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Der Nervenarzt

, Volume 84, Issue 8, pp 973–974 | Cite as

Braucht der Neurologe den Kopfimpulstest?

  • N. LehnenEmail author
  • E. Schneider
  • K. Jahn
Editorial

Do neurologists need the head impulse test?

In der aktuellen Ausgabe von Der Nervenarzt beschreiben Machner und Kollegen „Potenzial, Praktikabilität und Fallstricke“ des Videokopfimpulstests in der Praxis der Schwindelambulanz der Lübecker Universitätsklinik. Seit der Erstbeschreibung durch Halmagyi und Curthoys 1988 [3] hat sich der Kopfimpulstest zu einem etablierten Standard zur Beurteilung des vestibulookulären Reflexes (VOR) entwickelt. Seine Anwendung ist besonders bei Neurootologen und HNO-Ärzten erfreulich weit verbreitet. Der Test ist einfach und überall durchführbar. Der Untersucher dreht mit hoher Beschleunigung und kleiner Amplitude den Kopf des Patienten nach links oder rechts, während der Patient einen Zielpunkt fixiert (Abb. 1 oben). Ist der VOR intakt, bleibt dabei der Blick im Raum stabil (Abb. 1 b). Bei einer VOR-Störung bewegen sich die Augen zunächst mit dem Kopf und der Patient macht dann eine Korrektursakkade zurück zum Ziel (Abb. 1 c). Die jetzt verfügbaren mobilen Videokopfimpulssysteme, mit denen Augen- und Kopfbewegungen während des Tests aufgezeichnet werden, erlauben eine Quantifizierung und Dokumentation der vestibulären Störung ([1, 6], Abb. 1 unten). Die Untersuchung ist nichtinvasiv und in Praxis, Notaufnahme oder am Krankenbett in wenigen Minuten bei allen Altersgruppen (einschließlich Kindern) durchführbar.

Braucht der Neurologe den Kopfimpulstest und in welchen Situationen ist die Anwendung technischer Hilfsmittel zu seiner Quantifizierung sinnvoll?

Ein wichtiger Anwendungsbereich in der Neurologie ist die Differenzialdiagnose zwischen peripherer und zentraler Störung bei akutem Schwindel, insbesondere, um zuverlässig und schnell einen Schlaganfall zu erkennen. Beim akuten vestibulären Syndrom mit Drehschwindel, Spontannystagmus, Übelkeit und Fallneigung ohne weitere Zusatzsymptome differenzieren die übrigen klinischen Untersuchungsbefunde nicht zwischen eher harmlosen peripheren Störungen (Neuritis vestibularis, M. Menière) und zentralen Pathologien. Ein pathologischer Kopfimpulstest mit Korrektursakkaden weist in dieser Situation mit hoher Sensitivität (100%) und Spezifität (91%) auf eine periphere Störung hin [7]. Das heißt aber auch, dass bei zentralen Störungen nicht selten Korrektursakkaden auftreten, sodass der auffällige Test die periphere Ursache nicht beweist [2, 7]. Der Kopfimpulstest kann insbesondere pathologisch sein, wenn Läsionen nah am Eintritt des Nervus vestibulocochlearis in den Hirnstamm auftreten oder wenn Pathologien in der zentralen Verarbeitung des VOR vorliegen (z. B. Läsion im Bereich der Vestibulariskerne oder Störung in den VOR-modulierenden Kleinhirnanteilen). Es ist deshalb notwendig, den Kopfimpulstest zusammen mit dem übrigen Okulomotorikbefund zu beurteilen. Bei regelrechtem Kopfimpulstest, beidseitigem Blickrichtungsnystagmus und vertikaler Divergenz („skew deviation“) liegt mit 96% Spezifität eine zentrale Ursache vor [5]. Die Sensitivität ist 100% und damit besser als eine frühe Magnetresonanztomographie (MRT) mit Diffusionswichtung [5]. In einer gerade in der Zeitschrift Stroke erschienen Untersuchung an 12 Patienten, bei denen der Kopfimpulstest mithilfe eines Videosystems quantifiziert wurde, wurden alle Schlaganfälle richtig erkannt (100% Sensitivität und Spezifität im Vergleich zum Goldstandard, der kranialen MRT [8]). Die Autoren schließen daraus, dass, sollte sich dieses Ergebnis in großen Untersuchungen bestätigen, der Videokopfimpulstest auf gutem Weg sei, ein „EKG für die Augen“ zu werden.

