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Der Anaesthesist

, Volume 68, Issue 12, pp 803–804 | Cite as

Anti-Trendelenburg, „beach chair“ und die Folgen

Lagerung und das kardiorespiratorische System
  • W. BuhreEmail author
Einführung zum Thema
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Anti-Trendelenburg, beach chair and the sequelae

Positioning and the cardiorespiratory system

Im vorliegenden Heft von Der Anaesthesist ist das Leitthema den Effekten von Lagerungsmaßnahmen auf das kardiorespiratorische System gewidmet. Dieses Thema ist für den Anästhesisten von steigendem Interesse, da moderne Operationsverfahren wie die laparoskopische oder robotergestützte Chirurgie mit z. T. extremen Lagerungen verbunden sind, die signifikanten Einfluss auf das kardiorespiratorische System ausüben. Die Kenntnis und Therapie von lagerungsinduzierten kardiorespiratorischen Veränderungen sind daher äußerst bedeutsam für die Patientensicherheit.

Die Autoren des vorliegenden Leitthemenbeitrags haben in einer gelungenen Übersicht verschiedenste Lagerungstechniken und die damit verbundenen Folgen für Hämodynamik und Lungenfunktion beschrieben [1]. Insbesondere zunehmend „populäre“ Lagerungen wie die Trendelenburg-Position in der Urologie und Gynäkologie oder der Beach chair sind ausführlich beschrieben. Die Kombination von Pneumoperitoneum und Lagerung auf die Zirkulation sowie die Interaktion zwischen den Folgen der Anästhesie per se und den oben genannten Faktoren müssen gekannt werden.

Interessant an der vorliegenden Arbeit ist der gewählte physiologische Ansatz. Die Autoren versuchen, die Folgen der verschiedenen Lagerungstechniken zu beschreiben und anhand von physiologischen Grundlagen zu erklären. Dadurch wird deutlich, dass die Anästhesie ein Fach ist, in dem Pharmakologie und Physiologie eine Verbindung eingehen, die unmittelbar in klinische Entscheidungen einfließt. Es zeigt sich weiterhin, dass die Zahl von adäquaten klinischen Untersuchungen zu diesem Thema nicht ausreicht, was bei seiner klinischen Relevanz in unserer täglichen Arbeit erstaunlich ist.

Kenntnis und Therapie lagerungsinduzierter Veränderungen steigern die Patientensicherheit

Die Autoren gehen ebenfalls auf Monitoring-Verfahren zur Überwachung von einzelnen Organsystemen (zerebrale, abdominale Zirkulation) ein, die zumeist durchgeführt werden, wenn neue Lagerungstechniken für spezifische Operationen eingesetzt und gleichzeitig neue Monitoring-Techniken (Nahinfrarotspektroskopie [NIRS], Messung des „optic nerve sheath diameter“ [ONSD] etc.) eingeführt werden [2, 3]. Es existieren aktuell nur wenige klinische oder experimentelle Untersuchungen, die sich mit klar definierten Patientenpopulationen, wie beispielsweise Patienten mit morbider Adipositas oder ausgeprägter Hypertension beschäftigen. Dies ist verwunderlich, da wir im klinischen Alltag vasoaktive Medikamente und Infusionen einsetzen, um die Folgen der Lagerung zu behandeln. Alle diese Medikamente haben Einfluss auf die Organperfusion. Es ist den Autoren zu danken, dass sie dieses Thema in den Fokus rücken. Darüber hinaus impliziert der Mangel an evidenzbasierten Informationen, dass wir uns vermehrt wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandersetzen sollten.

Ein großes Problem der Forschung in diesem für den Anästhesisten sehr wichtigen Feld ist der Mangel an Techniken zur Erfassung der Zirkulation einzelner Organsysteme, wie z. B. der abdominalen Durchblutung oder der zerebralen Zirkulation. In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass insbesondere die Beach-chair-Position mit erheblichen Komplikationsrisiken bis hin zum Schlaganfall behaftet ist. Daher sind vermehrt Untersuchungen zur zerebralen Zirkulation mithilfe der Sonographie des ONSD durchgeführt worden [4]. Insbesondere der Einfluss verschiedener Lagerungsformen, aber auch die Wahl des Anästhesieverfahrens (totale intravenöse Anästhesie [TIVA] vs. volatile Anästhetika) ist in Studien mit geringer Fallzahl untersucht worden. Die Ergebnisse dieser Studien sind uneinheitlich und erlauben noch keine definitive Aussage darüber, ob eine bestimmte Anästhesietechnik in dieser Patientengruppe Vorteile bietet [5, 6]. Diese Frage muss sicherlich in den folgenden Jahren noch weiteruntersucht werden. Dazu sind klinische Studien mit ausreichend großer Fallzahl erforderlich, die nur multizentrisch durchgeführt werden können.

Unsere Kenntnisse über den Einfluss von Chirurgie und Anästhesie auf die Inzidenz kognitiver Funktionsstörungen und auch von klinisch stummen Schlaganfällen („covert stroke“) sind zurzeit rudimentär. Vor einigen Wochen ist eine Untersuchung der NeuroVision-Gruppe zu diesem Thema erschienen [7]. An mehr als 1000 Patienten wurden 78 stumme Schlaganfälle (7 %) in postoperativ durchgeführten „magnetic resonance imagings“ (MRI) entdeckt. Es zeigte sich eine positive Korrelation zwischen dem Auftreten eines Covert stroke und der neurokognitiven Funktion im Verlauf nach Chirurgie und Anästhesie. Es ist anzunehmen, dass alle Faktoren, die zu einer Optimierung der zerebralen Zirkulation beitragen, so auch Lagerungsmaßnahmen, unsere höchste Aufmerksamkeit verdienen.

Notes

Interessenkonflikt

W. Buhre gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

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    Zeuzem-Lampert C, Groene P, Brummer V, Hofmann-Kiefer K (2019) Kardiorespiratorische Effekte perioperativer Lagerungsmaßnahmen. Anaesthesist.  https://doi.org/10.1007/s00101-019-00674-9 CrossRefPubMedGoogle Scholar
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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Anästhesiologie und SchmerzmedizinUniversitätskliniken MaastrichtMaastrichtNiederlande

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