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Der Nervenarzt

, Volume 90, Issue 3, pp 233–234 | Cite as

Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder

  • Sabine C. HerpertzEmail author
  • Hans J. GrabeEmail author
Einführung zum Thema
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Mentally ill parents and their children

Angesichts der breiten gesellschaftlichen Diskussion zur Häufigkeit von Gewalt- und Missbrauchserfahrungen von Kindern in unserer Gesellschaft und deren Folgen für die kindliche Entwicklung sind wir als Psychiater gefragt, uns diesem Thema zu widmen und uns – gemeinsam mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie einer familienpsychiatrischen Perspektive folgend – für präventive Maßnahmen einzusetzen.

Bei psychisch kranken Eltern findet sich häufig mangelnde elterliche Sensitivität

Ungefähr 3 Mio. Kinder in Deutschland sind im Laufe eines Jahres mit der psychischen Erkrankung eines Elternteils konfrontiert. Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Psychiatern zur Versorgungssituation von Kindern psychisch kranker Eltern [1] zeigen auf, dass mehr als ein Drittel dieser Patienten in ihrem Elternverhalten eingeschränkt ist und sogar 50 % ihrer Kinder in ihrer psychischen Gesundheit als gefährdet angesehen werden. Selbst erlebte Unzulänglichkeiten in der Zuwendung und im Verständnis ihrer Kinder stellen für psychisch kranke Eltern eine große Belastung dar, führen zu Insuffizienz- und Schulderleben bei den Betroffenen und können den Heilungsverlauf erschweren. Auch sind psychisch kranke Eltern in großer Sorge, dass ihre Kinder durch ihre Erkrankung früh stigmatisiert werden. Gleichzeitig stellen psychiatrische Hilfsangebote an die Eltern eine gute Möglichkeit dar, auch die Kinder zu erreichen, finden doch die meisten Kinder über ihre Eltern den Weg in unterstützende Angebote.

Eine gestörte Eltern-Kind-Interaktion ist ein bedeutsamer Mediator zwischen der elterlichen psychischen Erkrankung und der gesundheitlichen Gefährdung ihrer Kinder. Mangelnde elterliche Sensitivität, aber auch Vernachlässigung, intrusives und schließlich feindseliges Verhalten finden sich häufiger bei psychisch kranken Eltern als in einer gesunden Vergleichsgruppe. Auch stellen psychisch kranke Eltern die bedeutsamste Risikogruppe für kindliche Misshandlungen und Missbrauch dar; das Risiko steigt weiter an, wenn die Eltern selbst Opfer traumatisierender Familieninteraktionen, von körperlicher oder sexueller Gewalt wurden. Untersuchungen, z. B. bei depressiven Müttern und Müttern mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, zeigen ein deutlich erhöhtes Misshandlungspotenzial im Vergleich zu Kontrollgruppen. Defizite in sozial-kognitiven Funktionen und in der Regulation von Affekten auf Seiten der Eltern sind die Beeinträchtigungen, die zu geringer elterlicher Sensitivität und zu dem häufig beklagten Teufelskreis in der transgenerationalen Weitergabe traumatisierender Beziehungserfahrungen beitragen.

In diesem Themenheft haben wir deshalb Befunde zusammengestellt, die den Lesern einen Eindruck von typischen Problemen im Elternverhalten bei psychisch kranken Menschen geben und charakteristische Folgen für die nächste Generation zusammentragen. Schließlich werden auch präventive Ansätze und Projekte systematisch dargestellt und erörtert, die bereits heute zur Verfügung stehen. Hier allerdings ist noch viel zu tun. Die Artikel werden dazu beitragen, die Bedeutung des Problems aufzuzeigen und die Notwendigkeit verstärkter Bemühungen um geeignete präventive und therapeutische Angebote zu unterstreichen.

Neukel und Kollegen fassen Ergebnisse eines bizentrischen Forschungsprojektes zusammen, in dem sie das Elternverhalten von Müttern mit psychischen Erkrankungen sowie von Müttern mit einer eigenen Geschichte früher Traumatisierung detailliert untersucht haben sowie den Entwicklungsstand ihrer Kinder. Sie zeigen auf, wie die mütterlichen Belastungen das Risiko erhöhen, dass das selbst erlebte familiäre Misshandlungspotenzial sich auch in der nächsten Generation fortsetzt, v. a. dann, wenn sie selbst eine psychische Erkrankung entwickelt haben.

Psychisch kranke Eltern stellen eine besonders bedeutsame Risikogruppe für kindliche Misshandlungen dar

Dahmen und Kollegen arbeiten in ihrem Übersichtsartikel die besonderen Belastungen minderjähriger Mütter heraus, bei denen sich eine erhöhte Rate psychischer Erkrankungen findet, dies bereits vor Eintritt der Schwangerschaft und dann auch später im Verlauf durch die zusätzlichen Belastungen der Mutterschaft in der eigenen Entwicklungsphase der Jugend. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe von Müttern, die ein erhöhtes Risiko für ein ungünstiges Interaktionsverhalten zu ihren Kindern zeigen und auf diese Weise eine gesunde kognitiv-emotionale Entwicklung ihres Kindes erschweren mit möglichen Implikationen für deren psychische Gesundheit.

Kölch und Kollegen tragen in ihrer systematischen Literaturrecherche qualitativ hochwertige Arbeiten zusammen, die die Möglichkeiten der Prävention bei Kindern zwischen 3 und14 Jahren mit depressiven oder angsterkrankten Eltern untersuchen. Altersspezifische präventive Maßnahmen und Interventionen sind notwendig, um das Risiko für Kinder, selbst zu erkranken, zu minimieren. Trotz der grundsätzlichen Wirksamkeit der analysierten Projekte fehlt es an einer flächendeckenden und systemübergreifenden Vernetzung der Angebote.

Klinger-König und Grabe gehen in ihrem Review der Frage nach, inwiefern die Interventionsforschung bislang auf die speziellen Bedürfnisse traumatisierter und psychisch kranker Eltern eingeht. Es wurden Arbeiten näher analysiert, die mindestens eine Intervention explizit beschrieben hatten und auf die Wirkung der Intervention für die Eltern und Kinder eingegangen waren. Die beschriebenen Interventionen deuten auf vielversprechende Therapieeffekte, insbesondere in Kombination mehrerer Interventionsarten, hin.

Prof. Dr. Sabine C. Herpertz

Prof. Dr. Hans J. Grabe

Notes

Interessenkonflikt

S.C. Herpertz und H.J. Grabe geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. 1.
    Wlodarczyk O et al (2017) Health care situation and barriers for working with children of mentally ill parents from the perspective of adult psychiatry in Germany—A nationwide survey. Psychiatr Prax 44(7):393–399.  https://doi.org/10.1055/s-0042-115824 CrossRefPubMedGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Allgemeine PsychiatrieUniversitätsklinikum HeidelbergHeidelbergDeutschland
  2. 2.Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und PsychotherapieUniversitätsmedizin GreifswaldGreifswaldDeutschland

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