Nicht nur in der Nothilfe, auch im elektiven Setting sollte der Kopfimpulstest zum Untersuchungsrepertoire des Neurologen gehören. Er ist beispielsweise geeignet, ohne aufwendige Zusatzdiagnostik eine bilaterale Vestibulopathie aufzudecken und ist damit wichtiger Bestandteil der differenzialdiagnostischen Einordnung von chronischem Schwindel und Gangunsicherheit. Gangstörungen zählen zu den häufigsten Leitsymptomen der Neurologie. Immobilität und Stürze bedrohen Lebensqualität und Teilhabe. Nicht immer berichten Patienten mit bilateraler Vestibulopathie typische Symptome wie eine Verstärkung der Gangunsicherheit im Dunkeln oder auf unebenem Grund und Bilderwackeln (Oszillopsien) bei Kopfbewegungen. In dieser Situation ist der pathologische Kopfimpulstest die entscheidende Untersuchung in der diagnostischen Abgrenzung gegen andere Ursachen der Gangstörung. Der Kopfimpulstest eignet sich auch als Screening-Verfahren zur Erkennung einer vestibulären Schädigung unter Gentamicin-Behandlung [11]. Er ist insgesamt auch bei chronischen Störungen ausreichend sensitiv und spezifisch für die klinische Anwendung (Sensitivität 70%, Spezifität 67% im Vergleich zum Goldstandard Magnetspulentechnik [4]). Dies gilt sowohl, wenn neurootologische Experten, als auch, wenn Nichtexperten ihn beurteilen. Allerdings tendieren Experten eher zu falsch-regelrechten, Nichtexperten zu falsch-pathologischen Beurteilungen. Die apparative Ausführung als Videokopfimpulstest vermeidet diese subjektiven Beurteilungen und erhöht so Sensitivität und Spezifität der VOR-Untersuchung.

Als apparative Alternativen zum Videokopfimpulstest stehen klinisch die kalorische vestibuläre Prüfung und die Drehstuhluntersuchung, experimentell die Magnetspulenmethode (Coil-Kopfimpulstest) zur Verfügung. Der Coil-Kopfimpulstest erkennt chronische Störungen sensitiver als die Kalorik [9]. Kleinere Studien zeigen, dass Coil- und Videokopfimpulstest vergleichbar sind [1, 6]. Mit ihrem Artikel in dieser Ausgabe beschreiben Machner und Kollegen erstmals die Anwendung und Praktikabilität des Videokopfimpulstests an einem Kollektiv von mehr als 1500 Patienten und unterstreichen damit seine Bedeutung für die Differenzialdiagnose von Schwindel und Gangstörungen. Der (Video-)Kopfimpulstest ist in der Neurologie angekommen.

Abb. 1

a Der Kopfimpulstest prüft die Funktion des vestibulookulären Reflexes (VOR). Der Untersucher dreht dabei den Kopf des Patienten rasch und mit kleiner Auslenkung nach links oder rechts, während der Patient einen Zielpunkt, z. B. die Nase des Untersuchers, fixiert. b Ist der VOR intakt, bleibt der Blick im Raum stabil. c Bei gestörter VOR-Funktion bewegen sich die Augen zunächst mit dem Kopf. In der Folge wird eine Korrektursakkade zurück zum Zielpunkt nötig. d Der Videokopfimpulstest quantifiziert die VOR-Funktion. e Bei regelrechtem VOR zeigen sich der Kopfbewegung exakt spiegelbildliche Augenbewegungsgeschwindigkeitsprofile. Kompensieren die Augen nicht ausreichend für die Kopfbewegung (f), treten Korrektursakkaden auf. Diese können, für das bloße Auge sichtbar („overt“, [10]), nach der Kopfbewegung auftreten (die mit „overt“ bezeichnete Sakkaden im linken Abbildungsteil beginnen unmittelbar nach dem Ende der Kopfbewegung, rechts mit mehr Latenz). Manche Patienten zeigen verdeckte („covert“ [10]) Sakkaden während der Kopfbewegung (mittlerer Abbildungsteil). „Covert“-Sakkaden sind mit bloßem Auge nicht zu sehen und führen ohne Video zu falsch-regelrechten Befunden. (Mod. nach [12])

Notes

Interessenkonflikt

Die korrespondierende Autorin weist für sich und ihre Koautoren auf folgende Beziehungen hin: N.L. ist Gesellschafterin der EyeSeeTec GmbH. Sie erhielt Vortragshonorare und Reisekostenerstattungen von Interacoustics und Autronic Reglersysteme GmbH. E.S. ist geschäftsführender Gesellschafter der EyeSeeTec GmbH. K.J. erhielt Vortragshonorare und Reisekostenerstattung von Abbott, Boehringer Ingelheim und Medtronic.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013

Authors and Affiliations

  1. 1.Deutsches Schwindel- und Gleichgewichtszentrum (IFB)Klinikum der Universität München, Standort GroßhadernMünchenDeutschland
  2. 2.Neurologische Klinik und PoliklinikKlinikum der Universität München, Standort GroßhadernMünchenDeutschland
  3. 3.Institut für Klinische NeurowissenschaftenKlinikum der Universität MünchenMünchenDeutschland
  4. 4.Hochschule Lausitz (FH)SenftenbergDeutschland

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