Der Gynäkologe

, Volume 39, Issue 9, pp 671–677 | Cite as

Natürliche Familienplanung

  • P. Frank-Herrmann
  • C. Gnoth
  • S. Baur
  • T. Strowitzki
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Zusammenfassung

Bei der modernen natürlichen Familienplanung beobachten Frauen die zyklischen Veränderungen des Zervixschleims und der basalen Körpertemperatur. Zur Bestimmung des Anfangs und Endes der fertilen Phase werden jeweils zwei Parameter herangezogen, die sich gegenseitig absichern (double-check). Wenn kein ungeschützter Geschlechtsverkehr in der fertilen Phase stattfindet, liegt die Methodensicherheit dieser in Deutschland gebräuchlichen symptothermalen Methode bei 0,3–0,5 Schwangerschaften pro 100 Frauenjahre, die Gebrauchssicherheit bei 2. Diese Ergebnisse stammen aus großen europäischen Datenbanken. Diese Methode ist die einzige hocheffektive natürliche Methode. Sie ersetzt deshalb in Industrieländern die alten Methoden wie Kalendermethode und Temperaturmethode und auch die Billings-Methode.

Schlüsselwörter

Natürliche Familienplanung Symptothermale Methode Effektivität Basaltemperatur Zervixschleim 

Natural Family Planning

Abstract

The symptothermal method (STM) is the most effective method of natural family planning, if two parameters to determine the beginning as well as the end of the fertile phase are used (double-check). The main parameters observed by women are BBT and cervical mucus changes. The method-effectiveness is 0.3–0.5 pregnancies per 100 women years, if there is no unprotected intercourse in the self-detected fertile phase. The use-effectiveness is about 2 in Germany. These results are derived from large European databases. In developed countries, the STM replaces the old calendar and temperature methods and the Billings method.

Keywords

Natural family planning Symptothermal method Efficacy Basal body temperature Cervical mucus 

Natürliche Familienplanung (NFP) ist auch heute noch für die meisten Menschen und auch für Ärzte eine kontrazeptive Außenseitermethode mit einem ideologischen Touch. In Wirklichkeit ist sie aber nichts anderes als angewandtes Wissen über biologische Vorgänge, die eigentlich jeden in unserer hochzivilisierten Welt interessieren sollten. Mit diesem Wissen kann ein Paar jederzeit seine Fertilität eingrenzen und seine sexuellen Aktivitäten danach ausrichten. Die Menschheit ist erst seit etwa 70–80 Jahren im Besitz dieser Erkenntnisse. Seither weiß man, dass die Ovulation 12–16 Tage vor der nächsten Menstruation erfolgt. Zusammen mit der Erkenntnis, dass die Oocyte nur wenige Stunden überlebt und die Spermien etwa 2–4 Tage in gutem Zervixschleim befruchtungsfähig sind, konnte eine zutreffende Vorstellung vom fertilen Fenster im weiblichen Zyklus entwickelt werden.

Symptothermale Methode

Die WHO definiert heute Natürliche Familienplanung als Familienplanungsmethoden, mit deren Hilfe eine Schwangerschaft sowohl angestrebt als auch vermieden werden kann, und zwar durch Beobachtung der natürlicherweise auftretenden Zeichen und Symptome der fertilen und infertilen Phase des weiblichen Zyklus [22]. Unter diese Definition fallen somit die verschiedenen symptothermalen Methoden und die reinen Zervixschleim- oder Temperaturmethoden zur natürlichen Familienplanung, während die auf Berechnungen beruhenden Kalendermethoden ausgeschlossen sind.

Die Unterscheidung von fertiler und infertiler Phase im Zyklus erfolgt anhand von physiologischerweise auftretenden Symptomen, die verhältnismäßig einfach durch die Frau selbst zu erfassen sind. Zu diesen gehören: Veränderungen des Zervixschleims und der Basaltemperatur. Es haben sich verschiedene Regelwerke entwickelt, die entweder ein Symptom alleine oder zwei oder mehrere kombiniert ins Zentrum ihrer Lehre stellen. Im angloamerikanischen Raum werden die NFP-Methoden wegen der Selbstbeobachtung, und Auswertung von Zyklussymptomen auch als „fertility awareness methods“ bezeichnet. Eine ausführliche Bibliographie zur geschichtlich-wissenschaftlichen Entwicklung der NFP und zum State-of-the-Art findet sich bei Raith et al. [15].

