Advertisement

HNO Nachrichten

, Volume 49, Issue 2, pp 3–3 | Cite as

Schöne neue Ärzte-Welt

  • Springer Medizin
Editorial
  • 40 Downloads

„Im Gesundheitswesen treffen leider zu viele inkompetente ‚Entscheider‘ unkontrolliert realitätsferne und kostenintensive Entscheidungen.“

Prof. Dr. med. Gerhard Grevers Chefredaktion

Das Thema „Telematik“ hatten wir erst im vergangenen Dezemberheft auf der Agenda; die Tragweite begreifen die Verantwortlichen wohl bis heute nicht oder sie wird bewusst verschwiegen. Die Gematik, die seinerzeit von den Lobbyverbänden gegründete Gesellschaft für Telematikanwendungen, „verschweigt systematisch die Notwendigkeit der zentralen Datenspeicherung als Kern des Gesamtprojektes“ kritisiert der Siegener Hausarzt Deiß, der sich die Mühe gemacht hat, in einer fünfseitigen, sehr lesenswerten Abhandlung die Problematik dieses Schwachsinnsprojekts allgemeinverständlich darzustellen (Titel der Abhandlung: „Zentrale Telematik-Infrastruktur in einfacher Sprache: Arztgeheimnis-Cloud, ein patientenorientiertes Plädoyer für mehr Demokratie und verständliche Begriffsbildung bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens“). Den vollständigen Text, den ich im Wartezimmer ausgelegt habe, finden Sie hier: http://www.facharzt.de/pub/download/download.php?compid=266031&catid=187.

Auch im Fernsehen hat man die Brisanz der Thematik mittlerweile erkannt, wie ein ARD-Beitrag zeigt: https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzEwODg5NTY/wie-gut-sind-arztpraxen-und-krankenhaeuser-geschuetzt

Rohrkrepierer Gesundheitskarte. Seit 16 (in Worten sechzehn) Jahren eiern unsere „Experten“ vom Bundesgesundheitsministerium schon mit der elektronischen Gesundheitskarte herum. Kostenpunkt für den Steuerzahler bisher: 1,7 Milliarden Euro. Auf den Weg gebracht von der legendären Fehlbesetzung Ulla Schmidt (das „Peterprinzip“ lässt grüßen), musste das Ganze natürlich in die Hose gehen. Mit der Umsetzung des Plans betraute man konsequenterweise all diejenigen, die aus naheliegenden Gründen überhaupt kein Interesse an der Karte hatten (KV, Zahnärzte- und Apothekerkammer und Deutsche Krankenhausgesellschaft). Auch dieses Desaster, eines unter vielen in unserem fast ausschließlich von der Politik und deren Lobbyisten gesteuerten Gesundheitswesen, wird zunehmend von den Medien thematisiert. Umso wichtiger ist es, dass auch unsere Patienten verstehen, was hier mit ihren Daten passiert, in der ansonsten führenden Datenschutzrepublik Deutschland. Dieser Beitrag zum Thema ist nicht nur für die Patienten, sondern auch für uns Ärzte von Interesse: https://www.zdf.de/nachrichten/heute/gesundheitscloud-macht-patientendaten-zu-leichter-beute-102.html

Ein bekanntes deutsches Wirtschaftsmagazin beurteilt allmonatlich Gesetze nach ihrer Wirksamkeit. Beim Gesetz zur elektronischen Gesundheitskarte kam ein glattes „mangelhaft“ heraus [Capital 01/2019]. In der Begründung heißt es lapidar: „Warum ist die Patientenkarte ... bis heute nur ein Plastikkärtchen mit Lichtbild, das 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherte mit sich herumtragen?“ Ja, warum eigentlich? Weil einfach zu viele inkompetente „Entscheider“ im Gesundheitswesen überwiegend unkontrolliert realitätsferne und kostenintensive Entscheidungen treffen. Klingt traurig, ist aber leider so!

Neues gibt es auch zu „Tinnitracks“, der umstrittenen App des Medizin-Start-ups Sonormed. Wir hatten vor einiger Zeit über diese dubiose Tinnitus-App berichtet [HNO-Nachrichten 1/2017]. Im Deutschen Ärzteblatt [42/2016] und leider auch in den HNO-Mitteilungen [6/2016] wurde „Tinnitracks“ seinerzeit wohl etwas vorschnell als Alternative in der Tinnitusbehandlung gefeiert. In Heft 9/2019 des Deutschen Ärzteblattes heißt es nun, dass „die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde die Nutzung der App nicht (!) empfehlen kann“. Die Gründe hatten Gerhard Goebel und Gerhard Hesse bereits vor zwei Jahren in den HNO-Nachrichten verständlich dargelegt, ohne dass dies zu Konsequenzen geführt hätte. Die Kosten für die App werden übrigens von 70 Krankenkassen übernommen. Soweit mal wieder zum Thema verantwortungsvolle Verwendung von Versichertengeldern.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Springer Medizin

There are no affiliations available

Personalised recommendations