Der Nervenarzt

, Volume 77, Issue 9, pp 1031–1039 | Cite as

Vorausverfügter Behandlungsverzicht bei Verlust der Selbstbestimmbarkeit infolge persistierender Hirnerkrankung

Übersichten

Zusammenfassung

Dargestellt wird der aktuelle Stand der Diskussion um die ethische und rechtliche Klärung der Verbindlichkeit und Reichweite von Patientenverfügungen (PV), die einen Behandlungsverzicht bei Verlust der Selbstbestimmbarkeit infolge persistierender oder progredienter Hirnkrankheiten fordern. Am Beispiel von Demenz und „Wachkoma“ – Zustände mit zunehmender Bedeutung für den Psychiater – wird die Verbindlichkeit der PV in all jenen Fällen relativiert, in denen Irreversibilität und Vollständigkeit des Verlustes von Wachbewusstsein nicht sicher prognostiziert werden können. Unklarheit besteht auch in Bezug auf ihre Reichweite, da rechtlichen Vorschlägen zu ihrer Beschränkung auf todesnahe Krankheitszustände andere Vorschläge gegenüber stehen, die eine solche Beschränkung ablehnen; hinzu kommt medizinisch die Unsicherheit, das Kriterium der unmittelbaren Nähe des Todes bei irreversiblen und lebensbegrenzenden Krankheiten eindeutig feststellen zu können. Ethisch steht das höchstrichterlich bestätigte Selbstbestimmungsrecht des Kranken, der mit seiner PV eine lebenserhaltende und einwilligungspflichtige Behandlung bei den genannten Zuständen ablehnt, der ärztlichen Pflicht gegenüber, Leben zu erhalten und zum Wohl des Kranken zu handeln. Dadurch bedingte Gewissenskonflikte bei beteiligten Ärzten, Pflegepersonen, Angehörigen oder Nahestehenden, insbesondere auch bei Bevollmächtigten, sollten durch eine eingehende Diskussion zwischen allen an der Entscheidung Beteiligten einer möglichst konsensuellen Lösung zugeführt werden, die dem in der Patientenverfügung zum Ausdruck gebrachten Willen möglichst nahe kommt.

Schlüsselwörter

Patientenverfügung Behandlungsverzicht Verbindlichkeit einer Patientenverfügung Reichweite einer Patientenverfügung Demenz „Wachkoma“ Irreversibler Verlust der Selbstbestimmbarkeit 

Advance refusal of treatment in case of loss of autonomy due to persistent brain disease

Summary

A short overview is given of the current debate on ethics and legal clarification of the range and binding force of so-called living wills demanding interruption of treatment in case of loss of autonomy due to persistent or progressive brain disease. Using the examples of dementia and persistent vegetative states – conditions with growing significance for psychiatrists – the binding force of living wills is examined for cases in which the irreversibility and extent of consciousness loss cannot be predicted with certainty. The range of living wills’ authority appears also unclear. Legal proposals for limiting them to disease conditions near death are confronted by other proposals that reject such limitations. Added to this is the medical uncertainty of assessing the criterion nearness to death in irreversible and life-limiting diseases. The patient’s right of self-determination, confirmed by high court decisions, to refuse in advance treatments that are life-prolonging but require consent is opposed to the medical obligation to save life and act in the patient’s best interest. Moral dilemmas caused by this situation on the part of physicians, carepersons, and relatives or others, particularly authorized persons, should be solved by an exhaustive discussion with all persons who are involved in such decisions, and in a way that comes as near as possible to the patients living will.