In Deutschland hat sich aus Sicherheitsgründen die symptothermale Methode (STM) der Arbeitsgruppe NFP etabliert [1], deren Basis von NFP-Pionieren wie Döring, Rötzer und Thyma gelegt wurde und die heute von der Sektion Natürliche Fertilität der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsmedizin wissenschaftlich vertreten wird. Die Hauptparameter der STM sind die Veränderungen des Zervixschleims und der basalen Körpertemperatur, die beobachtet und nach bestimmten Regeln ausgewertet werden.

Die Basaltemperatur

Periovulatorisch steigt die Körperkerntemperatur wahrscheinlich bedingt durch Progesteronwirkung auf den Hypothalamus und durch Drosselung der Hautdurchblutung leicht an und sinkt erst am Ende des Zyklus wieder ab.

Der Temperaturanstieg ist ein Beweis für die Luteinisierung eines sprungreifen Follikels

Der Temperaturanstieg ist ein Beweis für die Luteinisierung eines sprungreifen Follikels und fast immer auch für die Ovulation selbst. Die Temperaturmessung ist zu Unrecht in Verruf geraten, weil den Frauen meist viel zu starre Regeln an die Hand gegeben wurden.

Nachdem 1905 der Holländer Van de Velde erstmals den zyklischen, biphasischen Verlauf der Temperaturkurve beschrieben hatte, wurden bereits in den 30er-Jahren erste Anleitungen zur Nutzung für die Empfängnisregelung entwickelt (1930 Hillebrand, 1932 Harvey und Crockett, ab 1947 Vollmann, Ferin, Döring u. a.). Im Jahr 1948 gelang es Davis und Fugo, das Corpus-luteum-Hormon Progesteron als Verursacher des thermogenetischen Effekts zu messen. Der Temperaturanstieg erfolgt ab einem Progesteronspiegel von 0,8 ng/ml, also zum Teil bereits präovulatorisch während des LH-Gipfels. Der Anstieg kann mehrere Tage dauern und Tag für Tag nur gering ausfallen, z. B. um 0,1 C. Ab etwa 6 ng/ml Progesteron im Serum verbleibt die Temperatur auf einem relativ konstanten Niveau bis etwa zum Zyklusende, weshalb man aus Höhe und Dauer des Anstiegs nicht auf die Höhe des Progesteronspiegels bzw. auf eine Lutealinsuffizienz schließen kann. Die hypertherme Phase dauert 10–16 Tage, eine Verkürzung weist auf eine Lutealinsuffizienz hin [15].

Die alleinige Temperaturmethode wird heute weltweit von keiner Gruppe mehr zur Familienplanung benutzt. Seit den 60er-Jahren hat die Basaltemperatur Eingang in die STM gefunden und ist dadurch praktikabler geworden.

Anwendung im Rahmen der STM

Die Temperaturmessung ist heute einfacher geworden, weil man nicht mehr täglich messen muss, nicht zur selben Uhrzeit und nicht 6 h vorher geschlafen haben muss.

Häufig sind Temperaturkurven nicht interpretierbar, weil die geeignete Messtechnik zu wenig beachtet wird. Zur geeigneten Messtechnik gehören folgende Empfehlungen:
  • gemessen wird morgens unmittelbar nach dem Aufwachen rektal, oral oder vaginal;

  • ein mechanisches Thermometer (Quecksilber oder Quecksilberersatz) eignet sich am besten;

  • Digitalthermometer sind auch möglich: allerdings fabrikneu, auf Eignung für Familienplanung im Beipackzettel achten, Anzeige auf 2 Stellen hinter dem Komma, nach Piepston weitermessen, da die Temperatur oft noch ansteigt;

  • Beginn des Messens nach der Periode oder mit Beginn der Zervixschleimsekretion;

  • Ende des Messens, wenn das Ende der fertilen Phase bestimmt ist.

