Liebe und Verstehen Jean Paul im Briefwechsel mit Charlotte von Kalb und Esther Gad

  • Thomas Wirtz
Article

Zusammenfassung

Während die Hermeneutik um 1800 versucht, das Werk in der Lektüre neu zu erschaffen, will der empfindsame Autor es in seiner alleinigen Verfügung halten. Dafür mißt er sich selbst eine Weiblichkeit bei, die auch noch die Lektüre seiner Leserinnen vorwegnehmen will. Dieser Konflikt zwischen Autor und Leserin wird in den Briefwechseln von Jean Paul mit Charlotte von Kalb und Esther Gad auf unterschiedliche Weise ausgetragen.

Abstract

While hermeneutics about 1800 stressed the reader’s role in creating the text, the sentimental author tried to have it at his own disposal. Therefore he claimed a femininity, with which he wants to anticipate the reading of his female readers. Various aspects of this controversy between male author and female reader appear in Jean Pauls correspondence with Charlotte von Kalb and Esther Gad.

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Literature

  1. 1.
    Sie alle versammelt die immer noch beste Biographie: Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen, gesammelt und hrsg. Eduard Berend, Berlin, Weimar 1956. — Die Werke Jean Pauls werden zitiert nach der von Norbert Miller verantworteten Hanser-Ausgabe (München 1959 ff.; Sigle H) sowie der Historisch-kritischen Ausgabe Eduard Berends: Jean Pauls Sämtliche Werke (Weimar 1927ff.; Sigle SW, jeweils mit römischer Abteilungs- und lateinischer Bandzahl).Google Scholar
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    Wollte man eine historisch signifikante Szene für diese Ablösung suchen, wäre sicher der Streit um die ‚richtige ‘Auslegung von Klopstocks Ode Furcht der Geliebten zu nennen: Während der Altphilologe Christian Gottlob Heyne in ihr eine Allegorie auf das ewige Leben erkennen will, besteht der Klopstock-Freund und -Verehrer Carl-Friedrich Cramer auf einer biographischen Interpretation und wird zum Beweis einen fünfbändigen Klopstock-Kommentar verfassen — vgl. dazu Anselm Haverkamp, „‚Saving the subject‘. Randbemerkungen zur Veränderung der Lyrik“, Poetica 14 (1982), 70–91.Google Scholar
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    Der emanzipative Akt dieser mehrfachen Lektüre ist ausdrücklich zu betonen, um nicht mit seinem historisch früheren Analogon: der intensiven Lektüre des Einen Buches, verwechselt zu werden. Wenn die typologisch verfahrende Leseforschung sagen kann: „Der typische Gegenstand der Wiederholungslektüre ist die Erbauungsliteratur“ (Gisbert Ter-Nedden, „Das Ende der Lehrdichtung im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Schrift. Antithesen zur Fabel- und Parabelforschung“, in: Theo Elmund Hans H. Hiebel [Hrsg.], Die Parabel. Parabolische Formen in der deutschen Dichtung des 20.Jahrhunderts, suhrkamp taschenbuch materialien 2060, Frankfurt am Main 1986, 58–78; hier: 68), dann versäumt sie über dem emprischen Faktum dessen identitätsrelevante Differenz: Gelesen wird bei der Gad nicht der selbe Text, sondern der jedesmalige Abstand zum vorigen Lektüreakt.Google Scholar
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    Gleiches widerfährt auch Charlotte von Kalb, die mit ihren versuchten Deutungen des ‚Märchens ‘zu einer Art ‚running gag ‘im Goethe-Schillerschen Briefwechsel wird; vgl. Goethes Bitte vom 23. 12. 1795: „Ich habe sonst noch manches mitzuteilen. Hier liegt zum Beispiel eine Erklärung der dramatischen Personen des Märchens bei, von Freundin Charlotte. Schicken Sie mir doch geschwind eine andere Erklärung dagegen, die ich ihr mitteilen könnt“ (Artemis-Gedenkausgabe, XX: Der Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller, hrsg. Karl Schmid, 2. Aufl., Zürich, Stuttgart 1964, 142).Google Scholar
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Copyright information

© Metzler 1998

Authors and Affiliations

  • Thomas Wirtz
    • 1
  1. 1.WürzburgDeutschland

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