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Der Anaesthesist

, Volume 66, Issue 4, pp 230–232 | Cite as

Palliativmedizin – in den Grenzbereichen von Leben und Tod

  • C. Bausewein
Einführung zum Thema
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Palliative medicine – at the borderlines of life and death

Die Palliativmedizin hat in den letzten 20 Jahren eine beeindruckende Entwicklung in Deutschland genommen. Strukturen für palliativmedizinische Betreuung wurden im ambulanten und im stationären Bereich mit entsprechender Finanzierung durch die Krankenkassen geschaffen, Palliativmedizin ist als Pflicht-, Lehr- und Prüfungsfach in das Medizinstudium integriert, und mit der Etablierung von Lehrstühlen und Professuren hat das Fach Einzug in die akademische Welt erlangt. Über 10.000 ärztliche Kollegen haben die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin erworben, die damit eine der häufigsten Zusatzweiterbildungen in Deutschland ist. Die S3-Leilinie „Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung“ hat zudem deutlich gemacht, dass Palliativmedizin nicht nur eine Frage für Spezialisten, sondern die Aufgabe aller im Gesundheitswesen Tätigen ist [1].

Palliativmedizin ist mehr als Sterbebegleitung

Trotz dieser erfreulichen Entwicklung besteht in der Bevölkerung, bei Patienten und Angehörigen und nicht zuletzt bei Ärzten, Pflegenden und anderen Mitarbeitern im Gesundheitswesen immer noch ein sehr einseitiges Bild von Palliativmedizin. Palliativmedizin ist für Tumorpatienten, am Lebensende und umfasst primär Schmerztherapie – so die landläufige Meinung. Auch wenn diese Punkte für die frühen Jahre der Palliativmedizin zutreffen, so haben sich palliativmedizinische Konzepte in den letzten Jahren deutlich verändert und weiterentwickelt. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass besonders Patienten mit fortgeschrittenen Organinsuffizienzen wie „chronic obstructive pulmonary disease“ (COPD), chronische Herz- oder Niereninsuffizienz genauso palliativmedizinische Betreuung brauchen wie Tumorpatienten [2, 3, 4]. Die Mehrzahl der Patienten leidet unabhängig von der Erkrankung in den letzten Lebensmonaten und -wochen an einer Vielzahl von Symptomen und nicht nur allein an Schmerzen [5]. Schließlich konnten randomisierte Studien demonstrieren, dass die frühzeitige Integration von Palliativmedizin zu einer Verbesserung der Lebensqualität, geringeren Symptomen und verlängertem Überleben führt [6, 7].

Die Palliativmedizin hat durch diese Entwicklungen immer mehr Anknüpfungspunkte zu anderen medizinischen Disziplinen bekommen, neben der Onkologie in der Zwischenzeit auch zu Strahlentherapie, Neurologie, Pneumologie und Kardiologie. Palliativmedizin und Intensivmedizin scheinen aber weiter voneinander entfernt zu sein und zwei Extreme zu beschreiben. Hier die Verbesserung der Lebensqualität und die Begleitung in der letzten Lebensphase und am Lebensende, am besten mit möglichst wenig Technologie, dort Lebensverlängerung durch Stabilisierung von Organfunktionen und Rettung des Lebens um nahezu jeden Preis in einem hoch technisierten Setting.

Bei näherem Hinsehen haben die beiden Fachgebiete aber mehr gemeinsam, als es zunächst erscheint, und gerade in der Intensivmedizin können palliativmedizinische Konzepte eine wichtige Unterstützung sein, wenn es um Fragen zu Sterben und Tod geht. Dies zeigt der Beitrag von Schuster et al. über palliativmedizinische Konzepte in der Intensivmedizin in dieser Ausgabe von Der Anaesthesist. Beide Fachrichtungen kümmern sich um schwer kranke Menschen und bewegen sich in den Grenzbereichen von Leben und Tod. In beiden Bereichen geht es häufig um multimorbide Patienten, und die Linderung von Symptomen ist ein gemeinsames Anliegen. Schließlich ist das Arbeiten im interdisziplinären und multiprofessionellen Team beiden Fachrichtungen vertraut und eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Begleitung der Patienten. Die Definition von Therapiezielen ist sowohl in der Palliativmedizin als auch in der Intensivmedizin ein alltägliches Thema, und beide Fachgebiete profitieren von Konzepten wie „advance care planning“, d. h. Behandlung im Voraus planen, um die Therapie möglichst nahe an den Wünschen der Patienten zu orientieren [8].

