Entwicklung, Situation und Perspektiven der Selbsthilfeunterstützung in Deutschland

  • Raimund Geene
  • E. Huber
  • J. Hundertmark-Mayser
  • B. Möller-Bock
  • W. Thiel
Leitthema: Selbsthilfe

Zusammenfassung

Die in den letzten hundert Jahren entstandenen und gewachsenen Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen sind heute ein wichtiger Bestandteil der sozialen Sicherung. Selbsthilfekontaktstellen, Seniorenbüros, Freiwilligenagenturen, Bürgerzentren oder Mehrgenerationenhäuser verbinden bürgerschaftliches Engagement mit innovativer Professionalität. Diese wichtigen lokalen Einrichtungen können leider nicht auf eine verlässliche Regelfinanzierung bauen. Es gibt in Deutschland rund 280 Selbsthilfekontaktstellen und mehr als 400 überregionale Selbsthilfezusammenschlüsse. Gesunde Gemeinden, gesunde Betriebe und gesunde Bürger benötigen eine dezentralisierte, in den Stadtteilen verankerte Selbsthilfe und Selbstorganisation der Zivilgesellschaft. Die dafür bereits vorhandenen professionellen Unterstützungsstrukturen sollten sich auf kommunaler Ebene zusammenschließen. Hier bestehen bereits neue Formen der Kooperation von kommunaler Politik und Verwaltung, von Unternehmen und Akteuren der Zivilgesellschaft und um regional integrierte Versorgungsprojekte mit den Einrichtungen der Gesundheitsversorgung. Aktuell stellen sich die Qualitätsentwicklung sowie die Inklusion von sozial Benachteiligten und Menschen mit Migrationshintergrund als zentrale Herausforderungen der Selbsthilfe. Hierfür ist eine sicher finanzierte und politisch gestützte Infrastruktur eine unverzichtbare Voraussetzung, ihr Ausbau eine zentrale Gesundheitsinvestition.

Schlüsselwörter

Selbsthilfe Bürgerschaftliches Engagement Selbsthilfegruppen Selbsthilfekontaktstellen Gesundheitsförderung 

Development, situation and perspective of self-help support in Germany

Abstract

Self-help groups and self-help associations are an important part of the social security system. In Germany, self-help contact points, senior citizen centers, volunteer agencies, citizen centers and multi-generation houses combine citizen participation with innovative professional services. Unfortunately, there is no guarantee of continuous financial support for these important, locally administered institutions. There are about 280 self-help contact points and more than 400 federal self-help associations that support and promote self-help in Germany. Healthy communities, healthy workplaces and healthy people need a decentralized system of self-help programs operated at local and regional levels, in districts and towns. Thereby, professional support systems that operate self-help programs and promote citizen participation in the self-help programs must be managed in a similar regional format. New forms of cooperation from the regional and local governments, private companies, and citizen engagement already exist. Additionally, regional projects of integrated maintenance systems with the regional health maintenance institutions have been established. Currently, the central challenges of the self-help programs are quality development, inclusion of people with social disadvantages and of people with migrational background. The essential prerequisites for this work are continuous financial support and a politically supported infrastructure, which is in fact an important health investment.

Keywords

self-help citizen's engagement self-help groups self-help contact points health promotion 

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag 2009

Authors and Affiliations

  • Raimund Geene
    • 1
    • 4
  • E. Huber
    • 2
  • J. Hundertmark-Mayser
    • 3
  • B. Möller-Bock
    • 3
  • W. Thiel
    • 3
  1. 1.Hochschule Magdeburg-StendalStendalBRD
  2. 2.Mannheimer Institut für Public HealthMannheimBRD
  3. 3.DAG SHG/NAKOSBerlinBRD
  4. 4.Hochschule Magdeburg-StendalStendalGermany

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