Der Internist

, Volume 57, Issue 4, pp 301–303 | Cite as

Herzklappenerkrankungen

Einführung zum Thema

Heart valve diseases

Herzklappenerkrankungen sind hochaktuell, häufig und ein typisches Beispiel für das Thema des diesjährigen Internistenkongresses: „Demographischer Wandel fordert Innovation“. Was meine ich damit? Die Zunahme von Herzklappenerkrankungen – und hierbei handelt es sich im Wesentlichen um die Aortenstenose und die Mitralinsuffizienz – ist ganz unmittelbar auf den demografischen Wandel zurückzuführen.

Die Errungenschaften der modernen Medizin und die weitgehend dadurch bedingte Zunahme der Lebenserwartung führen zu einem deutlichen Anstieg von chronischen Erkrankungen, nicht nur in der Kardiologie, sondern in den meisten Schwerpunkten der Inneren Medizin. Herzinfarkte werden überlebt, aber häufig entsteht danach eine Herzinsuffizienz und infolge einer Papillarmuskeldysfunktion oder einer Ventrikeldilatation eine funktionelle Mitralinsuffizienz. In ähnlicher Weise stellt die Aortenklappenstenose in Form der degenerativ-verkalkenden Aortenklappenstenose eine Erkrankung des hohen Lebensalters dar; in der Altersgruppe der über 75-Jährigen beträgt die Prävalenz etwa 5 %. Der demografische Wandel führt also zu einer deutlichen Zunahme der Aortenstenose und der Mitralinsuffizienz.

Der demografische Wandel führt zu einer Zunahme an Herzklappenerkrankungen

Gleichzeitig bringt das hohe Lebensalter der Patienten Multimorbidität und damit eine Steigerung des Operationsrisikos bei klassischen herzchirurgischen Eingriffen mit sich. Folglich gilt es, innovative Verfahren zu entwickeln, die mit einem geringeren Eingriffsrisiko verbunden sind. Ermöglicht wird dies wiederum durch die gewaltigen Errungenschaften der Ingenieurstechnologie und der Medizintechnik. So wurden in der letzten Dekade neue schonende Operationsverfahren entwickelt, v. a. aber interventionelle Verfahren, die schonende Eingriffe auch bei multimorbiden Patienten mit hohem Operationsrisiko erlauben. Methoden wie die Transkatheter-Aortenklappenimplantation („transcatheter aortic valve implantation“ [TAVI]) oder auch das MitraClip®-Verfahren sind in kürzester Zeit zur klinischen Routine geworden. Deswegen ist es für alle Internisten und Allgemeinmediziner von Relevanz, diese Verfahren sowie die Vorbereitung und Nachbetreuung der Patienten zu kennen.

In Abb. 1 ist die Zunahme der TAVI-Prozeduren in Relation zur konventionellen Aortenklappenchirurgie gezeigt. TAVI-Prozeduren sind zusätzliche Prozeduren. Patienten, die früher nicht operiert wurden und hochsymptomatisch nach durchschnittlich zwei Jahren verstarben, können jetzt wieder eine gute Lebensqualität und eine altersentsprechende Prognose erreichen.
Abb. 1

Entwicklung der Zahlen von TAVI und isolierter konventioneller Aortenklappenchirurgie seit dem Jahr 2009. aUnterteilung in endovaskulär und transapikal erst ab 2010. TAVI „Transcatheter aortic valve implantation“ (Transkatheter-Aortenklappenimplantation). (Adaptiert nach [1], Datenquelle: AQUA-Institut)

Die fünf Schwerpunktbeiträge der vorliegenden Ausgabe von Der Internist stellen die Sachlage und die Probleme für den Nichtspezialisten auf hervorragende Weise dar. So wird in der Arbeit von Hamm u. Bauer die interventionelle Aortenklappenimplantation erklärt, zudem werden aktuelle Ergebnisse diskutiert.

Eine Sonderform der Aortenklappenstenose ist die paradoxe Low-flow-low-gradient-Aortenstenose. Hier wird trotz hochgradig reduzierter Klappenöffnungsfläche und erhaltener systolischer Funktion aufgrund eines niedrigen Schlagvolumens kein hoher transvalvulärer Gradient erreicht. Diese Variante der Aortenstenose wurde lange verkannt, obwohl sie mit einer ausgeprägten Symptomatik und schlechten Prognose vergesellschaftet ist. Die paradoxe Low-flow-low-gradient-Aortenstenose ist vielfach eine diagnostische Herausforderung, wie ten Freyhaus u. Baldus in ihrem Beitrag darlegen. Als behandelnder Arzt muss man daher diese spezifische Form der Aortenstenose kennen.

Schließlich werden gut verständlich katheterinterventionelle (Puls u. Schillinger) und operative Möglichkeiten (Beyersdorf u. Bothe) für die Behandlung der Mitralinsuffizienz gegenübergestellt. Der Beitrag von Thielsen et al. rundet den vorliegenden Themenschwerpunkt ab, indem er einen Ausblick darauf gibt, wohin die Reise bei der interventionellen Behandlung von Herzklappenerkrankungen führen könnte.

Die moderne Behandlung von Herzklappenerkrankungen ist individualisierte Herzmedizin. Jede Indikationsstellung muss von einem Herzteam interdisziplinär getroffen werden. Dieses Team sollte nur dem Auftrag verpflichtet sein, jedem Patienten das Verfahren zu empfehlen, das für ihn aufgrund der vorliegenden Evidenz und der individuellen Erfahrung der behandelnden Ärzte am besten geeignet ist. Das Team muss aber auch erkennen können, bei welchen Patienten kein Eingriff durchgeführt werden sollte, sondern eine konservative (palliative) Behandlung zu wählen ist.

G. Hasenfuß

Notes

Interessenkonflikt

G. Hasenfuß gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. 1.
    Herzbericht. Sektorenübergreifende Versorgungsanalyse zur Kardiologie und Herzchirurgie in Deutschland. Deutsche Herzstiftung e. V.; 2015. Frankfurt am MainGoogle Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

Authors and Affiliations

  1. 1.Herzzentrum, Klinik für Kardiologie und PneumologieUniversitätsmedizin Göttingen, Georg-August-UniversitätGöttingenDeutschland

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