in dem wilden wald Außerhöfische Sonderräume, Liminalität und mythisierendes Erzählen in den Tristan-Dichtungen: Eilhart — Béroul — Gottfried

  • Armin Schulz
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Zusammenfassung

In den Tristan-Dichtungen erscheint die Flucht des Liebespaares vom Hof in die Wildnis als Auseinandersetzung mit einem Phantasma: der Angleichung der Protagonisten und ihrer partiell außerhöfischen, transgressiven Minne an einen azivilisatorischen, liminalen Naturzustand. Dieses Phantasma wird auf je unterschiedliche Art und Weise funktionalisiert, bewältigt oder abgewiesen. Eine entscheidende Rolle dabei spielt in allen Fassungen eine nicht mehr stoffgeschichtlich zu verstehende, sondern sekundäre Mythisierung des Geschehens im Sinne eines literarischen Verfahrens. I. Außerhöfische Sonderräume und strukturale Anthropologie — IL Eilharts Waldleben-Episode: Der gescheiterte Kulturheros — III. Béroul: Abgewiesener Mythos und offensive Liminalität — IV Gottfrieds vremeder birz: Mythisierung der Liebe und Neuarrangement des mythischen Substrats.

Abstract

In the epics of the Tristan tradition the lovers’ escape from court into wilderness is presented as the examination of a phantasm — the protagonists and their partly extra-courtly and transgressive minne being assimilated to a natural state which is liminal and opposed to civilization. The texts either functionalise, cope with or reject this phantasm each by its own means. What plays a crucial part in all versions is a mythification which does not genuinely arise from the material or possibly lost sources but should rather be regarded as a secondary mythification, i.e. an artistic operation. I. Extra-courtly exceptional space and structural anthropology — II. Eilhart’s episode of life in the wilderness: the hero of civilization fails. — III. Béroul: rejected myth and straightforward liminality. — IV Gottfried’s vremeder hirz: mythification of love and rearrangement of the mythical substratum.

