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Scholle und Rand

Wohnen und Suburbanisierung — Ein kaum steuerbarer Zusammenhang?

The countryside and the encroaching urban fringe

Housing and suburbanisation: is this nexus now out of control?

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Kurzfassung

Die Vorstellung einer Entität, die unserem Begriff von Stadt zugrunde liegt, und die faktische Realität dessen, was wir sehen und erleben, befinden sich nicht (mehr) in Übereinstimmung. Eine der Ursachen dafür ist die augenscheinlich unstillbare Sehnsucht breiter Schichten nach dem Eigenheim im Grünen, nach einer Sistanz zur hektischen, lauten, umweltbelasteten, zunehmend unsicheren City, nach einer Nähe zur Natur, nach einer Gemeinschaft, die Sicherheit, Ruhe und soziale Homogenität verspricht, nach einer Umwelt, die kindgerechter ist als das Innere der großen Stadt. Sich jedem Diskurs über Urbanität widersetzend, und von Befragungen und empirischen Erhebungen noch jüngst eindrucksvoll bestätigt, ist das eigene Haus mit Garten längst zum Inbegriff und Wunschbild des Wohnens geworden. Und eben das, unter anderem, generiert Suburbia. Wenngleich der ausufernde Siedlungsbrei keineswegs das Resultat fehlender Planungsarbeit ist, sondern das Ergebnis widersprüchlicher und in ihrem geschichtlichen Verlauf sich tendenziell neutralisierender Wertvorstellungen bezüglich dessen, was Stadt sein soll und kann, und wenngleich jede Kommune zuallererst einmal ihren Vorteil sucht (und suchen muss), so darf die sogenannte Zersiedlung nicht einfach stigmatisiert oder als unveränderbarer Fakt akzeptiert werden. Vielmehr wäre Suburbia stärker als bisher als städtebauliche Herausforderung, als raumkonzeptionelle Aufgabe in Abhängigkeit von Wohnungsmarkt und Wohnbedürfnissen zu begreifen.

Abstract

There remains today little in common between the concept underlying the phenomenon we refer to as “the city”, on the one hand, and the actual reality we can observe and experience. One reason for this is the apparently insatiable desire on the part of large groups in society for a home of their own in a leafy environment; for distance from the hectic, noisy, polluted and increasingly hazardous city centre; for greater closeness to nature; for a sense of belonging to a community, which is seen to guarantee greater security, peace and quiet and social homogeneity; for an environment more child-friendly than that found in the inner city. In stark contrast to any discourse on the subject of urbanity — and reaffirmed impressively yet again just recently in both surveys and empirical studies — for many people a home of their own, with garden, is now well established as the very epitome of how they would ideally like to live. And it is this — admittedly among other factors — which generates suburbanisation. Even accepting that sprawling settlement development by no means represents a lack of planning, but is rather the result of conflicting and — over the course of time — mutually neutralising values with regard to what we think cities can and should be; and granting too that every municipality thinks first and foremost — as indeed it is required to — of its own best interests: nonetheless, what we refer to as “urban sprawl” should not simply be stigmatised or accepted as an unalterable fact of life. On the contrary: suburbanisation needs to be seen, to a much greater degree than has previously been the case, as a challenge for urban development, as a sign of a need to envision spatial concepts which take into account both the housing market and individual aspirations with regard to housing.

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Anmerkungen

  1. (1)

    Vgl. u. a. Gent Urban Studies Team (Ed.): Post, Ex, Sub, Dis. Urban Fragmentations and Constructions. — Rotterdam 2002

  2. (2)

    So lautet der Befund bereits um die vorletzte Jahrhundertwende, hier für das Beispiel Marseille: Peraldi, Michel: Die Stadtschichten von Marseille. In: Bauwelt, Berlin (1998), H. 24 (=Stadtbauwelt Nr. 138) S. 1358. Um aber nur einmal die aktuellen Dimensionen beispielhaft anzudeuten: Der Autohersteller BMW unterhält im vergleichsweise idyllischen Regensburg ein Werk. Als Ausdruck des Wunsches nach Wohneigentum wohnen jedoch nur 20% der Belegschaft innerhalb der Stadtgrenzen — ein gigantischer von BMW organisierter Buszubringerdienst holt die Kollegen aus bis zu 150 km entfernten Orten ab, wo sie sich dann tatsächlich niedergelassen haben (s. Loebner, Lars: „Nicht nur Leipzig”. In: Bauwelt, Berlin (2003) H. 36, S. 5).

