Rezensionen/Reviews

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Christina Ratmoko 2010: Damit die Chemie stimmt. Die Anfänge der industriellen Herstellung von weiblichen und männlichen Sexualhormonen 1914-1938 (=Interferenzen. Studien zur Kulturgeschichte der Technik, 16 ). Zürich: Chronos Verlag, brosch., 281. S., 24,95 €, ISBN-13: 978-3-03401-008-5.

Michael Bürgi 2011: Pharmaforschung im 20. Jahrhundert. Arbeit an der Grenze zwischen Hochschule und Industrie (=Interferenzen. Studien zur Kulturgeschichte der Technik, 17 ). Zürich: Chronos Verlag, brosch., 223 S., 28,00 €, ISBN-13: 978-3-03401-070-2.

In jüngster Zeit zählen Fragen nach dem Verhältnis von pharmazeutischer Industrie und universitärer Forschung zu einem vorrangigen Forschungsfeld der Wissenschaftsgeschichte. Wie vielfältig und veränderlich sich diese Beziehung im 20. Jahrhundert in der Schweiz gestaltete, zeigen die hier zu besprechenden Monographien jeweils exemplarisch und in eindrucksvoller Weise: Welche Austauschbeziehungen wurden unter Beteiligung welcher Akteure in Gang gesetzt? Wie wurden im Zuge dieser Arbeit Grenzen verwischt, verschoben oder an anderer Stelle erneut gezogen? Was bedeutete dies jeweils für die Bedingungen und Formen der Produktion von Wissen und Objekten?

Christina Ratmoko arbeitet in ihrer Studie – es handelt sich um die Buchfassung ihrer 2008 an der Universität Zürich abgeschlossenen Dissertation – am Beispiel der Chemischen Industrie Basel (Ciba) die Anfänge der industriellen Herstellung von Geschlechtshormonen heraus. Noch zu Beginn der 1920er Jahre hatten Keimdrüsensubstanzen einen unklaren epistemischen, klinischen und ökonomischen Status. Sie wurden aus tierischen Extrakten gewonnen und verschiedentlich organtherapeutisch angewandt. Knapp zwei Jahrzehnte später waren die wichtigsten Geschlechtshormone isoliert, synthetisiert und distribuiert – mit festgelegten Indikationen und standardisierten Dosierungen. Dieser bemerkenswerte Wandel steht im Mittelpunkt der Arbeit. Methodisch orientiert sich Ratmoko an neueren Ansätzen der Wissenschaftsgeschichte (wie etwa an John Pickstones ways of knowing) und nimmt zudem Anleihe an einem aus der Kulturanthropologie stammenden Konzept, wonach die Stadien der Entstehung, Herstellung und Vermarktung von Arzneimitteln als „Lebensphasen“ begriffen und gewissermaßen biographisch rekonstruiert werden. Daraus ergibt sich auch der Rahmen der Arbeit: Anhand von sieben Hormonpräparaten, die von der Ciba zwischen 1918 und 1938 in den Handel gebracht wurden, beschreibt Ratmoko den Lebensverlauf von Arzneimitteln im Spannungsfeld von Medizin, Chemie und Industrie.

Nach einer kurzen Darstellung der Unternehmensanfänge legt Ratmoko dar, wie sich das Unternehmen Erkenntnisse der aufstrebenden medizinischen Hormonforschung zunutze machte. Von Erlanger und Wiener Gynäkologen, die in ihren Kliniken mit Ovarialextrakten experimentiert hatten, kaufte die Ciba im Ersten Weltkrieg das Wissen um die Extraktionstechniken sowie die Patentrechte, um die Präparate in den eigenen Laboratorien weiterentwickeln und auf den Markt bringen zu können. Das gegen Ende des Krieges weit verbreitete Krankheitsbild der Amenorrhö (Ausbleiben der Menstruation) kam der Einführung dieser Präparate ebenso entgegen wie neue endokrinologische Erklärungsmodelle sowie die Expansion und Professionalisierung der Gynäkologie, die große Hoffnungen in die therapeutische Kraft von Hormonen setzte. Ratmoko zeigt hier nicht nur wie eine geschlechtsspezifische Abnehmerschaft der Keimdrüsenpräparate festgelegt wurde, sondern auch wie stark ökonomische Faktoren den nächsten Schritt, nämlich die synthetische Gewinnung von Hormonpräparaten, beeinflussten. Trotz Lieferverträgen mit Schlachthäusern nicht nur in der Schweiz, sondern bis nach Südamerika gestaltete sich für die Ciba die Beschaffung großer Mengen tierischer Ovarien als schwierig. Nicht die Isolierung von Hormonen, sondern deren Synthese, also deren künstliche Erzeugung aus möglichst einfachen chemischen Verbindungen, war das primäre Ziel.