Störfaktoren

Die Körperkerntemperatur unterliegt dem Biorhythmus; morgens sind die Temperaturwerte niedriger als nachmittags. Bei vielen Frauen sind Abweichungen von 1,5 Stunden in der Messzeit allerdings ohne Bedeutung. Verschiedene weitere Umstände (z. B. Erkältung) können die Temperatur erhöhen und vielleicht sogar einen Temperaturanstieg vortäuschen. Die Anwenderinnen lernen, mit möglichen Störfaktoren der Temperatur umzugehen. Eine Störung ist definiert als ein erhöhter Temperaturwert, der aus dem Niveau der Tieflage nach oben herausragt und durch einen Störfaktor erklärt werden kann. Dieser wird eingeklammert und in der Auswertung nicht berücksichtigt (siehe Abb. 1).
Abb. 1

Zyklusaufzeichnung einer NFP-Anwenderin. Beginn der fertilen Phase nach der doppelten Kontrolle am 8. Zyklustag. Ende der fertilen Phase sowohl nach dem Schleimsymptom als auch nach der Temperatur am Abend des 18. Zyklustages. (Mod. nach [15])

Auswertung

Ein Temperaturanstieg hat dann stattgefunden, wenn man drei aufeinanderfolgende Messwerte findet, die alle höher sind als die 6 vorangegangenen Messwerte, wobei die 3. höhere Messung mindestens 2/10°C (entsprechend 2 Kästchen im Zyklusblatt) über dem höchsten der vorangegangenen 6 niedrigen Temperaturwerte liegen muss [1].

Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach (Abb. 1): Tag für Tag wird der jeweils neue Temperaturwert mit den 6 vorangegangenen Werten verglichen. Es wird der Messwert gesucht, der erstmals höher liegt als jeder der Werte, die an den 6 vorangegangenen Tagen gemessen wurden. Auch der Wert des nächsten und übernächsten Tages muss höher liegen als die 6 tiefen Werte. Um dies gut erkennen zu können, wird eine Hilfslinie durch den höchsten der 6 niedrigen Werte gezogen. Dazwischen liegende gestörte Messwerte oder Lücken bleiben unberücksichtigt.

Ausnahmeregeln

Ist der 3. Temperaturwert nicht 2/10°C (entsprechend 2 Kästchen) höher, wird ein 4. Temperaturwert abgewartet. Dieser muss ebenfalls höher als die 6 vorangegangenen niedrigen Werte sein, d. h. über der Hilfslinie liegen, aber nicht 2/10°C höher sein.

Zwischen den 3 erforderlichen höheren Messungen kann eine unter oder auf die Hilfslinie fallen. Dieser Wert wird nicht berücksichtigt und deshalb nicht umrandet.

Das Zervixschleimsymptom

Mit dem Auftreten des Zervixschleims als prospektiven Fruchtbarkeitsindikator lässt sich – im Gegensatz zu der Basaltemperatur – auch der Beginn der fruchtbaren Phase bestimmen. Anstieg und Abfall des Östrogens in der prä- und periovulatorischen Phase korrelieren eng mit Beginn, Änderung und Ende des Schleimsymptoms [15]. Obwohl das Schleimsymptom anfangs noch mit Temperatur und Kalkulation verbunden war, lancierte Billings das Zervixschleimsymptom zum primus inter pares. Diese Einzelsymptommethode wird heute in vielfach abgewandelten und vereinfachten Regelwerken vor allem in Entwicklungsländern eingesetzt.

