Der Orthopäde

, Volume 32, Issue 2, pp 101–109 | Cite as

Das rachitische X-Bein im Kindesalter

Pathogenese und Therapie aus historischer Sicht
  • M.A. Rauschmann
  • C. Eberhardt
  • U. Patzel
  • K.-D. Thomann
Zum Thema: Kinderorthopädie

Zusammenfassung

Ausgeprägte O- und X- Beine gehörten in der Vergangenheit zu den häufigsten orthopädischen Erkrankungen.Die Valgus- und Varusdeformitäten der Kniegelenke waren z.T. mit ausgeprägten Beugekontrakturen kombiniert. Stoffwechselstörungen wie die Rachitis und entzündlich-metastatische Prozesse der Kniegelenke waren die wichtigsten Ursachen der Fehlstellungen, die im 20.Jahrhundert keiner kausalen Therapie zugänglich waren.

In der Literatur wird das Genu valgum als typische rachitische Deformität der unteren Extremität aufgeführt. Differentialdiagnostisch galt es, die rachitische Form gegenüber dem Genu valgum traumaticum, paralyticum und inflammatorium abzugrenzen. Zahlreiche Theorien versuchten die Pathogenese der Valgusfehlstellung aufzuklären, dabei blieb keine Struktur des Kniegelenks ausgespart. Als wegweisend erwiesen sich die Arbeiten von C.Hueter und J.v.Mikulicz.

Eine kausale Therapie wurde mit der Vitaminsubstitution (anfänglich Lebertran) und der UV-Lichtbestrahlung möglich.Damit verloren auch die anderen rachitischen Fehlformen des Skeletts, die sich an Becken,Wirbelsäule Thorax und den oberen Extremitäten manifestierten, an Bedeutung. In diesem Zusammenhang ist der Beitrag des Berliner Pädiaters Kurt Huldschinsky hervorzuheben, der die Quarzlichttherapie in Deutschland inaugurierte.

Die Behandlung der Kniefehlstellungen orientierte sich an der Schwere der statischen Veränderung.Dabei wurde die operative Korrektur erst Ende des 19.Jahrhunderts in größerem Maße eingesetzt.Die konservative Therapie mit Quengelschienen, Gipsredressionen, Orthesen und insbesondere die Osteoklasie war bis weit in das 20.Jahrhundert anerkannt. Sie war zwar materiell aufwendig, jedoch einfach in der Handhabung, schnell und größtenteils erfolgreich. Die operative Therapie gewann nach der Einführung der Asepsis und Antisepsis an Bedeutung. Exemplarisch sei in diesem Zusammenhang auf die Vielzahl verschiedener Tibiakopf- und Femurosteotomien hingewiesen. Diese Methoden ermöglichten es, das Operationsergebnis präzise zu planen, allerdings waren sie weitaus komplikationsträchtiger als die konservativen Behandlungsverfahren oder die geschlossene Osteoklasie.Mit der in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingeführten Rachitisprophylaxe durch die UV-Bestrahlung und der späteren Einnahme von Vitamin D verloren die Kniefehlstellungen an Bedeutung.Das rachitische O- und X-Bein ist heute zu einer Rarität geworden.

Schlüsselwörter Rachitis Genu valgum UV-Bestrahlung Medizingeschichte 

Rachitic knock knees in children

Abstract

Knee malpositions, for example valgus or varus deformations or flexion contractures, were often cited in the historical literature. In earlier times, clinical pictures such as rickets were often the reason for this kind of deformity. A causal therapy did not exist until the twentieth century. In most cases of rickets, genu valgum was reported as the typical knee deformation.The differential diagnosis for genu valgum caused by rickets was genu valgum traumaticum, paralyticum, and inflammatorium. The most important reports on the pathogenesis of valgus deformation can be found in publications by Hueter and von Mikulicz.The causal therapy of rickets was introduced at the beginning of the twentieth century.Vitamin therapy and UV phototherapy were developed during this period.Using these therapies, rickets decreased dramatically.Kurt Huldschinsky, a pediatrician from Berlin,was one of the main inventors of UV phototherapy in Germany.

At the end of the nineteenth century, the operative correction of knee deformities increased while conservative treatment continued to be applied.Plaster casts,orthoses, and osteoclast therapy were the main noninvasive therapeutic possibilities.Positive aspects of the conservative techniques were mostly the good results and easy, timesaving technique compared with the operative treatment.The operative therapy increased with the knowledge of antisepsis and asepsis as well as advances in anesthetic procedures.Operative treatment modalities, for example tibial and femoral osteotomies, were more precise, but connected with multiple complications and greater time expenditure. Sufficient vitamin prophylaxis rendered knee deformations caused by rickets a rarity.

Keywords Rickets Genu valgum UV phototherapy Medical history 

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2003

Authors and Affiliations

  • M.A. Rauschmann
    • 1
  • C. Eberhardt
    • 1
  • U. Patzel
    • 1
  • K.-D. Thomann
    • 2
  1. 1.Orthopädische Universitätsklinik,Stiftung Friedrichsheim, Frankfurt am MainDE
  2. 2.Medizinhistorisches Institut, Johannes Gutenberg-Universität,MainzDE

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