Ein weiteres Kapitel widmet sich den in den 1920er Jahren entwickelten und rasch auf den Markt gebrachten „Spezialitäten“ zur Behandlung des weiblichen und männlichen Klimakteriums. Ebenfalls noch aus tierischen Keimdrüsen isoliert, wurden diese Präparate nicht mehr von externen Wissenschaftlern angekauft, sondern in den Industrielaboren der Ciba selbst hergestellt. Gleichzeitig wurde die Kooperation mit der Medizin intensiviert: Gynäkologen wurden hinsichtlich der Beimengung von Zusatzstoffen sowie für die Präzisierung von Indikation und Dosierung der Präparate herangezogen. Zu diesem Zeitpunkt konkurrierten mehrere Forschergruppen und Unternehmen um den Markt der Sexualhormone. Aus Sicht der Ciba erwies sich vor allem die Zusammenarbeit mit dem ETH-Chemiker Leopold Ruzicka als erfolgreich. Ruzickas Forschergruppe hatte wesentlichen Anteil daran, dass 1935 die Herstellung des „Testikelhormons“ gelang. Bereits ein Jahr später wurde mit Perandren das erste synthetische Hormonpräparat auf den Markt gebracht; weitere synthetische Hormonpräparate für Frauen, die an Menstruationsanomalien oder klimakterischen Beschwerden litten, folgten in kurzen Abständen. Ratmoko gelingt es hier, den bislang unzureichend erforschten Anteil des schweizerischen Forscherkollektivs an der Entdeckungsgeschichte von Testosteron herauszuarbeiten. Gleichzeitig kann sie Nelly Oudshoorns These, wonach fehlende disziplinäre und institutionelle Anschlussmöglichkeiten den Absatzmarkt für männliche Sexualhormonpräparate einschränkten, vertiefen und differenzieren. Ein zusammenfassendes Schlusskapitel bilanziert die ähnlichen, aber doch ungleichen Lebensläufe der porträtierten Hormonpräparate.

Auch bei der Arbeit von Michael Bürgi handelt es sich um die Buchfassung seiner geschichtswissenschaftlichen Dissertation, die er 2010 an der Universität Basel abgeschlossen hat. Ähnlich wie Ratmoko stellt Bürgi die Frage, wie sich im 20. Jahrhundert die „Arbeit an der Grenze zwischen Hochschule und Industrie“ gestaltete. Sein Ansatz ist allerdings ein anderer. Am Beispiel der Unternehmen Ciba und Hoffmann-La Roche macht Bürgi die historischen Grenzverläufe zwischen Pharmaindustrie und Hochschulen selbst zum Thema. Im Fokus sind somit jene Akteure, Institutionen und Strukturen, Räume und Orte, die das Verhältnis zwischen Wissenschaft, Politik und Industrie begründeten, verhandelten und transformierten.

Um diese Verbindungen exemplarisch ausloten und in wissenschaftshistorischer Perspektive überzeugend entwickeln zu können, konzentriert sich Bürgi auf drei Untersuchungsebenen: Erstens nimmt er unter dem Begriff „Bildungsinterventionen“ die Versuche der chemischen Industrie in den Blick, auf bildungspolitische Schwerpunktsetzungen an den Universitäten Einfluss zu nehmen. Im Mittelpunkt steht hierbei die Einführung und Entwicklung der Organischen Chemie an der ETH Zürich. Eine zweite Untersuchungsebene gilt den „Forschungskooperationen“. Bürgi arbeitet hier am Beispiel der Ciba und des Chemikers Leopold Ruzicka heraus, wie das Gebiet der synthetischen Hormone und Vitamine (und später auch der Penicillinforschung) zum zentralen Erprobungsfeld industriell-wissenschaftlicher Kooperationspraktiken wurde: Die Ciba stellte Ruzicka Forschungsmaterialien, technische Dienstleistungen und vor allem erhebliche finanzielle Mittel zur Verfügung. Umgekehrt sicherte sich das Unternehmen den exklusiven Zugang zu allen Forschungsergebnissen an Ruzickas Institut. Dargestellt wird weiterhin, wie sich an Kooperationsmonopolen zahlreiche Konflikte entzündeten, die vor allem in den 1950er Jahren zu einer breiten Diskussion über eine stärkere Konturierung der Grenzen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft führten.