An den fruchtbaren Tagen verflüssigt sich der Zervixschleim zunehmend und rinnt die Scheidenwände entlang hinunter zum Scheideneingang. Dort können Frauen den verflüssigten Zervixschleim empfinden, fühlen und sehen. Es ist nicht notwendig, in die Scheide hineinzufassen. In den ersten Tagen nach der Periodenblutung ist in der Regel kein Zervixschleim nachzuweisen. Dann beginnt durch steigende Östradiolspiegel eine signifikante Zervixschleimproduktion mit sich verändernden physikochemischen Eigenschaften und einer sich ändernden dreidimensionalen Architektur der Proteinfilamente. Er lagert Wasser ein und wird deshalb zunächst milchig und schließlich klar und spinnbar, manchmal wässrig. Zur Zeit des Höhepunktes dieses Schleimmusters oder 1–2 Tage später kommt es normalerweise zum Eisprung. Anschließend kann von einem Tag auf den anderen der Zervixschleim völlig verschwunden sein oder er wird wieder weißlich, klumpig und deutlich weniger spinnbar [1].

Dokumentation

Auf einem NFP-Zyklusblatt werden alle Beobachtungen systematisch notiert (Abb. 1). In Deutschland hat sich folgende Kodierung der Schleimqualität durchgesetzt: t nichts gesehen, trockenes Gefühl; ϕ nichts gesehen, nichts gespürt; f feuchtes Gefühl, kein Schleim sichtbar; S Schleim ist dicklich, weißlich, gelblich, klumpig oder cremig; S+ Schleim ist glasig, durchsichtig, „wie rohes Eiweiß“, fadenziehend, spinnbar, flüssig, rötlich oder „rinnt weg wie Wasser“, nasses Gefühl, glitschiger Scheideneingang. Ein typisches Zervixschleimmuster im Laufe eines Zyklus zeigt Abb. 1.

Auswertung

Der Höhepunkt des Schleimsymptoms ist der letzte Tag mit der individuell besten Schleimqualität.

Dieser Höhepunkt kann immer erst im Nachhinein, also am Abend des folgenden Tages bestimmt werden, wenn der Umschwung zu einer minderen Zervixschleimqualität erfolgt ist. Er wird mit einem „H“ gekennzeichnet (Abb. 1).

Bestimmung der fertilen Phase

Bei der STM werden grundsätzlich zwei Parameter sowohl zur Bestimmung des Anfangs wie auch des Endes der fertilen Phase herangezogen, sodass ein Parameter den anderen absichert („double-check“; Abb. 2; [1]).
Abb. 2

Bestimmung der fertilen Phase nach der STM

Ende der fruchtbaren Zeit

Die unfruchtbare Zeit nach dem Eisprung beginnt entweder am Abend des 3. Tages nach dem Höhepunkt des Schleimsymptoms oder am Abend des 3. Tages der erhöhten Temperatur, je nachdem, welches von beiden später kommt.

Anfang der fruchtbaren Zeit

Die Minus-8-Regel basiert auf der Tatsache, dass die 7 Tage vor dem Temperaturanstieg potenziell fruchtbar sind. Sobald 12 Zyklusaufzeichnungen vorliegen: Minus-8-Regel: Der letzte unfruchtbare Tag am Zyklusanfang ist der Tag der frühesten ersten höheren Messung aus mindestens 12 Temperaturzyklen minus 8.

Sollte bereits vorher Zervixschleim auftreten (sichtbar oder fühlbar), so beginnt ab sofort die fruchtbare Zeit. Dem Prinzip der doppelten Kontrolle entsprechend heißt es hier: „was immer zuerst kommt“.

Für das erste Anwendungsjahr gilt eine Übergangsregel zur Bestimmung des Anfangs der fertilen Phase [1].

Weitere Zyklussymptome

Weitere, sekundäre Symptome können einen zusätzlichen Hinweis auf die fertile bzw. infertile Phase geben, werden jedoch nicht in die Auswertregeln einbezogen, z. B. Mittelschmerz, Ovulationsblutung, Brustsymptom, Libidoveränderungen, Spannungsgefühl an der Vulva.