Keywords

Living will Renunciation of treatment Binding force of living wills Extent of living wills Dementia Persistent vegetative state Irreversible loss of autonomy 

Literatur

  1. 1.
    Annas GJ (2005) “Culture of Life” Politics at the bedside – the case of Terri Schiavo. N Engl J Med 352:1710–1715CrossRefPubMedGoogle Scholar
  2. 2.
    Anselm A (2004) Terminale Sedierung: ethisch problematisch oder rechtfertigbar? Ethik Med 16:342–348CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Asai A, Maekawa M, Akiguchi I et al. (1999) Survey of Japanese physicians’ attitudes towards the care of adult patients in persistent vegetative state. J Med Ethics 25:302–308PubMedGoogle Scholar
  4. 4.
    Bartels S, Parker M, Hope T et al. (2005) Wie hilfreich sind „ethische Richtlinien“ am Einzelfall? Ethik Med 17:191–205CrossRefGoogle Scholar
  5. 5.
    Bioethikkommission Rheinland-Pfalz (2004) Sterbehilfe und Sterbebegleitung. Ethische, rechtliche und medizinische Bewertung des Spannungsverhältnisses zwischen ärztlicher Lebenserhaltungspflicht und Selbstbestimmung des Patienten. 23.4.2004Google Scholar
  6. 6.
    Blank K, Robison J, Prigerson H et al. (2001) Instability of attitudes about euthanasia and physician assisted suicide in depressed older hospitalized patients. Gen Hosp Psychiatry 23:326–332CrossRefPubMedGoogle Scholar
  7. 7.
    Bleek J (2005) Kann der Geltungsanspruch: „Das Recht auf den eigenen Tod wird schließlich zur Pflicht zum Tod!“ überzeugungskräftig eingelöst werden? Inauguraldissertation, Universitätsmedizin BerlinGoogle Scholar
  8. 8.
    Bockenheimer-Lucius G (2005) „Wachkoma“ und Ethik. Ethik Med 17:85–89CrossRefGoogle Scholar
  9. 9.
    Bündnis 90/Die Grünen (2005) Patientenverfügungen. Eine allgemeine Erläuterung zum Thema Patientenverfügung und ein Vergleich verschiedener Stellungnahmen und Regelungsvorschläge. 15/63. Februar 2005Google Scholar
  10. 10.
    Bundesärztekammer (2004) Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung. Dtsch Ärztebl 101:C1039Google Scholar
  11. 11.
    Bundesgerichtshof (1994) Urteil des 1. Strafsenats vom 13.9.1994 im sogenannten „Kemptener Fall“. 1 StR 357/ 94. BGH St 40, S 257 ffGoogle Scholar
  12. 12.
    Bundesgerichtshof (2003) Leitsatzentscheidung des 12. Zivilsenats vom 17.3.2003. AZ XII ZB 2/03. http://www.juris.bundesgerichtshof.de
  13. 13.
    Bundesgerichtshof (2005) Leitsatzentscheidung des 12. Zivilsenats vom 8.6.2005. AZ XII ZR 177/03. http://www.juris.bundesgerichtshof.de
  14. 14.
    Bundesministerium der Justiz (2004) Ethische, rechtliche und medizinische Aspekte zur Bewertung von Patientenverfügungen. Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Patientenautonomie am Lebensende“ vom 10. 6. 2004. http://www.bmj.de
  15. 15.
    Bundesministerium der Justiz (2004) Eckpunkte zur Stärkung der Patientenautonomie. Information für die Presse vom 5. November 2004. http://www.bmj.de sowie Entwurf eines dritten Gesetzes zur Änderung des Betreuungsrechts. In: Lipp V (2005) Patientenautonomie und Lebensschutz. Anhang
  16. 16.
    Deutsche Bischofskonferenz (2005) Stellungnahme des Kommissariats der deutschen Bischöfe zum Entwurf für ein drittes Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts. http://www.dbk.de
  17. 17.
    Deutscher Bundestag (2004) Patientenverfügungen. Zwischenbericht der Enquete-Kommission Ethik und Recht der modernen Medizin. Drucksache 15/ 3700. http://www.bundestag.de