Auf der dritten Untersuchungsebene („Entgrenzungsstrategien“) wird deutlich, wie sich in Folge einer Innovationskrise in den frühen 1960er Jahren sowie aufgrund der Verschiebung von chemischen zu (molekular)biologischen Forschungsaktivitäten neue Kooperationsmodi bildeten. Diese kennzeichnete eine gezielte Aufhebung der institutionellen Grenze zwischen universitärer und industrieller Forschung. Das 1967 ins Leben gerufene Roche Institute of Molecular Biology bildete den Auftakt zur Einrichtung von außeruniversitären, aber in vielerlei Belangen universitätsgleichen biomedizinischen Forschungseinrichtungen. Damit war, wie Bürgi betont, eine bemerkenswerte Wende verbunden: Anders als im frühen 20. Jahrhundert sollte innovatives Wissen nicht mehr über Kooperationsvorträge mit ausgewählten Hochschulprofessoren transferiert, sondern aus eigenen Forschungsinstituten generiert werden. Diese institutionelle Akademisierung der Industrieforschung bildete weiterhin die Voraussetzung für die Erfindung der Figur des scientist entrepreneur, des unternehmerischen, sich keinen industriellen Vorgaben oder Hierarchien unterordnenden, sondern eigene Handlungsspielräume öffnenden Wissenschaftlers. Diese Prozesse symbolisierten nicht zuletzt eine erneute Sensibilität für die Grenze zwischen Hochschule und Industrie. Eine konzise Zusammenfassung führt schließlich die Ergebnisse der drei Untersuchungsebenen zusammen.

Bürgis Studie zeichnet sich durch klare inhaltliche Schwerpunktsetzungen sowie durch eine sprachlich sorgfältige, aber unprätentiöse Argumentationsführung aus. Auch der Wechsel zwischen exemplarischer Analyse und der Darstellung übergeordneter, längerfristiger Entwicklungen wird stets nachvollziehbar gestaltet. Wünschenswert wäre bei der ansonsten vorbildlichen Ausstattung des Bandes allenfalls ein Register gewesen, das auch in Ratmokos Arbeit fehlt.

Damit sei zu einem vergleichenden Fazit übergeleitet: Ratmokos Porträt der Arzneimittelpräparate ist eine gelungene Fallstudie zur Geschichte der klinisch-industriellen Hormonforschung, die sich aufgrund intensiver Kooperation von Medizin, Chemie und Industrie erfolgreich konstituierte. Bürgis Studie ist an der Grenze zwischen Hochschulen und Industrie angesiedelt und zeichnet exemplarisch deren Entwicklungslinien nach. Gerade weil in beiden Studien mit unterschiedlichen Ansätzen ähnliche Thematiken bearbeitet werden, verdeutlicht die gemeinsame Lektüre umso mehr, wie vielschichtig sich Kooperationsverhältnisse zwischen Wissenschaft und Industrie gestalteten. Schließlich zeichnen sich beide Arbeiten durch eine Verdichtungsleistung aus, wie sie für veröffentlichte Dissertationen nicht selbstverständlich ist. Das empirische Material ist durchgearbeitet, drängt aber nie in den Vordergrund, sondern wird sorgfältig komprimiert und kontextualisiert. Nicht zufällig sind beide Dissertationen mit dem Henry-E.-Sigerist-Preis der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften ausgezeichnet worden.

Hans-Georg Hofer, Bonn

Florian Öxler 2010: Vom tragbaren Labor zum Chemiebaukasten. Zur Geschichte des Chemieexperimentierkastens unter besonderer Berücksichtigung des deutschsprachigen Raums. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, brosch., 374 Seiten, 33,00 €, ISBN-13: 978-3-80472-829-5.

