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Der Pathologe

, Volume 38, Issue 5, pp 396–401 | Cite as

Klinische Obduktionen aus medizinethischer Sicht

  • D. Groß
  • S. Wilhelmy
Schwerpunkt: Klinische Obduktionen

Zusammenfassung

Hintergrund

Die Sektionsquoten in Deutschland sind anhaltend niedrig. Als Erklärungsansatz werden u. a. (ethische) Vorbehalte der Bevölkerung gegenüber der Obduktion geltend gemacht.

Fragestellung

Normative Bewertung der klinischen Obduktion, Herausarbeitung ethisch relevanter Argumentationen für und gegen die Sektion, Überprüfung der vermuteten Vorbehalte der Bevölkerung.

Material und Methoden

Reanalyse der Fachliteratur, Review qualitativer und quantitativer Studien zum Themenfeld, Diskussion der nachweislichen ethischen Argumentationsfiguren.

Ergebnisse

Historische Fehlentwicklungen (Rekrutierungspraxis, Volksglaube, religiöse Vorbehalte) standen der Akzeptanz klinischer Obduktionen lange Zeit entgegen. Die gegenwärtige Diskussion über die klinische Obduktion ist vielfach ethisch akzentuiert: Während die Sektionskritiker vorrangig individualethisch argumentieren, führen die Sektionsbefürworter vorrangig sozialethische Aspekte an. Allerdings belegen quantitative Untersuchungen, dass das Gros der Bevölkerung heutzutage keine (ethischen) Bedenken gegen die Sektion hegt.

Schlussfolgerungen

Die Gründe für die anhaltend niedrige Sektionsquote sind in erster Linie struktureller und motivationaler Natur, wenngleich einzelne dieser Aspekte durchaus normative Implikationen bergen.

Schlüsselwörter

Historische Fehlentwicklungen Sektionsquote Individualethik Sozialethik Akzeptanz 

Clinical autopsies from a medical ethics perspective

Abstract

Background

Autopsy quotas in Germany are persistently low. By way of providing an explanation, the (ethical) reservations of the general population against autopsies are presented.

Objective

Normative assessment of clinical autopsies, elaboration of ethically relevant arguments for and against autopsies and review of the suspected reservations of the general population.

Material and methods

Reanalysis of the literature, review of qualitative and quantitative studies on the subject field and discussion of the verified ethical argumentation figures.

Results

Historical prejudices (e.g. recruitment practice, popular belief and religious reservations) have long been inhibiting the acceptance of clinical autopsies. The current discussion on clinical autopsy is often focused on normative arguments and while autopsy critics primarily argue from an individual ethical perspective, autopsy advocates primarily argue from a social ethics viewpoint. Quantitative studies, however, prove that the majority of the population today has no (ethical) reservations against autopsies.

Conclusion

Although most reasons for the persistently low autopsy rate are primarily structural and motivational, some normative implications relating to these aspects remain.

Keywords

Historical prejudice Autopsy quota Individual ethics Social ethics Acceptance 

Notes

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

D. Groß und S. Wilhelmy geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der MedizinUniklinik der RWTH AachenAachenDeutschland

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