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Selbsthilfeunterstützung, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfefreundlichkeit in der Schweiz – zwischen subsidiären Strukturen und nationalem Entwicklungsbedarf

  • Lucia M. Lanfranconi
  • Fabian Berger
  • Jürgen Stremlow
Leitthema

Zusammenfassung

Der schweizerische Wohlfahrtsstaat zeichnet sich durch starken Föderalismus und ein ausgeprägtes Subsidiaritätsprinzip aus. Vor diesem Hintergrund beleuchtet der vorliegende Beitrag aktuelle Erkenntnisse der ersten gesamtschweizerischen Studie zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe.

Basis bilden drei Teiluntersuchungen: 1. eine mündliche und schriftliche Befragung der Leitungspersonen der nationalen Dienst- und Koordinationsstelle „Selbsthilfe Schweiz“ und aller regionalen Selbsthilfezentren, 2. eine quantitativ-deskriptive Auswertung der Datenbank von Selbsthilfe Schweiz mit über 2500 erfassten Selbsthilfegruppen und 3. zwölf Leitfadeninterviews mit Fachpersonen aus dem Sozial- und Gesundheitswesen.

Die Selbsthilfe wird in der Schweiz aktuell auf nationaler Ebene wenig gefördert. Während Selbsthilfe Schweiz ausgewählte Themen mit nationaler Bedeutung bearbeitet, wird Selbsthilfeförderung seit Jahrzehnten vor allem durch die regionalen Selbsthilfezentren betrieben. Dabei bestehen große regionale Unterschiede bezüglich der personellen und finanziellen Ausstattung der Selbsthilfezentren sowie der Verbreitung und Entwicklung der Selbsthilfegruppen. Ähnlich zeigen sich regionale Disparitäten bei der Zusammenarbeit der Selbsthilfegruppen und -zentren mit Personen und Institutionen aus dem Sozial- und Gesundheitswesen.

Die gemeinschaftliche Selbsthilfe kann als charakteristisch für die föderalistische und subsidiäre Kultur des schweizerischen Wohlfahrtsstaates bezeichnet werden: Die aktuelle Selbsthilfelandschaft ist regional verankert und auch lokal finanziert. Substanzieller Entwicklungsbedarf besteht auf nationaler Ebene: Es bedarf einer gesetzlichen Grundlage und stärkerer nationaler Finanzierung von Selbsthilfeunterstützung sowie Initiativen zur Stärkung der Selbsthilfefreundlichkeit.

Schlüsselwörter

Selbsthilfegruppen Selbsthilfeförderung Selbsthilfefreundlichkeit Schweiz Subsidiarität 

Self-help support, self-help groups and self-help friendliness in Switzerland—between subsidiary structure and national development needs

Abstract

The Swiss welfare state is marked by strong federalism and subsidiarity, e. g. when it comes to social and health policies. This contribution presents findings of the first national study on self-help in Switzerland.

This contribution is based on three sub-projects: 1. an oral and an online survey of the management personnel of the national organization Self-help Switzerland (Selbsthilfe Schweiz) and all regional self-help centers; 2. a quantitative-descriptive evaluation of the Self-help Switzerland’s database with over 2500 self-help groups; and 3. twelve semi-structured interviews with experts from the social and health system.

Little support is given at the national level to the self-help system. While Self-help Switzerland deals with topics of national importance, promotion of self-help has so far primarily been the domain of the regional self-help centers. This led to large regional differences in the dissemination and the development of self-help groups. There are also regional disparities in the cooperation between self-help groups and centers with the professionals and institutions from the social and health system.

Self-help is discussed as characteristic for the federalist and subsidiary culture of the Swiss welfare state. The current self-help landscape is regionally based and locally financed. There is a substantial need for development on the national level: a legal base is required as well as stronger funding for self-help support and initiatives for self-help friendliness.

Keywords

Self-help groups Self-help support Self-help friendliness Switzerland Subsidiarity 

Notes

Danksagung

Herzlichen Dank an alle Mitwirkenden der Studie zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe in der Schweiz (2017). Spezifischer Dank für das wertvolle Feedback zum vorliegenden Beitrag gebührt Jürgen Matzat (Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen, Gießen), den TeilnehmerInnen der 40. Selbsthilfetagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen, Sarah Wyss (Selbsthilfe Schweiz) sowie Gesine Fuchs, Marianne Müller, Andreas Jud und Petra Spichtig (Hochschule Luzern – Soziale Arbeit).

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

L.M. Lanfranconi, F. Berger und J. Stremlow geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Lucia M. Lanfranconi
    • 1
  • Fabian Berger
    • 2
  • Jürgen Stremlow
    • 1
  1. 1.Hochschule Luzern – Soziale ArbeitLuzernSchweiz
  2. 2.Careum ForschungKalaidos Fachhochschule ZürichZürichSchweiz

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