Florian Öxlers Marburger Dissertation beschäftigt sich verdienstvollerweise mit einem Feld, das eher als randständig in dem ohnehin nicht besonders gut erschlossenen Gebiet der wissenschaftshistorischen Untersuchung naturwissenschaftlicher Bildung angesehen werden muss: Mit seiner Geschichte des Chemieexperimentierkastens legt er eine Studie vor, die sich materiellen Aspekten dieses Bereichs widmet. Die Umsetzung ist in weiten Teilen sehr solide und erschließt neues Quellenmaterial. Dabei bleibt die Darstellung nicht auf die Kästen beschränkt, sondern verknüpft teilweise die ihnen zugeschriebenen Funktionen in überzeugender Weise mit den jeweils relevanten didaktischen Positionen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Insbesondere bei der Diskussion der Experimentierkästen im 20. Jahrhundert gelingt es zudem, durch die Analyse der Werbestrategien eine kulturgeschichtliche Einbindung der mit den Geräten verbundenen Zuschreibungen zu entwickeln. An diesen Teilen der Fallstudie wird sowohl das Potential einer derartigen Analyse deutlich wie auch, dass derartige Untersuchungen ein durchaus bedeutsamer Teil wissenschaftshistorischer Forschung werden können.

Bedauerlicherweise hat der Autor aber nicht das ganze Potential ausgeschöpft, das meines Erachtens in dem Thema liegt. Zwar wird zu Beginn der Gesamtdiskussion als Ziel der Arbeit formuliert, „die Entwicklung von den frühen Vorläufern der Chemieexperimentierkästen bis zu den aktuellen chemischen Spielzeugsets darzustellen“ (283), was auch im Wesentlichen gelingt. Doch bleibt die Arbeit in weiten Teilen auf der Ebene der Darstellung stehen, ohne dass eine Analyse stattfindet, was zu bedauern ist. Daneben wird auch eine weitere potentielle Stärke nicht ausgespielt: Der Umgang mit den Kästen selbst wird von Öxler kaum thematisiert. Diese werden – anders als in Aussicht gestellt – kaum als gegenständliche historische Quelle erschlossen (S. 289), zwar wird viel textliches Material über Experimentierkästen erschlossen, doch auf die Kästen an sich wird nur bei deren Fehlen Bezug genommen.

Auch auf anderen Ebenen bleiben Wünsche offen: So wird im Zusammenhang mit den Arbeiten Fröhlichs, der als Entwickler der Kosmos-Kästen eine zentrale Stellung in der Arbeit einnimmt, völlig zu Recht auf die Rolle der Arbeitsschulbewegung verwiesen. Allerdings bleibt es bei dem Hinweis, dass Fröhlich sich diesem Programm als zumindest nahestehend ansah; eine weitere Analyse findet nicht statt (vgl. hierzu auch den Beitrag von Viola Beek, NTM 17 (2009), 387-414: open access: http://www.springerlink.com/content/562827673572q738/fulltext.pdf). Unklar ist auch das Verhältnis der im ersten Teil besprochenen Ansätze, die vom späten 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert entwickelt wurden, zu den Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen. Die zeitliche Lücke zwischen beiden wird zwar angesprochen, dennoch entsteht der Eindruck einer Kontinuität. Ausgeblendet wird ebenso die Zeit des deutschen Faschismus. Die veränderten Erziehungsideale und die militärische Relevanz der Naturwissenschaften, die sich auch in Schulbüchern offensichtlich niederschlugen, werden im Hinblick auf die Experimentierkästen nicht thematisiert.

Daneben stellen sich inhaltliche Fragen. So wird auf die Haus- und Reiseapotheken als Vorbilder für Experimentierkästen eingegangen, da diese sich ebenfalls an Laien wandten. Es erscheint dann aber nicht schlüssig, bei der Diskussion der Rolle von Experimentierbüchern den Ansatz nicht symmetrisch weiterzuführen und auf entsprechende Publikationen im Gesundheitswesen einzugehen. Insgesamt scheint mir die These, nach dem die Hausapotheken relevant für die Entwicklung der Experimentierkästen sein sollen, nicht sonderlich stichhaltig. Problematisch erscheint mir auch, wenn heutige Standards auf die historische Ausstattung mit Chemikalien in Bezug auf Sicherheitsaspekte der Kästen übertragen werden. Öxler macht sehr schön deutlich, dass verschärfte Sicherheitsstandards den Spielraum für entsprechende Lehrmittel massiv einschränkten. Dies sollte aber nicht dazu führen, dass bei frühen Sets auf die Gefährlichkeit von Chemikalien wie etwa Formol (S. 186) verwiesen wird, das heute als krebserregend gilt, aber wohl nicht bereits 1938.

