt. Deutliche Unterschiede kodierter GtMM in dieser Teilgruppe legen nach wie vor eine Untererfassung von GtMK, insbesondere bei Fällen ohne geriatrische Versorgung nahe. Die Häufigkeit von Fällen mit GtMM sowie PS in der G- und V-Gruppe zeigen, dass auch bei bestehendem geriatrischen Versorgungsangebot ein erheblicher Anteil von Fällen mit geriatrietypischen Merkmalskonstellationen in anderen Fachabteilungen versorgt wird.

Schlüsselwörter

Multimorbidität Routinedaten Pflegeversicherung Geriatrische Versorgungsangebote Ältere 

Geriatric multimorbidity in claims data – part 1

Analysis of hospital data and long-term care insurance data

Abstract

Background

In Germany, typical geriatric multimorbidity is—next to age itself—of special significance for the identification of target groups for specific geriatric care offers. The present article primarily focuses on typical geriatric multimorbidity in the claims data of statutory health insurance and long-term care insurance in Germany. Using the definition of “the geriatric patient” that is agreed on by providers of services as well as by cost bearers, geriatric multimorbidity is defined as the coexistence of at least 2 of 15 typical geriatric conditions. A suggestion made by the German Geriatric Association was to assign ICD-10-GM codes to each of these 15 conditions. Thus, it becomes possible to identify the corresponding geriatric conditions in claims data.

Methods

The article investigates the frequency of geriatric conditions and, thus, of geriatric multimorbidity of patients aged ≥ 60 years admitted to a hospital with a geriatric ward. Patients treated in a geriatric ward were compared with those who did not receive geriatric care. In anticipation of a high correlation between typical geriatric conditions and specific features that are preconditions for receiving long-term care insurance benefits (such as care levels and status of a nursing home resident), claims data of the long-term care insurance were included for external validation.

Results

The analyses showed a distinctly higher proportion of insured people with typical geriatric multimorbidity or rather a certain care level among the geriatrically treated cases than among those patients not receiving geriatric treatment (68.5%/67.9% versus 24.2%/33.4%). The different proportions of typical geriatric multimorbidity coded among the patients with features of a certain care level in the two given groups give rise to the suspicion that typical geriatric multimorbidity is not always statistically recorded—especially in cases of treatment without provision of geriatric care.

Conclusion

The frequency of cases of typical geriatric multimorbidity and a certain care level shows that—even when a specific geriatric offer exists—a considerable proportion of cases with typical geriatric conditions are treated in other medical departments.

Keywords

Multimorbidity Claims data Long-term care Health services for the aged Elderly 

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Copyright information

© Springer-Verlag 2012

Authors and Affiliations

  1. 1.Kompetenz-Centrum Geriatrie des GKV-Spitzenverbandes und der Medizinischen Dienstec/o MDK NordHamburgDeutschland

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