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  1. 1.
    Vgl. zu einigen dieser Aspekte: Volker Roloff, „Der Märchenwald als Traum. Zur Interpretation von Märchenmotiven in der Artusepik (Tristan und Lancelot en prose)”, in: Friedrich Wolfzettel (Hrsg.), Artusrittertum im späten Mittelalter. Ethos und Ideolo gie, Beiträge zur deutschen Philologie 57, Gießen 1984, 146–158Google Scholar
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    vgl. auch Monika Schulz, Magie oder: Die Wiederherstellung der Ordnung, Beiträge zur europäischen Ethnologie und Folklore, Frankfurt a.M., Berlin u.a. 2000; dies., Beschwörungen im Mittelalter, Heidelberg 2003 [im Druckl.Google Scholar
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    Vgl. Monika Schausten, Erzählwelten der Tristangeschichte im hohen Mittelalter. Untersuchungen zu den deutschsprachigen Tristanfassungen des 12. und 13.Jahrhun derts, Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur 24, München 1999, 106, die analog von einer „fingierte[n], konzeptionelle[n] Oralität” spricht (ähnlich Anna Keck, Die Liebeskonzeption der mittelalterlichen Tristanromane. Zur Erzähllogik der Werke Bérouls, Thomas’ und Gottfrieds, Beihefte zur Poetica 22, München 1998, 92, die in anderer Perspektive einen „beständigen Wechsel zwischen heldenepischer und romanhafter Gestaltung des Geschehens” konstatiert, dem ein bewußt gewähltes Ver fahren zugrunde liege). Ich möchte mich hier nicht in die Debatte über die Datierung des Textes einmischenGoogle Scholar
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    doch immerhin scheinen laut Christoph Huber, Gottfried von Straß burg: Tristan, Klassiker-Lektüren 3, Berlin 2000, 17f., die Indizien für eine Datierung nach Veldeke und Hartmann zu sprechenGoogle Scholar
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    vgl. etwa Volker Mertens, „Eilhart, der Her zog und der Truchseß. Der Tristrant am Weifenhof”, in: Danielle Buschinger (Hrsg.), Tristan et Iseut. Mythe européen et mondial. Actes du colloque des 10, 11 etil janvier 1986, Göppinger Arbeitenzur Germanistik 474, Göppingen 1987, 262–281.Google Scholar
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    Bis zum Verblassen der Wirkung des Tranks erscheint die Liebesbeziehung abhän gig von Parametern feudaler Ehrbegriffe; erst danach entfaltet sich sukzessive eine,Passion’, die mit der zunehmenden Entfremdung des Paares und vor allem Tristrants von der feudalen Gesellschaft einhergeht (vgl. Jan-Dirk Müller, „Die Destruktion des Heros oder wie erzählt Eilhart von passionierter Liebe”, in: Paola Schulze-Belli, Michael Dallapiazza [Hrsg.], II romanzo di Tristano nella letteratura del medioevo — Der, Tristan’ in der Literatur des Mittelalters. Atti del convegno — Beiträge der Triester Tagung 1989, Triest 1990, 19–37). Entsprechend ist an dieser Stelle die Rückkehr an den Hof zwingend.Google Scholar
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    Vgl. hierzu (im Anschluß an Überlegungen J.-D. Müllers und P. Strohschneiders zum Nibelungenlied) Armin Schulz, „Fragile Harmonie. Dietrichs Flucht und die Poetik der abgewiesenen Alternative’”, ZfdPh 121 (2002), 390–407.Google Scholar
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    Dieser Scherz ist eigentlich nur verständlich, wenn man weiß, daß March etymologischauf,Pferd’ zurückgeht. Vgl. W. J. McCann, Tristan: The Celtic and oriental material re-examined, in: Joan Tasker Grimbert (Hrsg.), Tristan and Isolde. A casebook, Arthurian Charakters and Themes 2, New York, London 1995, 3–35, hier: 28.Google Scholar
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    Zum Terminus vgl. Annette Keck, Armin Schulz, „Überdetermination”, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Berlin, New York 1997ff., III (2003) [im Druck].Google Scholar
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    Merlin und Seifrid de Ardemont von Albrecht von Scharfenberg. In der Bearbeitung Ulrich Füetrers, hrsg. Friedrich Panzer, Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart 227, Tübingen 1902, LXXII-LXXX; Ralf Simon, Einführung in die struktura-listische Poetik des mittelalterlichen Romans. Analysen zu deutschen Romanen der matière de Bretagne, Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft 66, Würzburg 1990, 35–46Google Scholar
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    vgl. Lutz Röhrich, „Mahrtenehe: Die gestörte M[ahrtenehe]”, in: Enzyklopädie des Märchens, begründet v. Kurt Ranke, hrsg. Rolf Wilhelm Brednich, Berlin, New York 1977ff., IX (1999), 44–53; vgl. insgesamt auch Friedrich Wolfzettel, „Fee, Feenland”, in: ebd., IV (1984), 945–964. Vgl. schon Rainer Gruenter, „Der vremede hirz”’, ZfdA 86 (1955/56), 231–237.Google Scholar
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    Vgl. Alexander Wöll, „Verfahren”, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissen schaft, Berlin, New York 1997ff., III (2003) [im Druck]. Vgl. Rainer Gruenter, „Das wunnecliche tal”, Euphorion 55 (1961), 341–404.Google Scholar
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    Christoph Huber, „Wort-Ding-Entsprechungen. Zur Sprach- und Stiltheorie Gottfrieds von Straßburg”, in: Klaus Grubmüller, Ernst Hellgardt, Heinrich Jellissen, Marga Reis (Hrsg.), Befund und Deutung. Zum Verhältnis von Empirie und Interpretation in Sprach- und Literaturwissenschaften. Fs. Hans Fromm, Tübingen 1979, 268–302.Google Scholar
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    Zum bedrohlichen Potential der Entdifferenzierung vgl. René Girard, Das Heilige und die Gewalt [1972], übers. Elisabeth Mainberger-Ruh, Zürich 1987.Google Scholar

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© Metzler 2003

Authors and Affiliations

  • Armin Schulz
    • 1
  1. 1.MünchenDeutschland

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