Der Band stellt einen ersten Schritt in ein Feld dar, das eine wichtige Erweiterung der bisherigen Wissenschaftsgeschichtsschreibung bilden kann. Die in Florian Öxlers Band erschlossenen Materialien bieten sicherlich eine Basis für weitere Arbeiten, die dieses Thema stärker analytisch untersuchen sollten. Insofern ist der Beitrag durchaus wichtig, aber eben eher als Einstieg denn als Abschluss anzusehen.

Peter Heering, Flensburg

Sonja Brentjes 2010: Travellers from Europe in the Ottoman and Safavid Empires, 16 th –17 th Centuries. Seeking, Transforming, Discarding Knowledge. Farnham u. a.: Ashgate, geb., 340 S., 103,99 €, ISBN-13: 978-1-40940-533-7.

Die Autorin, eine ausgewiesene Kennerin der Geschichte der Wissenschaften in den muslimischen Gesellschaften, legt mit Travellers from Europe eine Aufsatzsammlung in der bekannten Aufmachung der Variorum Collected Studies Series vor. Das Buch enthält acht englischsprachige Texte, die mit einer Ausnahme zwischen 1999 und 2006 in verschiedenen Zeitschriften und Sammelbänden schon veröffentlicht wurden. Ergänzt wurde die Aufsatzsammlung um ein Vorwort, eine sehr ausführliche Einleitung und ein Stichwortverzeichnis.

Brentjes‘ Ansatz, beide großen Reiche des islamischen Raums in dieser Zeit in ihre Untersuchungen mit einzubeziehen, erweist sich als überaus ergiebig. In der berücksichtigten Zeit reichte der osmanische Einfluss weit bis nach Zentraleuropa. Unter Sultan Suleiman II., dem Prächtigen, (st. 1566) wurde 1521 Belgrad erobert und 1529 erstmals Wien belagert. Im Osten grenzte das Osmanische Reich an den safawidischen Herrschaftsbereich, der den heutigen Iran und angrenzende Länder umfasste. Neben territorialen Begehrlichkeiten barg auch die Religion Anlass für Streitigkeiten zwischen Osmanen und Safawiden. Denn bei der Reichsgründung hatte Schah Ismail I. (1487–1524), den 12er-Schiismus (oder Imamismus) als Staatsreligion eingeführt, während die Osmanen sunnitischen Glaubens waren. Indem die Autorin nun Reisen in beide großen Reiche berücksichtigt, vermeidet sie den Fehlschluss, dass, was für das Osmanische Reich in dieser Zeit gültig war, auch für andere muslimische Gesellschaften des 16. und 17. Jahrhunderts zu gelten habe.

Insbesondere in den Kapiteln über die Naturwissenschaften arbeitet sie deutlich heraus, dass sich signifikante Unterschiede finden. Während Beschreibungen von Wissenschaften und Gelehrsamkeit aus dem Osmanischen Reich eher einer formelhaften Darstellung folgen, werden für das Safawidische Reich viel mehr Einzelheiten beschrieben. Wie die Autorin zeigt, sind die Gründe hierfür vielschichtig. Jedoch reicht die unterschiedliche Distanz allein nicht als Erklärung aus. Auch die Religion spielt eine wichtige Rolle: Obwohl die Osmanen ebenso wie die Safawiden Muslime waren, wurde der Sunnismus der Osmanen als orthodoxer und bedrohlicher empfunden als der Schiismus der Safawiden, der als neuere Erscheinung heterodoxer und als weniger gefährlich beurteilt wurde. Der Zugang der Reisenden zu den gelehrten Kreisen war ebenso ein anderer wie die Art des Reisens. Beide Unterschiede beeinflussten die Beschreibungen. Zudem scheinen Aussagen in den historiographischen und geographischen Quellen zu den Türken und Persern das zeitgenössische Bild der Osmanen und der Safawiden mitgeprägt zu haben und somit auch das Bild über Wissenschaft und Gelehrsamkeit in ihren Herrschaftsgebieten.

