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Findlinge: Franz Kafka und Jakob Wassermann

  • Davide Stimilli
Article

Zusammenfassung

Wassermanns Vorbild war von äußerster Wichtigkeit für Kafkas Selbstverständnis als westjüdischer Schriftsteller. Kafka las die Werke Wassermanns als die Bekenntnisse des westjüdischen Schriftstellers par excellence. Die ersten Versuche einer Autobiographie Kafkas sind im Zusammenhang mit dem Muster Wassermanns zu deuten.

Abstract

Wassermann’s example was extremely important for Kafka’s own understanding as a German-Jewish writer. Kafka read Wassermann’s works as the confessions of the German-Jewish writer par excellence. The first essays of an autobiography by Kafka must be interpreted in connection with Wassermann’s model.

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Literature

  1. 1.
    Ich möchte zunächst Sir Malcom Pasley danken, der mir den Text der Aufzeichnung Kafkas noch vor dem Erscheinen der kritischen Ausgabe der Tagebücher zur Verfügung stellte. Für freundliche Hinweise danke ich ferner Professor Valerio Pocar, Milano; für die freundliche Durchsicht des Manuskripts Stephanie Jacobs, Bonn. Franz Kafka, Tagebücher, hrsg. Hans-Gerd Koch, Michael Müller, Malcolm Pasley, 3 Bde., Frankfurt a.M. 1990, I, 814.Google Scholar
  2. 2.
    Max Brod, „Nachwort“, in: Franz Kafka, Tagebücher 1910–1923, hrsg. Max Brod, Frankfurt a.M. 1951, 722–727, hier: 722.Google Scholar
  3. 3.
    Max Brod, Über Franz Kafka, Frankfurt a.M. 1974, 276.Google Scholar
  4. 4.
    Diese Bewertung stammt von Adolf Bartels, vgl. Bernd M. Kraske, „‚Das stärkste jüdische Talent dieser Zeit&‘. Zur Rezeption Jakob Wassermanns in der völkischen Literaturgeschichtsschreibung“, in: Rudolf Wolff (Hrsg.), Jakob Wassermann. Werk und Wirkung, Bonn 1987, 46–65, hier: 51.Google Scholar
  5. 5.
    Siehe Giuliano Baioni, Kafka. Letteratura ed ebraismo, Torino 1984Google Scholar
  6. 5a.
    Ritchie Robert­son, Kafka. Judaism, Politics, and Literature, Oxford 1985.Google Scholar
  7. 6.
    Ernst von Wolzogen, zitiert in: Dierk Rodewald (Hrsg.), Jakob Wassermann 1873–1934. Ein Weg als Deutscher und Jude, Bonn 1984, 74.Google Scholar
  8. 7.
    Zitiert nach: Jakob Wassermann, Deutscher und Jude. Reden und Schriften 1904–1933, hrsg. Dierk Rodewald, Heidelberg 1984, 17–27, hier: 17.Google Scholar
  9. 15.
    Zitiert nach: Max Brod, Im Kampf um das Judentum, Wien, Berlin 1920, 114–118, hier: 114. Nicht zufällig wird Felix Weltsch seinen Angriff auf Wassermann ironisch „Jakob Wassermanns Kampf mit dem Judentum“ betiteln (Hervorhebung von mir; siehe unten).Google Scholar
  10. 16.
    Jakob Wassermann, „Der Jude als Orientale“, in: Vom Judentum. Ein Sammelbuch, hrsg. Verein jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag, Leipzig 1913, 5–8, hier: 5; jetzt in Wassermann (Anm. 7), 29–32, hier: 29 f.Google Scholar
  11. 17.
    Dazu Heinrich Heine: „Juden ‘und ‚Christen ‘sind für mich ganz sinnverwandte Worte im Gegensatz zu ‚Hellenen, ‘mit welchem Namen ich ebenfalls kein bestimmtes Volk, sondern eine sowohl angeborne als angebildete Geistesrichtung und Anschauungs­ weise bezeichne. In dieser Beziehung möchte ich sagen: alle Menschen sind entweder Juden oder Hellenen, Menschen mit ascetischen, bildfeindlichen, vergeistigungssüchtigen Trieben, oder Menschen von lebensheiterm, entfaltungsstolzem und realistischem Wesen. So gab es Hellenen in deutschen Prädigerfamilien, und Juden, die in Athen geboren und vielleicht von Theseus abstammen. Der Bart macht nicht den Juden, oder der Zopf macht nicht den Christen, kann man hier mit Recht sagen“ (Heinrich Heine, Ludwig Börne. Eine Denkschrift [1840], Historisch-Kritische Gesamtausgabe der Werke, 16 Bde., Ham­ burg 1978, XI, 9–132, hier: 18 f.).Google Scholar
  12. 20.
    Max Brod in: Martin Buber, Briefwechsel aus sieben Jahrzehnten, 3 Bde., Heidel­ berg 1972, 1, 471.Google Scholar
