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Rechtsmedizin

, Volume 27, Issue 4, pp 235–236 | Cite as

„Rechtsmedizin in Zeiten von Migration und Flucht“

  • S. Ritz-Timme
  • M. A. Rothschild
Einführung zum Thema
  • 584 Downloads

“Legal medicine in times of migration and flight”

Sehr geehrte Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

dieses Heft der Zeitschrift Rechtsmedizin steht ganz im Zeichen der 96. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM) sowie dem 10th International Symposium Advances in Legal Medicine (ISALM), die unsere Institute in Düsseldorf und Köln gemeinsam ausrichten. Wir freuen uns sehr darauf, Sie vom 11. bis zum 15.09.2017 im Rheinland begrüßen zu dürfen.

Durch das assoziierte ISALM führen wir eine Tradition fort, die die Zusammenarbeit der DGRM mit der Japanese Society of Legal Medicine (JSLM) pflegt und die eine wichtige Grundlage für Kooperation und Freundschaft zwischen unseren japanischen Kolleginnen und Kollegen und uns bildet.

Unsere Jahrestagung wird dieses Jahr eine internationale Tagung sein; außer unseren japanischen Freunden erwarten wir zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern. Wissenschaft lebt vom Austausch über die Ländergrenzen hinweg. Wir werden mit unserer Tagung optimale Rahmenbedingungen für einen solchen Austausch schaffen. Sie finden in diesem Heft die Abstracts der Beiträge, die uns erwarten. Vielleicht identifizieren Sie ja schon bei der Lektüre der Abstracts interessante Kooperationspartner, die Sie während der Tagung persönlich kennenlernen können.

Unser Fach ist mit seinen Inhalten sehr nah an gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die immer wieder auch neue Fragestellungen und Herausforderungen an uns herantragen. Aktuell sehen wir, dass die Folgen von Migration und Flucht Einfluss auf unsere tägliche Fallarbeit haben.

Ein Beispiel dafür ist die Lebensaltersschätzung bei unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten – ein Thema, das z. B. in Schwerpunktheften der Rechtsmedizin (s. insbesondere Heft 6, 2014, und Heft 1, 2015) sowie in der Zeitschrift Deutsches Ärzteblatt [1] ausführlich dargestellt und diskutiert wurde.

Gesellschaftspolitische Entwicklungen tragen immer wieder Herausforderungen an die Rechtsmedizin heran

Ein anderes Beispiel ist die Untersuchung und Begutachtung von Folterüberlebenden als Sonderfall einer klinisch rechtsmedizinischen Fragestellung. Anfragen zur Untersuchung und Begutachtung von Folterüberlebenden häufen sich derzeit in den Instituten für Rechtsmedizin. Im Rahmen der Bearbeitung dieser Anfragen stoßen Kolleginnen und Kollegen regelmäßig auf Herausforderungen. Dabei geht es nicht nur um die Beurteilung besonders gelagerter Fälle, sondern v. a. auch um organisatorische Fragen und die Finanzierung. Unsere Expertise zu Dokumentation und Begutachtung von Misshandlungsfolgen ist hier unzweifelhaft wichtig. Entsprechende Gutachten werden in Deutschland bislang zu wenig beauftragt – und wenn, dann überwiegend über psychosoziale Einrichtungen und nicht durch Behörden.

Dies fügt sich in das Gesamtbild der sicher unzureichenden Versorgung von Folterüberlebenden ein, das Anlass für die Ausrichtung einer interdisziplinären Tagung „Folteropfer sehen – Versorgungspfade bahnen“ im März dieses Jahres in Düsseldorf (http://www.folteropfer-sehen.de) war. Die Ergebnisse der Diskussionen mit internationalen Expertinnen und Experten sowie von interdisziplinären Workshops unter Beteiligung von Rechtsmedizinern und Rechtsmedizinerinnen führten zu Forderungen, die in der „Düsseldorfer Erklärung“ zusammengefasst wurden, die Sie in diesem Heft finden.

Einige Referentinnen und Referenten der Tagung haben wir angefragt, uns die Inhalte ihrer Vorträge als Beiträge für dieses Heft zur Verfügung zu stellen. Wir sind ihnen sehr dankbar dafür, dass sie dies getan haben – denn wir denken, dass diese Inhalte für unser Fach relevant sind.

