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Psychotherapeut

, Volume 63, Issue 1, pp 22–31 | Cite as

Können wir aus unserer Geschichte lernen?

Spuren von Geschichtsvergessenheit im Selbst- und Rollenverständnis des Psychotherapeuten
  • Michael Geyer
Schwerpunkt: Geschichtsvergessenheit – Originalien

Zusammenfassung

In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie Geschichtsvergessenheit bezüglich der Geschichte der Institutionalisierung und Professionalisierung der Psychotherapie uns daran hindert, uns der Spuren dieser Historie in unserem Selbst- und Rollenverständnis bewusst zu sein. Dies wäre jedoch notwendig, damit wir unser aktuelles psychotherapeutisches und gesellschaftliches Handeln kritischer reflektieren. Auch werfen die historischen Vorgänge ein Licht auf grundsätzliche Probleme der Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik, die im Bewusstsein der Fachwissenschaftler gegenwärtig sein sollten. Im Beitrag werden zunächst wesentliche professionsgeschichtliche Linien des 20. Jh. nachgezeichnet, die durch fragwürdige Kollaboration in der Nazizeit gekennzeichnet, jedoch im Bewusstsein der Profession unterrepräsentiert sind. Dazu zählt insbesondere der Umstand, dass der Psychotherapie zwischen 1933 und 1945 nicht nur das formale Überleben, sondern auch eine erfolgreiche und relativ selbstbestimmte Institutionalisierung als Fachdisziplin gesichert wurde. Den Ursachen und Folgen solcher Auslassungen im kulturellen Gedächtnis der Psychotherapeuten wird nachgegangen.

Unsere Form der Erinnerung scheint nicht auszureichen, um solche Lehren aus der Geschichte zu ziehen, die unser heutiges Alltagshandeln betreffen. Der Instrumentalisierung der Psychotherapie durch Politik und Wirtschaft begegnen wir eher gleichgültig. Wir reflektieren nur ungenügend, inwieweit Prozesse der Industrialisierung und Ökonomisierung unser Menschenbild und unser Handeln prägen. Sich den Fakten der eigenen Professionsgeschichte zu stellen, wäre mit der Hoffnung verbunden, die Geschichte berufspolitischer Zusammenarbeit mit einer durch fragwürdige Interessen geleiteten Politik nicht nur nicht zu wiederholen, sondern neu zu gestalten.

Schlüsselwörter

Psychotherapiegeschichte Kultursoziologie Krankheitsverständnis Berufspolitik Gedächtnis 

Can we learn from our history?

Traces of oblivion to history in the self-concept and role understanding of psychotherapists

Abstract

This article discusses the question of how oblivion to history, with respect to the history of institutionalization and professionalization of psychotherapy, prevents us from being aware of the vestiges of this history in our self-concept and understanding of our role. This would, however, be necessary in order to critically reflect on our current therapeutic and social actions. The historical processes also throw light on fundamental problems of the relationship between science and politics, which should currently be in the consciousness of the specialist. This article initially portrays the essential historical lines of the profession from the twentieth century, which are characterized by questionable collaboration during the Nazi era but are underrepresented in the consciousness of the profession. In particular, this includes the condition that between 1933 and 1945 psychotherapy was assured not only formal survival but also a successful and relatively self-determined institutionalization as a specialist discipline. The causes and sequelae of such omissions in the cultural memory of psychotherapists are examined. Our form of remembering does not seem to be sufficient to extract such lessons from history, which affect our present daily activities. We treat the instrumentalization of psychotherapy by politics and economics more with indifference. We only inadequately reflect to what extent processes of industrialization and economization impregnate our image of humanity and our actions. To present the facts of our own history of the profession would be coupled with the hope not only not to repeat but also to reorganize the history of professional political cooperation with politics guided by questionable interests.

Keywords

History of psychotherapy Cultural sociology Understanding of disease Professional politics Memory 

Notes

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

M. Geyer gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine vom Autor durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.UniversitätsklinikumUniversität LeipzigLeipzigDeutschland

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