Interpretation der Zyklusaufzeichnung durch den Frauenarzt

Eine optisch biphasische Temperaturkurve ist fast immer ein Beweis für eine stattgefundene Ovulation. Die monophasische T-Kurve, d. h. der Zyklus ohne Ovulation ist oft ein Artefakt, bedingt durch falsche Messtechnik bzw. Fehlinterpretation (Tab. 1).
Tab. 1

Interpretation des Zyklusverlaufs

Physiologisch

Biphasischer Temperaturverlauf mit normal langer hypo- und hyperthermer Phase und normalem Zervixschleimmuster

Fertiler Zyklus

Höhepunkt des Schleimsymptoms und Temperaturanstieg

Ovulationszeitpunkt, Konzeptionszeitpunkt, Berechnen des Geburtstermins

Verlängerte hypertherme Phase

Schwangerschaft

Pathologisch

Verlängerte hypotherme Phase

Gestörte Follikelreifung

Verkürzte hypertherme Phase

Lutealinsuffizienz

Monophasischer Temperaturverlauf

Anovulation

Ovulationen ohne Temperaturanstieg konnten nicht nachgewiesen werden.

Zufällige Zacken nach unten – auch als Dip oder Nadir bezeichnet – sind nicht per se identisch mit dem Ovulationstag, tiefere Werte präovulatorisch kommen vermutlich durch einen leicht temperaturdepressiven Effekt des Östradiols zustande [11, 15].

Korrelation der selbstbeobachteten Zyklussymptome mit der Ovulation

Für die Familienplanung ist eine enge Korrelation der subjektiven Symptome der Selbstbeobachtung mit der Ovulation eine wichtige Voraussetzung.

In verschiedenen Arbeiten wurde der Ovulationszeitpunkt mittels sog. objektiver Parameter wie täglicher sonographischer Follikulometrie und täglicher LH-Bestimmung im Urin bestimmt und so der „objektive“ Ovulationstag und mit den selbstbeobachteten Zyklussymptomen verglichen.

Unsere Arbeitsgruppe fand bei 87 durch Ultraschall und LH-Bestimmung überwachten Zyklen in 81% die objektive Ovulation 1 oder 2 Tage vor dem Temperaturanstieg oder am Tag der ersten höhere Messung selbst, im Mittel 0,9 Tage (Standardabweichung 1,17) davor. Der Höhepunkt des Schleimsymptoms lag in 82% der Zyklen am Tag der objektiven Ovulation oder einen Tag davor oder danach, im Mittel 0,1 Tag (Standardabweichung 1,31) davor [11]. Wurden beide Parameter zur Festlegung des Ovulationstages hinzugezogen, so stimmte dieser in 89% der Fälle auf ±1 Tag mit der objektiven Ovulation überein (Abb. 3). Dies spricht für die Validität der Selbstbeobachtung und für die Auswertregeln. Andere Arbeitsgruppen, jüngst Ecochard et al. [5], kamen zu ähnlichen Ergebnissen [15].
Abb. 3

Lage der selbst beobachteten zur objektiven Ovulation (Ov) in Tagen (n=87 Zyklen)

Die Konzeptionswahrscheinlichkeiten im fertilen Fenster wurden mehrfach und zuletzt in der II. Europäischen Zyklusdatenbank berechnet und bestätigen die Minus-8-Regel zur Bestimmung des Beginns der fertilen Phase [3, 4] (Tab. 2). Auch die Arbeitsgruppe um Dunson [3] schloss nach früheren gegenteiligen Annahmen, dass nach guter Anleitung die Möglichkeiten der Selbstbeobachtung zur Bestimmung des fertilen Fensters und der klinischen Ovulation hinreichend zuverlässig sind.
Tab. 2

Tägliche Konzeptionswahrscheinlichkeiten

Tag des GV

Konzeptionswahrscheinlichkeit

90%-KI

–8

0,003

0,000–0,011

–7

0,014

0,003–0,035

–6

0,027

0,013–0,049

–5

0,068

0,037–0,108

–4

0,176

0,127–0,236

–3

0,237

0,179–0,277

–2

0,255

0,193–0,277

–1

0,212

0,157–0,272

0

0,103

0,059–0,155

1

0,008

0,000–0,046

2

0,035

0,016–0,060

3

0,000

0,000–0,003

Anzahl der Zyklen: 3175

Anzahl der Schwangerschaften: 435

k

0,277

0: Letzter Tag vor erster höherer Messung. (Mod. nach [4])