Da die Untersuchung Folterüberlebender in einem besonderen rechtlichen Kontext erfolgt, den Rechtsmediziner/-innen kennen sollten, haben wir 2 Autorinnen und einen Autor gebeten, für dieses Heft Beiträge zu einschlägigen juristischen Aspekten zu schreiben; die Erstellung dieser Beiträge wurde durch Veronika Wolf und Barbara Esser vom Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge (PSZ) Düsseldorf begleitet. Die Perspektiven einer Juristin aus dem Berliner Institut für Menschenrechte (Dr. Petra Follmar-Otto, Leiterin der Abt. Menschenrechtspolitik Inland/Europa), eines Entscheiders des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Tobias Hinz, stv. Leiter der Außenstelle Essen) und einer Rechtsanwältin (Heike Geisweid, Rechtsanwältin im Bereich Asyl- und Ausländer/-innenrecht) sind sehr unterschiedlich und geben wichtige Einblicke. Aus den 3 Beiträgen wird sehr klar, dass (1.) rechtsmedizinische Gutachten zur Beurteilung mutmaßlicher physischer Folterfolgen im Asylverfahren sehr wichtig sein können, dass (2.) solche Gutachten sowohl durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als auch durch Verwaltungsgerichte eingeholt werden können und sollten, und dass (3.) dies in aller Regel aber nicht erfolgt. Hier ist sicher Handlungsbedarf, der in den „Düsseldorfer Erklärung“ auch formuliert wurde.

Die Untersuchung von Folterüberlebenden zu Dokumentation und Begutachtung physischer Folterfolgen ist ein klinisch-rechtsmedizinischer Sonderfall. Der Beitrag aus den Instituten für Rechtsmedizin Düsseldorf und Köln gibt einen Überblick über die wesentlichen Punkte, die dabei zu beachten sind.

Mehrere Beiträge in diesem Heft zitieren das „Istanbul-Protokoll“, das Standards für die Dokumentation und Begutachtung von Folterfolgen gesetzt hat. Eine der Autorinnen des „Istanbul-Protokolls“ ist unsere Kollegin Frau Prof. Sebnem Korur Fincanci (Universität Istanbul), die die Düsseldorfer Tagung im März dieses Jahres nicht nur durch ihr Wissen und ihre Erfahrungen, sondern auch als eine Persönlichkeit bereichert hat, die aktiv und unerschrocken für Menschenrechte eintritt. Sie setzt sich seit vielen Jahren für die Belange von Folterüberlebenden ein, auch und gerade in ihrem Heimatland, der Türkei. Sie hat die „Stiftung für Menschenrechte in der Türkei“ ins Leben gerufen, die die Dokumentation und die Begutachtung von Folterfolgen in der Türkei möglich machen will. Als Reaktion auf ihre Verhaftung im Sommer 2016 hat die DGRM am 21.07.2016 eine entsprechende Stellungnahme publiziert. Es gibt wohl keine/n Rechtsmediziner/-in weltweit, die/der so viele Folterüberlebende im eigenen Land gesehen hat wie Sebnem Fincanci. Ursprünglich war ein Beitrag von ihr in diesem Heft geplant. Nach dem Referendum zur Einführung des Präsidialsystems in der Türkei ist der Kontakt zu Sebnem Financi plötzlich abgebrochen. Wir sind in völliger Unkenntnis über ihre Situation und hoffen, dass es ihr gut geht. Ein Beitrag von ihr wird dann in einem der Folgehefte erscheinen.

In das Fachgebiet der Rechtsmedizin fallen zwar eigentlich „nur“ die Dokumentation und die Begutachtung physischer Folterfolgen. Dennoch ist es für Rechtsmediziner/-innen wichtig, Grundkenntnisse zu den psychischen Folterfolgen zu haben, die auch in der rechtsmedizinischen Untersuchungssituation wirksam werden können und zu beachten sind. Die Autorinnen Dr. Mechthild Wenk-Ansohn (Zentrum Überleben, Berlin), Eva van Keuk und Lea Stegmann (beide Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge, Düsseldorf) geben wichtige Hinweise (nicht nur) für uns Rechtsmediziner/-innen.

Sicher gibt es noch zahlreiche weitere Aspekte zum Thema „Rechtsmedizin in Zeiten von Migration und Flucht“. Wir haben es deshalb zu einem Sonderthema unserer Jahrestagung und des ISALM gemacht und sind gespannt auf entsprechende Beiträge.

Wir erwarten von der diesjährigen internationalen Tagung neue Impulse und die Entstehung neuer Kooperationen und Freundschaften über Grenzen hinweg. Lassen Sie uns diese großartige Möglichkeit zur Weiterentwicklung unseres Faches nutzen, dessen Inhalte immer wichtiger für unsere Gesellschaft werden.

Stefanie Ritz-Timme und

Markus Rothschild

Notes

Interessenkonflikt

S. Ritz-Timme und M.A. Rothschild geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. 1.
    Schmeling A, Dettmeyer R, Rudolf E et al (2016) Forensische Altersdiagnostik. Methoden, Aussagesicherheit, Rechtsfragen. Dtsch Arztebl 113:44–50Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag Berlin 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für RechtsmedizinUniversitätsklinikum DüsseldorfDüsseldorfDeutschland
  2. 2.Institut für RechtsmedizinUniversitätsklinikum Köln (AöR)KölnDeutschland

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