  18. 18.
    Deutscher Bundestag (2005) Protokoll der Debatte Patientenverfügung. http://www.bundestag.de, 10.3.2005
  19. 19.
    Didion J (2005) The case of Theresa Schiavo. New York Review of Books 52 (10), 9.6.2005Google Scholar
  20. 20.
    Dörner K (2001) Der gute Arzt. Schattauer, StuttgartGoogle Scholar
  21. 21.
    EKD (2005) Sterben hat seine Zeit. Überlegungen zum Umgang mit Patientenverfügungen aus evangelischer Sicht. Ein Beitrag der Kammer für öffentliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Deutschland. EKD-Texte 80. http://www.ekd.de
  22. 22.
    Fagerlin A, Schneider CE (2004) Enough. The failure of the living will. Hastings Cent Rep 34:30–42PubMedGoogle Scholar
  23. 23.
    Firlik A (1991) A piece of my mind. Margo’s Logo. JAMA 265:201CrossRefPubMedGoogle Scholar
  24. 24.
    Gerhardt V (2003) Letzte Hilfe. Das moralische Problem im Umgang mit dem Todeswunsch eines unheilbar Kranken. FAZ 19.9.2003, Nr. 218, S 8Google Scholar
  25. 25.
    Giacino JT, Ashwal S, Childs N et al. (2002) The minimally conscious state. Definition and diagnostic criteria. Neurology 58:349–353PubMedGoogle Scholar
  26. 26.
    Helmchen H, Kanowski S, Lauter H (2006) Ethik in der Altersmedizin. Kohlhammer, StuttgartGoogle Scholar
  27. 27.
    Kruse A (2004) Stellungnahme zur Anhörung des Nationalen Ethikrates am 21.01.2004Google Scholar
  28. 28.
    Lipp V (2005) Patientenverfügung und Lebensschutz. Zur Diskussion um eine gesetzliche Regelung der „Sterbehilfe“. Universitätsverlag, Göttingen. http://www.univerlag.uni-goettingen.de/univerlag-Dateien/Books/lipp_050121b.pdf
  29. 29.
    Merkel R (2004) Zur Frage der Verbindlichkeit von Patientenverfügungen. Ethik Med 16:298–307CrossRefGoogle Scholar
  30. 30.
    Nationaler Ethikrat (2005) Patientenverfügung – ein Instrument der Selbstbestimmung. Stellungnahme vom Juni 2005. http://www.ethikrat.org/stellungnahmen/stellungnahmen.html
  31. 31.
    Quill TE (2005) Terri Schiavo – A tragedy compounded. N Engl J Med 352:1630–1633CrossRefPubMedGoogle Scholar
  32. 32.
    Riedel U (2004) Selbstbestimmung am Lebensende durch Patientenverfügungen. Entwicklungen in der politischen Diskussion. Z Biopolitik 13:211–218Google Scholar
  33. 33.
    Schmuhl HW (1994) Die Geschichte der Lebens(un)wert-Diskussion. Bruch oder Kontinuität. In: Daub U, Wunder M (Hrsg) Des Lebens Wert. Lambertus, Freiburg i Br., S 51–60Google Scholar
  34. 34.
    Strätling M, Bartmann FJ, Fieber U et al. (2005) Die gesetzliche Regelung der Patientenverfügung in Deutschland. Eine interdisziplinäre Analyse rechts- und gesellschaftspolitischer Gestaltungsspielräume im Spannungsfeld zwischen ärztlicher und sozialer Fürsorge, Respekt vor der Selbstbestimmung des Patienten, Schadensvermeidung und Lebensschutz. Reihe „Medizinethische Materialien“ des Zentrums für Medizinische Ethik, BochumGoogle Scholar
  35. 35.
    Synofzik M, Marckmann G (2005) Persistent vegetative state: Verdursten lassen oder sterben dürfen? Dtsch Ärztebl 102:A2079–A2082Google Scholar
  36. 36.
    Thielicke H (1968) Ethische Fragen der modernen Medizin. Langenbecks Arch Chir 321:1–34CrossRefPubMedGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag 2006

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Psychiatrie und PsychotherapieTechnische Universität MünchenMünchen
  2. 2.Klinik für Psychiatrie und PsychotherapieCharité – Campus Benjamin FranklinBerlin

Personalised recommendations