Die Irrgärten des J.M.R. Lenz Zur psychoanalytischen Interpretation der Werke Tantalus, Der Waldbruder und Myrsa Polagi

  • Elke Meinzer
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Zusammenfassung

Anhand der Werke Tantalus, Der Waldbruder und Myrsa Polagi möchte ich ein methodisches Vorgehen vorstellen, bei dem nur bestimmte interpretatorische Aspekte des jeweiligen Werkes, die mit biographischen Ereignissen Lenz’ zusammenhängen, berücksichtigt und mit zentralen Gedanken zur psychoanalytisch orientierten Schizophrenieforschung in Verbindung gebracht werden.

Abstract

In an interpretation of Tantalus, Der Waldbruder and Myrsa Polagi I would like to demonstrate my methodological approach to Lenz’s work. The interpretation will only consider such aspects of the texts which are closely connected with biographical events, and relate them to central concepts of the psychoanalytically oriented research on schizophrenia.

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Literature

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    Otto Kernberg, Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus, Frankfurt a.M. 1978. Die von Kernberg beschriebene Störung früher Objektbeziehungen bei Borderline-Persönlichkeiten, besteht darin, daß die Integration gleichermaßen “guter” und “böser” Selbst- und Objektimagines mißlungen ist. Auf diese Weise entstehen entweder “nur gute” oder “nur böse” Selbst- und Objektvorstellungen. Diese Spaltung in “gut” und “böse” muß bei Borderline-Persönlichkeiten als eine primitive Abwehrform vor entsetzlichen, vernichtenden Haßgefühlen verstanden werden. Nur durch das “Getrennthalten” können die guten Selbst- und Objektimagines vor dem projizierten Haß böser Selbst- und Objektimagines geschützt werden. Spaltungsprozesse treten sowohl bei Borderline Patienten, wie auch bei Schizophrenen auf, und in beiden Fällen muß die Spaltung als Abwehr extremer Ängste verstanden werden. Die Abwehrformen haben aber jeweils eine andere Funktion: wahrend der Borderline-Patient versucht, seine guten Selbst- und Objektimagines zu schützen, dient die Spaltung dem Schizophrenen–dessen frühe Objektbeziehungsstörung darin besteht, daß er gar keine getrennten Selbst- und Objektimagines ausbilden konnte -dazu, dem ständig drohenden Verlust der Ichgrenze durch Verschmelzung zu entgehen.Google Scholar
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    Vgl. hierzu die Arbeiten von Jan Foudrain, Wer ist aus Holz?, München 1973Google Scholar
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    Dieses Symptom ist nicht nur für die Diagnose einer Borderline-Störung relevant, sondern zeigt sich bei Lenz verstärkt während seiner psychotischen Schübe in Walders-bach im Hause Pfarrer Oberlins. Er stürzt sich mehrmals aus dem Fenster des ersten Stockwerkes, badet nachts im kalten Brunnentrog, versucht sich mit einer Schere zu verletzen, wobei er gleichzeitig beteuert, daß “er sich nicht damit umzubringen gedacht hätte” (vgl. Tagebuchaufzeichnungen Oberlins! Frederic Oberlin, “Der Dichter Lenz im Steinthale”, Erwinia. Ein Blatt zur Unterhaltung und Belehrung 2 [1839], 6–8, 14–16, 20–22), und er versucht, die von Oberlin betrauten * Wächter’ zu überreden, ihm ein Messer auszuhändigen. Als diese seinem Wunsch nicht nachkommen, “fieng er an sich den Kopf an die Wand zu stoßen”. Diese Aktionen sind insofern allesamt keine Selbstmordversuche, sondern Versuche, dem drohenden Selbstverlust entgegenzuwirken.Google Scholar
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    Vgl. hierzu: Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie. Quellen und Deutung, Hamburg 1990, 352. Die genaue Abstammung Tantalus’ ist in der Mythologie umstritten. Auch Tmolos wird als Vater angegeben. Tantalus war ein enger Freund des Zeus, der ihn zu den Olympischen Festen bei Nektar und Ambrosia zugelassen hatte, bis er seinen sterblichen Freunden die Geheimnisse des Zeus verriet und göttliche Nahrung stahl. Für dieses Verbrechen wurde Tantalus mit dem Untergang seines Königreiches und, die ’abwesende’, unangreifbare Autoritätsfigur, deren widersprüchliche Befehle ironischerweise vom Liebesbnnger Amor übermittelt werden. Merkur und Apoll erzählen sich belustigt, was an der Göttertafel vorgefallen ist. Hera, die Frau Zeus’, ist für Tantalus tabu. Er erdreistet sich dennoch die Standesgrenzen der Götterwelt zu überschreiten und die Rolle seines Vaters zu übernehmen. Bestätigt durch "ihrer Blicke Widerschein, meint er Jupiter selbst zu sein". In einem nächtlichen Selbstgespräch gesteht er seine Liebe zu Hera. Doch gleichzeitig mit diesem Liebesgeständnis erwartet er die Strafe nicht nur der Götter, sondern vor allem Heras, die plötzlich erscheint. “Ihr Blick wird mich töten, sie hat es gehört.” Und ebensoschnell ist er bereit, die Strafe zu akzeptieren, wenn sie ihm verzeiht: O alle Strafen die ich verdiene Gegen eine mitleidige Miene Gegen einen Blick, der mir verzeiht. (III, 201) Man ist hier an Lenz’ Brief an Sophie von La Roche erinnert. Im Dramolet ist die Frustration und Qual, die Tantalus ausstehen muß, aber noch größer. Die sprichwörtlichen Tantalusqualen, etwas Ersehntem unmittelbar nahe zu sein, ohne es erreichen zu können, gipfelt hier im Verschwinden der ‘unansprechbaren Mutter’. Sie ist nur eine Wolke, die Illusion der Erwiderung einer Liebeser-Google Scholar
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    D.W. Winnicott, “Objektbeziehung und Identifizierung”, in: Vom Spiel zur Kreativität, Stuttgart 1974, 101-110.Google Scholar

Copyright information

© Metzler 1994

Authors and Affiliations

  • Elke Meinzer
    • 1
  1. 1.Freiburg i.B.Deutschland

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