Palliativmediziner haben zusätzlich eine besondere Expertise bei verschiedenen Versorgungssituationen und -kontexten, gerade auch, wenn es um die Betreuung außerhalb des Krankenhauses und im häuslichen Bereich geht. Sie bringen große Erfahrung bei der ganzheitlichen Begleitung der Patienten und ihrer Angehörigen in der Sterbephase mit, um ein friedliches Sterben zu ermöglichen. Schließlich gehört es zu ihren Grundkompetenzen, über heikle Themen wie Sterben und Tod zu sprechen und vorausschauend zu planen bzw. Probleme zu antizipieren.

Integriert oder konsultativ?

Die Zusammenarbeit zwischen Palliativmedizin und Intensivmedizin kann auf verschiedene Art und Weise erfolgen [9]. Einerseits kann palliativmedizinische Expertise im Team einer Intensivstation verankert und integriert sein, mit entsprechenden Strukturen und Arbeitsabläufen auf der Intensivstation. Damit kommen palliativmedizinisches Denken und Handeln allen Patienten zugute, erfordern aber auch Offenheit und ein Bewusstsein, gerade auch bei Fragen der Therapieziele, der psychosozialen und spirituell-existenziellen Begleitung oder in der Kommunikation eine andere Blickrichtung als die der Wiederherstellung und Lebensrettung zu wählen.

Dem gegenüber steht das konsultative Modell, bei dem palliativmedizinische Expertise von extern auf die Intensivstation gebracht wird, durch spezialisierte multiprofessionelle Palliativdienste, die zur Beratung bei der Behandlung einzelner Patienten dazukommen. Hier sollten bestimmte Kriterien gewählt werden, wie z. B. durch das Center to Advance Palliative Care in den USA vorgeschlagen, die helfen, Patienten zu identifizieren, die von spezialisierter Palliativbetreuung profitieren, um es nicht dem Zufall zu überlassen, wer Zugang zu palliativmedizinischer Expertise bekommt [10]. Im Idealfall werden die beiden Konzepte miteinander kombiniert, sodass durch palliativmedizinische Grundkenntnisse auf der Intensivstation die allgemeine Palliativversorgung auch bei Intensivpatienten gewährleistet ist und bei besonderen Fragestellungen oder komplexen Patientensituationen Spezialisten dazukommen, um das Team vor Ort zu unterstützen. So kann die Betreuung von möglichst vielen Patienten in der Intensivmedizin, die in einer palliativen Behandlungssituation stehen oder am Lebensende sind, weiter optimiert werden.

Der empfehlenswerte Beitrag von Schuster et al. gibt einen guten Überblick über palliativmedizinische Fragen in der Intensivmedizin und stellt Konzepte vor, wie palliativmedizinische Betreuung in die Intensivmedizin integriert werden kann. Damit trägt er hoffentlich dazu bei, dass diese Entwicklung auch in deutschen Krankenhäusern beginnt und weiter vorangebracht wird.

C. Bausewein

Notes

Interessenkonflikt

C. Bausewein hat Vortragshonorare von Bayer Vital GmbH, der medupdate GmbH und der Deutschen Krebsgesellschaft erhalten sowie Forschungsförderung vom BMBF und der Deutschen Krebshilfe.

Literatur

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik und Poliklinik für PalliativmedizinKlinikum der Universität MünchenMünchenDeutschland

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