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Der Nervenarzt

, Volume 84, Issue 10, pp 1163–1164 | Cite as

Aktuelle Kontroversen der Neuroethik

  • R.J. Jox
  • B. Schöne-Seifert
  • K. Brukamp
Einführung zum Thema
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Current controversies in neuroethics

Krankheiten des Nervensystems und des Gehirns sowie deren medizinische Behandlung sind nicht selten mit Veränderungen im Denken, Fühlen und Verhalten assoziiert. Dadurch werfen sie häufig ethische Fragestellungen auf, die sich von der allgemeinen Medizinethik abheben. Das aufstrebende Feld der Neuroethik befasst sich mit diesen Fragestellungen vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung der Neurowissenschaften und ihrer tief greifenden Auswirkungen auf Medizin und Gesellschaft. In dieser Ausgabe von Der Nervenarzt werden in exemplarischer Auswahl einige aktuelle und komplexe neuroethische Probleme diskutiert. Notgedrungen bleiben dabei andere, gleichfalls wichtige Kontroversen – etwa um die psychiatrische Zwangsbehandlung, die Alzheimer-Frühdiagnose oder das medikamentöse Neuro-Enhancement – ausgeklammert. Doch schon die hier versammelten Beiträge mögen verdeutlichen, wie viele aktuelle Entwicklungen des Fachgebiets ethisch reflektiert werden müssen und welche Beiträge die Neuroethik mit empirischen, theoretischen und kritischen Methoden dabei leisten kann.

Fragestellungen in der Neuroethik unterscheiden sich häufig von denen in der allgemeinen Medizinethik

Da sich die Psychiatrie zunehmend an neurobiologischen Forschungsergebnissen orientiert, wird gegenwärtig wieder intensiv über die Gefahren eines biologischen Reduktionismus diskutiert. Marco Stier et al. präsentieren eine differenzierte Analyse des Biologismus-Begriffs und plädieren für eine präzisere Benennung der kritisierten Phänomene. Während die biologische Psychiatrie selbst nicht auf ein eliminativistisches Dogma festgelegt sei, müsse gleichwohl Sorge getragen werden, dass es in ihrem Gefolge nicht zur Vernachlässigung der unverzichtbaren sozialen und subjektiven Perspektiven komme. Dann nämlich drohten biologiefixierte Fehlentwicklungen für die Arzt-Patient-Beziehung, die Psychotherapie oder die Sozialpsychiatrie.

Ein aktuelles Beispiel für die biologische Psychiatrie ist die Erforschung der tiefen Hirnstimulation (THS) bei so verschiedenen Erkrankungen wie Depression, Suchterkrankungen oder Alzheimer-Demenz. Matthis Synofzik zeigt die ethischen Probleme bei diesen Indikationsstellungen auf und entwickelt ein Bewertungsschema anhand der 4 medizinethischen Prinzipien Wohltun, Nichtschaden, Autonomie-Respekt und Gerechtigkeit. So fordert er eine stärkere Berücksichtigung patientenrelevanter Outcome-Parameter in klinischen Studien, insbesondere der langfristigen Lebensqualität. Er argumentiert außerdem zugunsten eines THS-Fallregisters und ethisch begründeter methodischer Standards für die THS-Forschung.

Nicht nur neurostimulatorische Verfahren bergen ethische Implikationen, sondern auch neuartige pharmakologische Eingriffe. Katja Kühlmeyer und Ralf J. Jox geben eine Übersicht über ethische Fragen bei der Prävention und Therapie der posttraumatischen Belastungsstörung durch den β-Blocker Propranolol, der die Konsolidierung traumatischer Erinnerungen verhindern soll. Aus den bisher veröffentlichten Studien ziehen sie ein kritisches Fazit und sehen noch keine ausreichende Evidenz für einen klinischen Routineeinsatz des Medikaments. Neben der Frage der Nutzen-Risiko-Balance diskutieren sie insbesondere die Frage, ob und wie eine informierte Einwilligung möglich ist, wenn Betroffene das Medikament direkt nach dem Erleben des Traumas einnehmen sollen.

Neuroethische Fragen ergeben sich auch bei neuen diagnostischen Methoden, etwa der zerebralen Bildgebung. Kirsten Brukamp diskutiert die neuen Ansätze zur motorunabhängigen Kommunikation bei chronischen Bewusstseinsstörungen. Hierbei werden Patienten instruiert, mittels distinkter Imaginationen auf Ja-Nein-Fragen zu antworten, was dann mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) dargestellt wird. Damit ist die Hoffnung verbunden, Patienten zu identifizieren, die trotz fehlender Verhaltensanzeichen bei Bewusstsein sind. Darüber hinaus könnte die dadurch etablierte Kommunikation dazu genutzt werden, entscheidungsrelevante Informationen über Lebensqualität und Wünsche der Betroffenen zu gewinnen.

Für Anwendungsfragen ist auch von Bedeutung, wie die Ergebnisse bildgebender Untersuchungen generell interpretiert werden. Georg Northoff zeigt dies anhand der Auslegung von fMRT-Untersuchungen zu der auch ethisch höchst relevanten Frage, ob Patienten im vegetativen Status Bewusstsein haben. Bestimmte Schlussfolgerungen von der Ebene des Stimulus über die Ebene des Gehirns auf die Ebene des Bewusstseins – also von der Auslösbarkeit bestimmter neuronaler Aktivitäten auf das Vorliegen von Bewusstsein – könnten hier logisch und empirisch problematisch sein. Die Neuroethik habe auch die Aufgabe, solche logischen und methodischen Inkonsistenzen bloßzulegen und damit einen kritischen Beitrag zur Weiterentwicklung der Neurowissenschaften und ihrer verantwortlichen Umsetzung in die Patientenversorgung zu leisten.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

PD Dr. Dr. Ralf J. Jox

Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert

Dr. Kirsten Brukamp

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der MedizinLudwig-Maximilians-Universität MünchenMünchenDeutschland
  2. 2.Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der MedizinWestfälische Wilhelms-UniversitätMünsterDeutschland
  3. 3.Arbeitsbereich Geschichte der MedizinUniversität RostockRostockDeutschland

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