Auszüge aus den benutzten Reisebeschreibungen, Briefen und weiteren Texten westeuropäischer Reisender gibt Brentjes häufig in den entsprechenden europäischen Sprachen an und übersetzt sie öfter ins Englische. Sie kennt aber auch die arabischen, persischen und osmanischen Quellen und trennt deutlich zwischen diesen Befunden und denen in den Texten westeuropäischer Provenienz. Diese Vertrautheit mit den Quellen auf beiden Seiten sprachlicher und disziplinärer Grenzen macht eine der Stärken dieses Sammelbandes aus. Detailliert und kenntnisreich zeichnet die Verfasserin ein differenziertes und facettenreiches Bild, das nicht nur für eine spezialisierte Leserschaft von Interesse ist. Denn in den Aufsätzen finden sich – wenn auch einmal eher explizit, einmal eher implizit – Informationen über das Osmanische und Safawidische Reich im 16. und 17. Jahrhundert und über Westeuropa in dieser Zeit, jeweils mit dem Hauptaugenmerk auf Wissenschaft und Gelehrsamkeit. Zudem zeigen die Kapitel, wie die Beschreibungen der westeuropäischen Reisenden die Geschichtsschreibung zu Wissenschaft und Gelehrsamkeit in den muslimischen Gesellschaften bis heute prägen.

Da die Aufsätze nicht neu gesetzt wurden, beeinträchtigen Schriftgröße und Durchschuss in einigen Fällen spürbar die Lesbarkeit. Wer sich jedoch auf Brentjes’ nicht immer ganz einfachen Stil einlässt, dem öffnet sich ein neuer, weiter Blick auf ein kenntnisreich behandeltes Thema.

Petra Schmidl, Bonn

Matthias Berg, Jens Thiel und Peter Th. Walther (Hg.) 2009: Mit Feder und Schwert. Militär und Wissenschaft – Wissenschaftler und Krieg . [=Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, 7], Stuttgart: Steiner Verlag, brosch., 380 S., 46,00 €, ISBN-13: 978-3-51509-606-5.

Der vorliegende Tagungsband behandelt das Verhältnis von Wissenschaft und Krieg und richtet damit zu einem günstigen Zeitpunkt das Interesse auf ein zwar weiterhin zu gering beachtetes, doch in der letzten Zeit mit neuen Impulsen bearbeitetes Themengebiet. Versammelt sind sechzehn Beiträge, hervorgegangen aus einem Workshop im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Wissenschaft, Politik und Gesellschaft – Deutschland im internationalen Zusammenhang im späten 19. und im 20. Jahrhundert: Personen, Institutionen, Diskurse“. Der Betrachtungszeitraum reicht vom 18. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkten auf der Zeit der Befreiungskriege sowie dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Schon durch die unterschiedliche Herangehensweise der Beiträge werden die verschiedenen Ebenen sichtbar, die das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Krieg bestimmt haben. Die jeweilige Rolle, die Wissenschaftler gespielt haben, steht in diesem Band im Vordergrund: Wissenschaftler als Kriegsideologen, als Kriegsteilnehmer, als wissenschaftlich-technische Experten, als Politikberater, als „Krisenmanager“ (Flachowsky) und natürlich als Profiteure und Karrieristen im Zusammenhang von Krieg und Rüstung.

Die Einleitung gibt einen kondensierten Literaturüberblick über die allgemeinhistorische wie auch medizin-, technik- und wissenschaftshistorische Forschung der letzten Jahre zum Thema. Erwähnung finden auch aktuelle Probleme und Trends wie die Unterscheidung von Militarismus und Militarisierung oder die Bellifizierungsthese, nach der die Gesellschaft nicht zuletzt nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auf die Anforderungen des modernen Krieges ausgerichtet wurde. Für Lesende, die eine allgemeine Einführung in das Thema suchen, hätten diese interessanten Passagen gerne ausführlicher ausfallen können. In jedem Fall zu kurz fällt die Auseinandersetzung mit der Titel gebenden Unterscheidung zwischen Militär und Krieg aus, denn es wird erst spät klar, dass die Beiträge in erster Linie Kriegszeiten thematisieren. Ausgespart bleiben auch weitgehend die Entwicklung und Struktur militärischer Forschungsstellen, des Ausbildungswesens sowie von Forschungsstäben und deren Beziehung zur akademischen Wissenschaft und Forschung. Der Band steht mit dieser Leerstelle nicht allein, denn der Forschungsstand ist nicht zuletzt quellenbedingt zu diesen Fragen dürftig. Zusammen mit Rüdiger Hachtmanns weitgespanntem Beitrag über die Militarisierung der Wissenschaften und zur Verwissenschaftlichung des Krieges sowie dem systematisierenden Schlusswort von Rüdiger vom Bruch ergibt sich aus der Einleitung eine gute Einführung in die Fragen und Probleme zu den Beziehungsverhältnissen von Wissenschaft und Krieg und die Formen der Militarisierung der akademischen Wissenschaft.