  13. 25.
    Vgl. die Beschreibung der Entstehung des Romans im Aufsatz „Meine persönliche Erfahrungen mit dem Caspar-Hauser-Roman“: „Der erste Entschluß zu einer Caspar-Hauser-Dichtung reicht in mein siebzehntes Jahr zurück, doch bis zur Verwirklichung sollten fünfzehn Jahre vergehen & Die Studien allein, Beschaffung des Materials, der Akten und einschlägigen Literatur beanspruchten Jahre. Verschiedenartige Versuche und Entwürfe begleiteten mich durch alle Anfangsstationen meiner schriftstellerischen Lauf­bahn. Im Jahre 1904 (die endgültige Fassung des Romans erschien 1908) lag ein beinahe fertiges Manuskript vor, moderne Erzählung, worin die Caspar-Hauser-Figur nur eine symbolische Rolle spielte & Erst als ich die zusammenfassende und das Ganze wie ein Himmel überwölbende Idee gefunden hatte, konnte ich das Werk als gesichert be­trachten. Die betreffende Tagebucheintragung vom 3. Dezember 1905 lautet: ‚Der gest­rige Abend verdient einen roten Strich im Kalender. Schon lange quälte ich mich mit dem alten Stoffmaterial zur Trägheit des Herzens herum und kam langsam oder wurde von irgendeiner Kraft widerwillig zur Überzeugung gebracht, daß eine allgemeine Fabel, wenn auch mit noch so lebendigen, d. h. dem gegenwärtigen Leben abgeschauten Figuren mir nichts mehr bedeuten könne und lediglich zu verfeinerter Psychologie führen müsse. Das ist mir zu wenig. Warum, sagte ich mir schließlich, eine Idee zuliebe einen Stoff weiterschleppen, der mich nicht ganz und gar erfüllt? Muß es nicht ein künstliches Gebilde werden? Und wie unter dem Feuer eines Blitzes riß ich mich los, urplötzlich vermählte sich in mir die Caspar-Hauser-Vision mit der Trägheitsidee, urplötzlich war mein Arzt und Ehemann zum Lehrer Quandt geworden, die ganze Tragödie stand gewaltig da, und der Titel war mit leuchtenden Lettern an die Wand gemalt: Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens‘“ (Jakob Wassermann, Lebensdienst. Gesammelte Studien Erfahrungen und Reden aus drei Jahrzehnten, Leipzig 1928, 123–148, hier: 129 ff.).Google Scholar
  14. 26.
    Jakob Wassermann, Mein Weg als Deutscher und Jude, Berlin 1921, 78.Google Scholar
  15. 27.
    Jakob Wassermann, „Introduction to the English edition“, in: Kaspar Häuser, or the Unheeding World (London 1928; ich zitiere aus der amerikanischen Ausgabe: New York 1929, ix–xxvi, hier: xvi.)Google Scholar
  16. 30.
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  17. 35.
    „Nichts hat den Romancier Wassermann mehr behindert und gelähmt als sein Hang zum Moralisieren und zu dem, was er für Philosophieren hielt. Denn er konnte besser erzählen als denken. Er war ein höchst unterhaltsamer Fabulierer, der sich unbedingt als Sittenprediger, als ‚Seelenspeise‘-Lieferant betätigen wollte. Hatten dies jene im Sinn, die ihn, den Juden Jakob Wassermann, in den zwanziger Jahren den deutschesten aller deutschen Schriftsteller nannten?“ (Marcel Reich-Ranicki, „Jakob Wassermann, der Bestsellerautor von gestern“ [1972], in: Nachprüfung. Aufsätze über deutsche Schrift­ steller von gestern, Erweiterte Neuausgabe, Stuttgart 1980, 47–52, hier: 52).Google Scholar
  18. 36.
    Rainer Maria Rilke, Ewald Tragy (1898), Sämtliche Werke, 6 Bde., Frankfurt a. M. 1961, IV, 512–567, hier: 556.Google Scholar
  19. 38.
    Moritz Heimann, „Zwei Romane“, Die neue Rundschau (1897), 644–647, hier: 647.Google Scholar
  20. 39.
    Unglücklicherweise hatte Wassermann hier ein besseres Gespür als viele seiner Kritiker, wie Thomas Mann schon 1935 im Geleitwort zur Wassermann-Biographie von Marta Karlweis zugeben mußte: „So dumm, nicht zu sehen, daß allerlei Wahres seiner Skepsis zu Grunde lag, war ich nicht. Wie maßlos er aber am Ende Recht behalten sollte, das ahnte damals er so wenig wie ich, — keine gesunde Vernunft konnte es ahnen, und so mag ich mich des damals geäußerten guten Glaubens nicht schämen“ (Thomas Mann, „Zum Geleit“, in: Marta Karlweis, Jakob Wassermann. Bild, Kampf und Werk, Am­ sterdam 1935, 5–11, hier: 7f.).Google Scholar
