Uro-News

, Volume 22, Issue 4, pp 70–70 | Cite as

Zehn Jahre Zertifizierung in der Medizin

Zentrum, Zentrum über alles ...

  • Rolf Harzmann
Prisma URO-Kult
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Wer Einlassungen zum Thema „Zertifizierung“ und „Zentrum“ abliefern möchte, sollte vorab klären, woher sich diese Begriffe ableiten. Duden, Brockhaus, Google et al. lassen uns wissen, dass „Zertifizierung“ von „certus“ (Latein) kommt, was zuverlässig, glaubwürdig, sicher bedeutet, „Centrum“ (Latein) für Mittelpunkt steht und sich von „Kentron“ (Griechisch) alias ruhender Zirkelschenkel, ableitet. Könner graben tiefer und finden finale Erkenntnis im Verb „kentein“, vulgo einstecken. Kontrapunkt des Zentrums ist die „Peripherie“. Beide entwickeln sich laut Zentrum-Peripherie-Modell der Wirtschaftstheorie divergierend: Ballungsgebiete sind innovativ und wirtschaftlich umtriebig. Die Peripherie hingegen dient der Rohstoffgewinnung (!).

Als (siamesischer) Zwilling gedacht, gehen Zentrum und Zertifizierung dennoch gern auch getrennte Wege — belegt durch die im Medizinbetrieb besonders innige Zuneigung zur Selbsternennung: Prostatazentrum Nord und Nord-West samt West-, Süddeutschem und Schwäbischem. Für Kreativität sprechen Proklamationen wie Brachytherapie-, HIFU-, Laparoskopie- beziehungsweise Robotic Surgery-, PCa-Zweitmeinungs-Zentrum. Der Verzicht auf die externe Bewertung (Zertifizierung) wird zeitgeistgemäß, also schlicht, als optimierte Patientenakquise empfunden. Manch Würdenträger erweist sich zudem als Opfer der Komparativitis, wenn er „seine“ Einrichtung als Kompetenz- und/oder Exzellenzzentrum würdigt. Das der Zertifizierung zugrunde liegende Konzept, die Versorgungs-, Prozess- und Ergebnisqualität mithilfe von exakt ermittelten Diagnose- und Behandlungsdaten zu optimieren, bleibt auf der Strecke. Letztlich ist diese Entwicklung Akteuren geschuldet, die tief ergriffen von der eigenen Bedeutsamkeit besorgt sind, dass selbige außerhalb der eigenen Person von niemandem erkannt wird.

Die zunehmende Zertifizierung von Zentren wirkt sich nicht zuletzt auch auf das Arzt-Patienten-Verhältnis aus.

© Kristin Thorau

Von Prof. Lothar Weißbach motivierte Kollegen haben 2004 den Dachverband der Prostatazentren gegründet und Vorgaben für eine Verbesserung der diagnostischen und therapeutischen Qualität aller Prostataerkrankungen entwickelt. Dem folgte 2007 der PCa-Katalog der DKG. Die dort geforderten Mini-„Mindestmengen“ haben viele Operateure herzlich erfreut, da ausgehend von jährlich gerade einmal 25 Operationen pro Operateur respektive 50 pro Klinik flächendeckend nun jeder mitmachen konnte. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Operationsergebnis und Eingriffszahl pro Operateur — siehe Pankreatektomie und Ösophagektomie — längst aktenkundig. Beim PCa wird die Tatsache, dass sich operative Erfahrung erst nach 250 radikalen Prostatektomien einstellt und wirksam bleibt, wenn 75 weitere pro Operateur und Jahr folgen, offensiv ausgeblendet, obwohl dies das Risiko eines biochemischen Rezidivs massiv reduziert.

Der BDU-AK Urologischer Chefärzte hat sich 2007 mit dem Thema „Das Prostata-Zentrum — selbsternannt oder zertifiziert?“ befasst. Nach Kenntnisnahme aller Details — Nutzen für Patienten versus Kollateralschäden für den Arzt — votierte das Plenum inklusive der spärlich vertretenen Ordinarienriege einstimmig gegen die Zertifizierung. Da jeder Wirkung auch Nebenwirkung innewohnt, war es nicht verblüffend, dass von den urologischen Abteilungen, die bereits mit den Mini-Mindestmengen ihre liebe Not hatten, die Indikation zur Prostatektomie aufgeweicht wurde, um so den zertifizierten Hafen des PCa-Zentrums dann doch noch erreichen zu können. Das hat sich nicht erst aus heutiger Sicht dramatisch zum Nachteil für Low-Risk-Patienten und die Überlebenschancen der Active Surveillance (AS) ausgewirkt.

Die Satz von Karl Valentin gilt — leicht verfremdet — auch hier: „Zentrum ist schön, macht aber viel Arbeit“ — wenn es denn dann tatsächlich auch zertifiziert worden ist.

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Authors and Affiliations

  • Rolf Harzmann
    • 1
  1. 1.

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