Insgesamt beeindrucken die Beiträge durch eine Detailfülle, die – zumindest in Umrissen – verdeutlichen, dass über das unmittelbare Engagement in Kriegszeiten hinaus die Einbindung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen und die Verwertung von wissenschaftlichem Wissen für die Zwecke der Rüstung und Kriegsführung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stetig gewachsen ist und eine noch in Gänze zu erfassende, aber auch zu differenzierende Normalität von Wissenschaft darstellte. Historische Bezüge und gesellschaftliche Kontextualisierung erleichtern die Lektüre der fachwissenschaftlich gehaltenen Texte. Dabei macht sich bemerkbar, dass die Autoren und Autorinnen zumeist einen allgemein geschichtswissenschaftlichen Hintergrund haben. Das mag der Grund dafür sein, dass die Inhalte und Eigenheiten wissenschaftlicher und technischer Forschung kaum eine Rolle spielen. Eine Ausnahme davon bilden drei Beiträge: Sören Flachowsky zeigt die Verschränkung von akademischer und kriegsrelevanter Forschung am Beispiel von Wissenschaftlerkarrieren, Arne Schirrmacher diskutiert die Grundlagen der Ballistik und Sabine Schleiermacher stellt die Formierung der Geomedizin als kriegswichtige Hilfswissenschaft dar. Das ist erwähnenswert, weil neuere wissenschaftshistorische Arbeiten, die – insbesondere aus dem Blickwinkel einer an der Praxis orientierten Wissenschaftsgeschichte für das Verständnis, wie sich Wissenschaft, Militär und Krieg im 20. Jahrhundert in oft pragmatischer Weise und im Modus des dual use verschränkt haben – neue Impulse gegeben haben. Die erweiterte Perspektive zahlt sich aus, da sie die Beziehung zwischen Wissenschaft und Militär besser zu erfassen erlaubt – sowohl in ihrer Differenziertheit als auch in ihren engen Abhängigkeitsverhältnissen. Der Hiatus, der an diesem Punkt deutlich wird, ist vielleicht nicht in erster Linie ein Problem des Bandes, sondern zeugt von der Situation der Wissenschaftsgeschichte, die sich hierzulande eher außerhalb der Geschichtswissenschaft im Club der Wissenschaftsgeschichtsspezialistinnen und -spezialisten organisiert. Der Band Mit Feder und Schwert ist nicht zuletzt deshalb erfreulich, weil er von einem wachsenden und fundierten Interesse der Geschichtswissenschaft an der Wissenschaftsgeschichte zeugt. Es bleibt eine Aufgabe, die Stärken beider Gebiete noch enger mit einander zu verbinden.

Alexander von Schwerin, Braunschweig

Mike Fortun 2008: Promising Genomics. Iceland and deCODE Genetics in a World of Speculation: Berkeley: University of California Press, brosch., 343 S., 25,95 US$, ISBN-13: 978-0-52024-751-2.

„Spekulation, Kapital, DNA und andere flüchtige Objekte“ – so umreißt Mike Fortun die Themen seines Buches Promising Genomics. Auf einer spektakulären Reise quer durch die isländische Genomforschung – wo Unternehmen wie deCODE Genetics und staatliches Gesundheitssystem ineinander greifen – führt uns der Autor vor allem das rasante Tempo der Genomik vor. So haben sich die Sequenziertechnologien des Humangenomprojekts längst zu umfassenderen technowissenschaftlichen Infrastrukturen entwickelt, die unaufhörlich bessere Bedingungen für die Erforschung „komplexer Krankheiten“ versprechen.