Sicherheit

Die Sicherheit der NFP-Methoden wird bei dem größten Teil der Bevölkerung, aber auch ärztlicherseits immer noch gleichgesetzt mit den schlechten Ergebnissen der Kalendermethode. Auf der anderen Seite ist es erstaunlich, wie viele Frauen man in der Praxis trifft, die behaupten, ganz regelmäßige Zyklen zu haben und sich deshalb einfach auf eine gewisse Karenzzeit in der Mitte des Zyklus verlassen. Wie groß die Zyklusschwankungen sind, wenn eine größere Anzahl von Aufzeichnungen vorliegen, konnten wir an 210 gesunden Frauen aus der deutschen Zyklusdatenbank auswerten, die mindestens 12 Monate aufgezeichnet hatten: Nur 3% wiesen Schwankungen zwischen 1 und 3 Tagen auf, 53% hingegen streuten zwischen 4 und 9 und ein Drittel sogar zwischen 10 und 17 Tagen [15].

Jüngere prospektive Daten zur Sicherheit der NFP stammen aus umfangreichen Datenbanken, die vor allem im europäischen Raum aufgebaut wurden (Tab. 3). Die deutsche Datenbank mit inzwischen 1555 NFP-Anwenderinnen und 33.073 Zyklusaufzeichnungen wurde wiederholt unter verschiedenen Fragestellungen ausgewertet [6, 7, 8, 10, 12, 13]. Bei 758 NFP-Anfängerinnen, die über 14.870 Zyklen beobachtet wurden, fand sich eine Methodensicherheit von 0,3 Schwangerschaften pro 100 Frauenjahre (Life table 12-Monatswert; vergleichbar mit dem Pearl-Index) bzw. 0,4–0,5 (berechnet nach geeigneterer statistischer Methode nach Trussel et al. [19, 20]). Diese Sicherheit wird erzielt, wenn kein ungeschützter Geschlechtsverkehr in der fertilen Phase stattfindet [6, 7]. Es ergab sich kein signifikanter Verlust an Sicherheit bei Kondomverkehr in der fertilen Phase. Vermutlich kommt es durch das Wissen um das fertile Fenster zu einer sorgfältigeren und konsequenteren Anwendung des Kondoms.
Tab. 3

Sicherheit der NFP (prospektive Kohortenstudien)

NFP-Methode

Anzahl der Zyklen (Anzahl der Teilnehmerinnen)

Anzahl der unbeabsichtigten Schwangerschaften

Methodensicherheit (Life-table 12 Monate)

Gebrauchssicherheit (Life-table 12 Monate)

Kommentar

Deutsche Zyklus-Datenbank 1997

STM

14870 (758)

28

0,26

2,2

NFP-Anfänger, 69% 20–30 Jahre alt; Analyse des Sexualverhaltens in der fruchtbaren Zeit

Europäische 10-Länder-Studie1993

a) verschiedene STM

3208

7

0

2,6

Teilnehmende Länder: Österreich, Belgien, Tschechien, Frankreich (CLER-Methode), Deutschland, Großbritannien, Irland, Italien, Spanien, Schweiz

b) plus Barrieremethoden

4196

8

0

2,3

c) CLER-Methode: präovulat.: Schleim allein

677

10

1,8

17,7

WHO 5-Länder-Studie 1981

OM

Irl: 2808 (234)

38

3,4

16,3

Teilnehmende Länder: Neuseeland, Irland, El Salvador, Indien, Philippinen

Neu:1341 (122)

32

6,3

28,6

STM  symptothermale Methode; OM  Billings-Ovulationsmethode (nur Zervixschleimbeobachtung).

