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Der Unfallchirurg

, Volume 121, Issue 8, pp 674–676 | Cite as

Hat der Arzt vor der Verabreichung eines Antikoagulans über das seltene Risiko eines Priapismus aufzuklären?

  • Marcus Vogeler
Medizinrecht

Zusammenfassung

Es gibt keine Arzneimittel ohne unerwünschte Nebenwirkungen. In der ärztlichen Praxis und insbesondere im Krankenhausalltag stellt sich daher bei der Gabe eines Medikaments täglich die Frage, ob und in welchem Umfang über mögliche Risiken und auch über Behandlungsalternativen zur angedachten Medikation aufzuklären ist. Dass auch in der täglichen Routine angewandte Arzneimittel zu „skurrilen“ Nebenwirkungen führen können, verdeutlich ein vom Landgericht Hannover entschiedener Fall: Ein Patient entwickelte nach einem unfallchirurgischen Eingriff einen durch Antikoagulanzien induzierten Priapismus. Die Behandlung selbst war nicht Gegenstand des Arzthaftungsprozesses; vorgeworfen wurde der behandelnden Klinik durch den Patienten aber die unterlassene Aufklärung über das Risiko eines Priapismus und die Behandlungsalternative mittels Rivaroxaban®, was beides unstreitig nicht erfolgt ist. Das Landgericht hatte nun zu entscheiden, ob eine so weitreichende Aufklärung geschuldet ist, was das Gericht im Ergebnis verneinte. Die Entscheidung, die durch das Oberlandesgericht Celle bestätigt wurde, lehrt aber: Es reicht nicht aus, zu Risiken und Nebenwirkungen den Patienten auf die Packungsbeilage zu verweisen. Vielmehr kann der Arzt rechtlich dazu verpflichtet sein, den Patienten mündlich auch über „Raritäten“ aufzuklären, wenn das Risiko typischerweise mit dem Medikament verbunden ist.

Schlüsselwörter

Arzthaftungsprozess Aufklärung Behandlungsalternative Heparine Rivaroxaban 

Does a physician have to inform the patient about the rare risk of priapism before administering an anticoagulant?

Abstract

There are no pharmaceuticals without side effects. Primary care physicians and especially hospital staff have to ask themselves every time they are administering medication whether they should inform the patient about possible risks and alternative treatment options. The “bizarre” side effects which can occur even from taking routine medication are illustrated by a legal case decided by the District Court of Hannover: After surgery a patient developed an anticoagulant-induced priapism. The surgery itself was not subject of the court case but the patient sued the hospital for neglecting to inform him about the possible risk of priapism and about the alternative treatment with rivaroxaban, which both parties agreed had not happened. The District Court now had to decide whether the hospital is duty bound provide patients with such detailed information in order to obtain informed consent. The Hannover Court, and also later the Court of Appeal in Celle, answered this question in the negative; however, the decision shows that it is not sufficient for the treating physician to refer the patient to the patient information leaflet. Instead the physician is legally bound to personally and orally inform the patient about the risks and possible side effects, even when they are rare but typically associated with the prescribed medication.

Keywords

Medical malpractice claim Informed consent Alternative treatment Heparins Rivaroxaban 

Notes

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

M. Vogeler gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Rechtsanwalt und Fachanwalt für MedizinrechtKanzlei Dres. Vogeler RechtsanwälteHannoverDeutschland

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