  21. 45.
    Erwin Poeschel, „Jakob Wassermann“, in: Juden in der deutschen Literatur, hrsg. Gustav Krojanker, Berlin 1922, 76–100, hier: 76. Wie Poeschel bemerkt, wurde der Beitrag vor dem Erscheinen von Mein Weg als Deutscher und Jude abgeschlossen.Google Scholar
  22. 50.
    Hartmut Binder, Kafka-Kommentar zu sämtlichen Erzählungen, München 1975, 206, 208, 158.Google Scholar
  23. 52.
    „Ein Beispiel produktiver Lektüreverarbeitung (Max Brods Arnold Beer und Das Urteil)“, in: Hartmut Binder (Hrsg.), Kafka-Handbuch, 2 Bde., Stuttgart 1979, II, 278–282.Google Scholar
  24. 53.
    Willi Handl, „Die Bücher der Verzweiflung“, Die Neue Rundschau (1910), 855–859, hier: 858.Google Scholar
  25. 54.
    Jakob Wassermann, Die Masken Erwin Reiners, Berlin 1910, 394.Google Scholar
  26. 55.
    In demselben Jahrgang dieser Zeitschrift, dessen eifriger Leser Kafka immer ge­ wesen ist, erschien auch Alfred Webers Aufsatz „Der Beamte“, der nach Astrid Lange-Kirchheim eine besonders wichtige Rolle in der Erfindung der Erzählung „In der Straf­ kolonie“ gespielt haben soll (vgl. Astrid Lange-Kirchheim, „Franz Kafka: ‚In der Straf­ kolonie ‘und Alfred Weber: ‚Der Beamte‘“, Germanisch-Romanische Monatsschrift 2 [1977], 202–221).Google Scholar
  27. 56.
    Jakob Wassermann, „Offener Brief“, Die Neue Rundschau (1910), 999–1002, hier: 1001.Google Scholar
  28. 57.
    Der Jude I, Nr. 7 (Oktober 1916), 457-464, jetzt in: Franz Kafka. Kritik und Rezeption zu seinen Lebzeiten 1912–1924, hrsg. Jürgen Born, Frankfurt a.M. 1979, 148–150, hier: 149.Google Scholar
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    F. Kafka, Briefe an Feiice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, hrsg. Jürgen Born, Eric Heller, Frankfurt a.M. 1967, 719 f.Google Scholar
  30. 62.
    Malcolm Pasley, „Kafka’s Semiprivate Games“, Oxford German Studies 6 (1971–1972), 112–131.CrossRefGoogle Scholar
  31. 66.
    In einem Brief an Milena vom 2. Juni 1920, wo er diese Zeit als „vielleicht die beste“ seines Lebens bezeichnet, wird Kafka diesen Brief fast wörtlich zitieren (vgl. Franz Kafka, Briefe an Milena. Erweiterte und neugeordnete Ausgabe, hrsg. Jürgen Born, Michael Müller, Frankfurt a.M. 1983, 36).Google Scholar
  32. 68.
    F. Kafka, Nachgelassene Schriften und Fragmente II, hrsg. Jost Schillemeit, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1992, I, 373.Google Scholar
  33. 71.
    Jakob Wassermann, Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens, Stuttgart 1908, 108.Google Scholar
  34. 72.
    Man darf nicht vergessen, daß er damals noch unter dem Einfluß Rudolf Steiners und seiner pädagogischen Theorien stand. Steiner, den Kafka im März des folgenden Jahres in Prag treffen sollte, schätzte den Theosophen Daumer natürlich sehr: vgl. Rudolf Steiner, „Äusserungen zu Kaspar Hauser (1908-1925)“, in: Ulrich Struve (Hrsg.), Der Findling: Kaspar Hauser in der Literatur, Stuttgart 1992, 144–151, hier: 145.Google Scholar
  35. 78.
    Vgl. Hartmut Binder, Kafka in neuer Sicht. Mimik, Gestik und Personengefüge als Darstellungsformen des Autobiographischen, Stuttgart 1976, 381–385; Baioni (Anm. 5), 204–207Google Scholar
  36. 78a.
    Jennifer E. Michaels, Anarchy and Eros. Otto Gross ‘Impact on German Expressionist Writers, New York 1983.Google Scholar
  37. 84.
    Vgl. dazu besonders Evelyn T. Beck, Kafka and the Yiddish Theater. Its Impact on His Work, Madison 1971.Google Scholar
  38. 86.
    Franz Kafka, Nachgelassene Schriften und Fragmente I, hrsg. Malcolm Pasley, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1993, I, 430.Google Scholar

Copyright information

© Metzler 1999

Authors and Affiliations

  • Davide Stimilli
    • 1
    • 2
  1. 1.EvanstonUSA
  2. 2.ChicagoUSA

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