Bei anwenderabhängigen Methoden ist natürlich die Gebrauchssicherheit, in die sog. Methoden- und Benutzerfehler einfließen, ein wichtiges Maß. Sie lag im beschriebenen deutschen Kollektiv bei 2,2 Schwangerschaften pro 100 Frauenjahre und zeugt von kompetenten und motivierten Anwenderinnen. Der Hauptgrund für eine unbeabsichtigte Schwangerschaft lag im wissentlichem Übertreten der Regeln (ungeschützter Geschlechtsverkehr in der fruchtbaren Zeit). Die 10-Länder-Europastudie bestätigt diese Ergebnisse für die STM, außer für die französische Methode, die den Beginn des fertilen Fensters nur nach der Schleimbeobachtung festlegt [17, 18] (Tab. 3). Die WHO-Multicenter-Studie fand für die beiden Industrieländer schlechte Resultate für die alleinige Schleimmethode (Billings-Methode; [22, 23]).

NFP für alle?

Nach einer etwas älteren repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid zum Familienplanungsverhalten in Deutschland besteht ein relativ großes Interesse an NFP und ein hoher ungedeckter Beratungsbedarf [9]. Aufgrund der Tatsache, dass NFP-Methoden ein gewisses Maß an Selbstdisziplin und partnerschaftlichem Verständnis verlangen, werden diese Methoden nicht für alle Paare geeignet sein. Für viele Frauen ist es jedoch ein Schlüsselerlebnis, ihre eigenen Beobachtungen und Empfindungen in ihren biologischen Rhythmus einordnen und ihre fertilen und infertilen Phasen selbstverantwortlich gestalten zu können.

Fazit für die Praxis

Mit der STM, die nach dem Double-check-Prinzip vorgeht, kann ein Paar heute so sicher eine Schwangerschaft vermeiden wie mit anderen sicheren Methoden der Familienplanung. Hauptparameter sind die Beobachtung des Zervixschleims äußerlich an der Vulva und die Basaltemperaturmessung.

In der täglichen Praxis hat der Gynäkologe anders als bei anderen kontrazeptiven Methoden das Problem, dass er die NFP aus Zeitgründen während der Sprechstunde nicht ausreichend vermitteln kann. Er kann aber auf ein gut organisiertes Beraternetz zurückgreifen.

Voraussetzung für eine sichere Anwendung ist die ausführliche Anleitung durch

Die Vorteile sind: keine Nebenwirkungen, nicht hormonal, nicht invasiv, sichere Verhütung auch für Risikopatientinnen, kaum Kosten. Weiterhin ermöglicht die Methode ein individuelles Erleben des Zyklusgeschehens sowie eine Stärkung des Körperbewusstseins, und sie ist auch bei unregelmäßigen Zyklen möglich (bei Verspätung der Ovulation verlängert sich evtl. die fertile Phase). Bei Kinderwunsch ermöglicht sie, das Fertilitätsoptimum zu erkennen (wichtigster Parameter: Zervixschleim).

Zu den Nachteilen zählt die Lernphase (1–3 Zyklen) und der notwendige Verzicht auf ungeschützten Verkehr während der fertilen Phase.

Notes

Interessenkonflikt

Es besteht kein Interessenkonflikt. Der korrespondierende Autor versichert, dass keine Verbindungen mit einer Firma, deren Produkt in dem Artikel genannt ist, oder einer Firma, die ein Konkurrenzprodukt vertreibt, bestehen. Die Präsentation des Themas ist unabhängig und die Darstellung der Inhalte produktneutral.

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag 2006

Authors and Affiliations

  • P. Frank-Herrmann
    • 1
  • C. Gnoth
    • 2
  • S. Baur
    • 3
  • T. Strowitzki
    • 1
  1. 1.Abteilung für gynäkologische Endokrinologie und FertilitätsstörungenUniversitätsfrauenklinik HeidelbergHeidelbergDeutschland
  2. 2.Universitätsfrauenklinik KölnDeutschland
  3. 3.Sektion Natürliche FertilitätDGGEFDeutschland

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