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Der Nervenarzt

, Volume 83, Issue 3, pp 293–302 | Cite as

Paul Nitsche – Reformpsychiater und Hauptakteur der NS-„Euthanasie“

  • B. Böhm
Leitthema

Zusammenfassung

In Paul Nitsches Berufsleben zeigt sich der widersprüchliche Weg eines in seiner Zeit führenden deutschen Anstaltspsychiaters. In der Weimarer Republik setzte er sich für die Verbesserung des Anstaltswesens nach reformpsychiatrischen Prinzipien ein, war aber auch schon rassenhygienischen Gedanken gegenüber aufgeschlossen.

Nitsche war in Sachsen schon kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ein einflussreicher Befürworter und Akteur rassenhygienischer Maßnahmen und beteiligte sich aktiv an der Umsetzung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Den Wert eines Patienten bemaß er immer mehr an seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit.

Die Konsequenz dieser extremen Rationalisierung des Menschenlebens war auch für Nitsche das Eintreten für die Tötung des „lebensunwerten Lebens“. Als „T4“-Obergutachter entschied er als letzte Instanz über Leben und Tod tausender Menschen. Später war er als Medizinischer Leiter der „T4“-Organisation direkt verantwortlich für die Weiterführung der Mordaktion als „dezentrale Euthanasie“. Im Dresdner „Euthanasie“-Prozess wurde er zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet.

Schlüsselwörter

Psychiatrie Nationalsozialismus Rassenhygiene „Aktion T4“ NS-„Euthanasie” 

Paul Nitsche: psychiatric reformer and main protagonist of Nazi euthanasia

Summary

The professional career of Paul Nitsche reflects the contradictory path taken by a German institutional psychiatrist who was a leader in the field at the time. During the Weimar Republic he advocated improving the institutional system based on principles of psychiatric reform, but was already receptive to concepts of racial hygiene.

Shortly after the National Socialists seized power, Nitsche was already an influential proponent and participant in eugenic measures in Saxony and actively involved in implementing the „Law for the Prevention of Genetically Diseased Offspring.” He increasingly appraised the value of a patient according to the person’s economic performance.

It was also Nitsche’s opinion that the consequence of this extreme rationalization of human life was to exterminate „life unworthy of life.” As a T4 appointed head assessor he decided in the last instance whether thousands of people would live or die. As the Medical Director of the T4 program, he was later directly responsible for continuing the massacre as „decentralized euthanasia.” At the euthanasia trial in Dresden he was condemned to death and executed in 1948.

Keywords

Psychiatry National Socialism Racial hygiene „T4“ program Nazi „euthanasia“ 

Notes

Interessenkonflikt

Keine Angaben.

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Copyright information

© Springer-Verlag 2012

Authors and Affiliations

  1. 1.Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein/Stiftung Sächsische GedenkstättenPirnaDeutschland

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