Promising Genomics handelt von der Geschichte dieser „sagenhaften Infrastruktur“. Während die Genomforschung der Insel gerne mit den isländischen Sagen popularisiert wird, liest Fortun diese PR gegen den Strich. Er erzählt von der gleichzeitigen Rückkehr zweier isländischer Medienstars in ihre Heimat: die des Genomforschers Kari Stefansson sowie die des Schwertwals Keiko (bekannt aus „Free Willy“), der nach seiner Befreiung aus einem Vergnügungspark in Mexiko-Stadt schließlich mit Hilfe von US-Airforce und UPS in Island wieder ausgewildert wurde. Solche zeitlichen Koinzidenzen nutzt Fortun als analytische Trickster beim Durchqueren der Genomforschungslandschaften. Im Laufe des Buches werden immer neue Schichten des isländischen Projekts freigelegt: von dänischer Kolonialgeschichte, der US-Besatzung Islands im zweiten Weltkrieg, dem anschließenden Kalten Krieg und den fast ebenso lang währenden Kabeljaukriegen (Cold War und Cod Wars) bis zum Biotech-Boom an den globalen Finanzmärkten.

In seinem zeitgeschichtlichen wie ethnographischen Projekt steht Fortun dezidiert nicht außerhalb seines Feldes, sondern inmitten ambivalenter Austauschbeziehungen auch mit Wissenschaft und Presse. Die Relationen von Distanz und Komplizenschaft des Ethnographen im Feld werden ebenso mit reflektiert wie die ambivalente Position von NGOs bezüglich staatlicher Governance der Technowissenschaft.

Dabei geht es Fortun um weit mehr als um sozialwissenschaftliche Begleitforschung. Er untersucht die Dynamik spekulativer Praktiken sowie deren Zeitregime in der Genomforschung, an den Finanzmärkten sowie in seinen eigenen Analysen und entwirft damit nicht zuletzt auch einen methodisch-theoretischen Beitrag zur Wissenschaftsforschung. Paradoxien im Feld der Genomforschung werden nicht negiert, sortiert oder wegerklärt, sondern mithilfe weiterer Analyseebenen durchquert. Inspiriert durch die Lektüre Derridas, den Pragmatismus und die Performativitätstheorie positioniert Fortun beispielsweise die bekannten Ethikdebatten neu und untersucht ihre spezifischen Verbindungen von Zukunft und Gegenwart als Momente der Verschiebung.

Entsprechend experimentiert Fortun auch mit der formalen Organisation seines empirischen Materials. Die Gliederung in 22+1 Kapitel, deren Titel Kreuzungen oder Multiplikationen (wie „PublicXPrivate“) enthalten, macht eine Allegorie der Genetik produktiv – analog zu den 23 Chromosomenpaaren (22 Autosomen + das Geschlechtschromosom XX bzw. XY) des Menschen. Man könnte an dieser Stelle einwenden, dass diese Spiegelung als Heuristik – zu wörtlich oder zuviel des „Book of Life“ – limitierende und affirmative Effekte hat. Doch fordert Fortun explizit dazu auf, auch diese Anordnungen mit weiteren Verbindungen und Hybridisierungen zu vervielfachen und gegen den Strich zu lesen.

Promising Genomics beschreibt und durchquert die Fortschrittsversprechen der Genomforschung sowie die Arten und Weisen, wie die knowledge brokers der Wissenschaft ihren Platz im globalen Wirtschaftssystem einnehmen. Sind nach dem systematischen Durchtesten der Marker genetischer Variabilität die hohen Erwartungen hinsichtlich der Ätiologie chronischer Krankheiten verpufft, scheint bereits eine neue Generation von Versprechen auf: Nach der Genomik sind es weitere Omics – Metabolomik, Transkriptomik, Proteomik – sowie die Bioinformatik, die zu Trägern dieser Potentialität werden.

Die Ökonomien des Versprechens und der Risikoprädiktion sowie die dazugehörige spekulative Rationalität werden als Teil ubiquitärer Handlungsmodelle des 21. Jahrhunderts sichtbar gemacht. Fortun führt die Konvergenz von Markt, Wissen und Handeln vor und stellt dabei sicher geglaubte Ausgangspunkte in Frage. Der Autor und seine Leserinnen und Leser begeben sich dabei in eine Spekulation, die – auch einige Finanzcrashs später – nichts an Aktualität verloren hat.

Susanne Bauer, Frankfurt a. M.

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