Uro-News

, Volume 16, Issue 3, pp 3–3 | Cite as

Tunnelblick

Editorial
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„Die Urologie hat viele Facetten. Wir sollten das Gesichtsfeld weit lassen und die gesamte Urologie im Blick behalten.“

Dr. med. Thomas Kreutzig Niedergelassener Urologe, Freiburg

In den letzten Monaten hört man in der Urologie und nahezu auf jeder Fortbildung eigentlich nur noch ein Wort: „Onkologie“. Dieses Wort ist ein Spiegel für das politische Desaster insbesondere für die niedergelassenen Kollegen, die natürlich onkologisch tätig sind. Das tun sie mit viel Erfolg und Erfahrung zumeist schon viele Jahre. Die Weiterbildungsordnung befasst sich in weiten Teilen auch mit der Definition des Wissens der Onkologie. Kenntnisse in der „Vorbeugung, (Früh-)Erkennung, Behandlung und Nachsorge von urologischen Tumorpatienten und mit den Grundlagen der gebietsbezogenen Tumortherapie einschließlich der Indikationsstellung zur urologischen Strahlentherapie“ sind Bestandteil der Weiterbildung und damit auch der Facharztprüfung.

Man muss wohl ein gewisses Defizit in der berufspolitischen Arbeit unterstellen, wenn man zulässt, das diese Inhalte via einer „onkologisch dominierten“ Onkologievereinbarung dann erneut zur Überprüfung anstehen. Und das auch bei Kollegen, die schon 20 Jahre Erfahrung in der Betreuung von onkologischen Patienten aufweisen. Für eine intravasale Chemotherapie werden onkologische Zahlen zugrunde gelegt, die für durchschnittliche niedergelassene Urologen völlig unrealistisch sind und fachlich an der Behandlungsrealität vorbeigehen.

Scheinbar ist unsere Berufspolitik auch zu sehr durch klinisch tätige Kollegen dominiert. Natürlich müssen Weiterbildungsordnungen auch an aktuelle Erfordernisse angepasst werden — das hat Oliver Hakenberg beim letzten DGU-Kongress in Hamburg auch darstellen können. Die Fehler wurden aber bereits früher gemacht. Und was haben die Gynäkologen eigentlich besser gemacht? Diese Frage darf wohl gestellt werden. In der Zukunft sollten wir auf diesem Gebiet viel aktiver werden und urologische Positionen an entsprechender Stelle nachdrücklicher vertreten.

Mehr als Onkologie

Ich will nicht bestreiten, dass die Onkologie sehr wichtig ist und natürlich auch zu unserem Fachgebiet gehört — aber ich höre es doch deutlich zu oft, das Wort Onkologie. Aber reden wir eben mal nicht über Onkologie. Die Urologie hat noch eine Fülle von anderen Bereichen. Viele Themen werden kampflos oder mit wenig Gegenwehr einfach aufgegeben. Urologen kümmern sich mitunter wenig um Inkontinenzbehandlung, die von den Gynäkologen übernommen wird. Testosteronsubstitution und die Verordnung eines PDE-5-Hemmers bei der erektilen Dysfunktion wird teils gar den Hausärzten überlassen — Urologen stellen hier vielfach zu wenig Ihre Kompetenz in der Ursachenklärung heraus. Auch in der Vorsorge der Männer fühlen sich die Hausärzte selbstverständlich zuständig. Umgekehrt darf man fragen, wie viele Frauen ihre Vorsorge eigentlich beim Hausarzt machen lassen.

Ein Thema, das besonders im Hinblick auf den demografischen Wandel und den wachsenden Anspruch der „fitten Alten“ für Urologen immer wichtiger wird, ist die Testosteronsubstitution. Gralf Popken fasst im CME-Beitrag dieser Ausgabe die Ursachen von Testosteronmangel zusammen und beschreibt die Vor- und Nachteile der verschiedenen Applikationsformen der Testosteronsubstitution. In einem weiteren Artikel zeigt Olaf Jungmann übersichtlich, wie umfassend die Diagnostik und die Therapieoptionen der erektilen Dysfunktion sind. Auch hier werden die Urologen in der Zukunft gefragt sein, eine kompetente Differenzialdiagnostik und -therapie anzubieten. Aufgrund der demografischen Entwicklung werden die Urologen außerdem beim Thema überaktive Blase und benignes Prostatasyndrom verstärkt gefordert sein.

Augen auf!

Tunnelblick ist einerseits ein Symptom in der Augenheilkunde (zum Beispiel bei Retinopathia Pigmentosa): Röhrengesichtsfeld, konzentrische Einengung des Gesichtsfeldes auf einen zentralen Rest. Allgemein versteht man darunter die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Dinge wahrzunehmen, die außerhalb dessen liegen, wofür sich der Betroffene aktiv interessiert. Die Urologie hat viele Facetten. Wir sollten das Gesichtsfeld weit lassen und die gesamte Urologie im Blick behalten.

Herzlichst, Ihr

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