Zur historischen Entwicklung der deutschen Gesundheitsversorgung und ihrer Reformansätze

Leitthema: Berliner Gespräche zur Sozialmedizin

Zusammenfassung

Beginnend im 19. Jahrhundert, bietet der folgende Artikel eine kurze Übersicht über die Reformgeschichte der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Im Fokus steht dabei der Einfluss vorherrschender gesellschaftlicher Werte, Strukturen und medizinischer Leitbilder, aber auch drängender sozialer Probleme auf die Entwicklung des deutschen Sozialversicherungssystems. Als Folge der Industrialisierung war das 19. Jahrhundert vor allem von der Verelendung weiter Bevölkerungskreise geprägt. Unter dem wachsenden innerpolitischen Druck der sich organisierenden Arbeiterschaft wurde 1883 die erste reichsweite Krankenversicherung eingeführt. Es folgte die Gründung von nationalen Ärzteverbänden als Gegengewicht zur dominierenden Stellung der Krankenkassen. Nach der Abschaffung der Selbstverwaltung während des Nationalsozialismus war die westdeutsche Gesundheitspolitik nach 1945 durch einzelärztliche Praxistätigkeit und die freie Selbststeuerung durch Verbände und Körperschaften geprägt. Seit den 1980er-Jahren nimmt einerseits die Selbstbestimmung und auch die Verantwortung der Patienten zu, andererseits wird die Gesundheitsversorgung in zunehmendem Maße von der Standardisierung medizinischer Prozesse und Produkte sowie von einer evidenzbasierten Entscheidungskultur geprägt. Heute wird das Gesundheitswesen als eigenständiger wirtschaftlicher Sektor wahrgenommen, in dem der Patient als Konsument zur zentralen Figur wird. Im vorliegenden Beitrag wird gezeigt, dass die Gesundheitsversorgung weniger von den Vorstellungen von Ärzten und anderen Gesundheitsberufen, als vielmehr vom jeweiligen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Kontext und daraus folgenden Leitideen beeinflusst wurde und auch heute noch geprägt wird.

Schlüsselwörter

Gesundheitsreformen Sozialversicherungssystem Geschichte der Gesundheitsversorgung Medizingeschichte 

The historical development of the German health care system and respective reform approaches

Abstract

Starting with the 19th century, the following article provides a short overview on the reform history of health care in Germany. The focus is on the influence of predominant societal values, structures and medical concepts as well as pressing social problems on the development of the German social insurance system. As a consequence of industrialization, the 19th century was shaped by the impoverishment of a large part of the population. Domestically pressured by the growing organization of the workforce, the first nationwide health insurance was founded in 1883. After this, national associations of physicians were established to counterbalance the dominating position of the health insurance companies. After the abolition of self-government during the period of National Socialism, health politics in western Germany after 1945 was shaped by medical practices run by individual physicians and free self-government by organizations and corporations. Since the 1980s, on the one hand, the self-determination and responsibility of patients has been growing. On the other hand, health care is increasingly influenced by the standardization of medical processes and products and evidence based decision-making processes. Today the health care sector is perceived as a stand-alone economic sector, in which the patient as a consumer is becoming a central figure. Overall it is outlined that the health care sector was less influenced by the conceptions of medical and other health care professionals, but it was shaped by the economic, political and societal context and the resultant concepts. This is still valid today.

Keywords

health care reforms social insurance system history of health care history of medicine 

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag 2008

Authors and Affiliations

  1. 1.Medizinische Hochschule HannoverBRD
  2. 2.Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und GesundheitssystemforschungMedizinische Hochschule HannoverHannoverBRD

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