  3. (3)

    Vgl. hierzu Krätke, Stefan: Stadt Raum Ökonomie. — Basel, Berlin, Boston 1995, S. 86. Ähnlich übrigens Mönninger, Michael: Der Rand lebt. Die Zukunft der Stadt liegt in der Peripherie. In: Du. Die Zeitschrift der Kultur, Zürich (1996) H. 11, S. 32–35

  4. (4)

    Rohrbach, Iris: Sigismund, Markus: Entwicklungstendenzen und räumliche Muster der Wohneigentumsbildung. In: Bauland- und Immobilienmärkte, Ausgabe 2003. — Bonn 2003. = Berichte BBR 16, S. 52

  5. (5)

    Siehe ausführlich Zimmermann, Clemens: Wohnungsbau als sozialpolitische Herausforderung. Reformerisches Engagement und öffentliche Aufgaben. In: Reulecke, Jürgen (Hrsg.): Geschichte des Wohnens, Bd. 3: 1800–1918. Das bürgerliche Zeitalter. — München 1997, insbesondere S. 572 ff.

  6. (6)

    Kähler, Gert: Nicht nur Neues Bauen! In: Ders. Reulecke, Jürgen (Hrsg): Geschichte des Wohnens, Bd. 4: 1918–1945. Reform, Reaktion, Zerstörung. — Stuttgart 1996, S. 308

  7. (7)

    Giedion, Siegfried: Befreites Wohnen. — Stuttgart 1928; vgl. insbesondere Abb. 83

  8. (10)

    Wolf, Gustav: Die Grundriß-Staffel. Beitrag zur Grundrißwissenschaft. — München 1931, S. 23

  9. (11)

    Vgl. Tafuri, Manfredo: Kapitalismus und Architektur. Von Corbusiers „Utopia” zur Trabantenstadt. — Hamburg, Berlin 1977, S. 79 ff.

  10. (12)

    Müller-Wulckow, Walter: Die deutsche Wohnung der Gegenwart (Reprint). — Königstein 1999, S. 7

  11. (14)

    Sewing, Werner: Bildregie. Architektur zwischen Retrodesign und Eventkultur. — Basel, Berlin, Boston 2003. = Bauwelt Fundamente, Bd. 126, S. 14

  12. (15)

    Dath, Dietmar: Inferno so nah. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 27.8.2003, S. 33

  13. (18)

    Weiß, Klaus-Dieter: Individuell wohnen. Kritische Betrachtung zum Thema Einfamilienhäuser. In: db — Deutsche Bauzeitung (2003), H. 9, S. 37

  14. (19)

    Dosch, Fabian; Beckmann, Gisela: Stand und Perspektiven der Siedlungsflächenentwicklung. In: Bauland- und Immobilienmärkte, Ausgabe 2003. — Bonn 2003. = Berichte BBR 16, S. 80

  15. (20)

    Sieverts, Thomas: Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land. — Braunschweig, Wiesbaden 1997, S. 19

  16. (22)

    Vgl. zu Zielen und Rahmenbedingungen: Bauausstellung Berlin 1999 — 1. Werkbericht. Hrsg. von der Senatsverwaltung für Bauen, Wohnen und Verkehr, Berlin 1998.

  17. (23)

    Pfeiffer, Ulrich: Städtebau am Stadtrand — für einen neuen Planungskonsens. In: Bauwelt, Berlin (1982), H. 36 (=Stadtbauwelt Nr. 75) S. 313–318.

  18. (25)

    Michael Zinganel: New Urbanism zwischen Agoraphobie und künstlichem Paradies. In: dérive, Zeitschrift für Stadtforschung (Wien), Heft 12, Juli–Sept. 2003, S. 30

  19. (26)

    Jörg Häntzschel: Schöne Neue Welt der Tagträumer. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 297, 2000

  20. (27)

    Zinganel, op.cit., New Urbanism zwischen Agoraphobie und künstlichem Paradies. In: dérive, Zeitschrift für Stadtforschung (Wien), Heft 12, Juli–Sept. 2003, S. 30

  21. (28)

    Andres Duany: Eine Gegenrede: Nichts als Vorurteile! in: Bauwelt 12/2000, StadtBauwelt 145, Berlin, 31.3.2000, S. 41

  22. (29)

    edb. Andres Duany: Eine Gegenrede: Nichts als Vorurteile! in: Bauwelt 12/2000, StadtBauwelt 145, Berlin, 31.3.2000, S. 41

  23. (30)

    Harald Bodenschatz: New Urbanism. Die Neuerfindung der amerikanischen Stadt. in: Bauwelt 12/2000, StadtBauwelt 145, Berlin, 31.3.2000, S. 30 f.

  24. (31)

    Vgl. hierzu die — tendenziell kritisch-distanzierte — Gesamteinschätzung des New Urbanism von Robert A. Beauregard: New Urbanism: Ambiguous Certainties. In: Journal of Architectural and Planning Research, 19. Jg. Nr. 3, 2002, S. 181–194

  25. (32)

    Frank-Bertolt Raith u. Lars Hertelt: Architektur für den Markt. In: Baumeister (München), Nr. 7, 2003, S. 42. Vgl. auch Frank-Bertolt Raith, Rob van Gool, Lars Hertelt: Inszenierte Architektur. Wohnungsbau jenseits der Standards. — Stuttgart, München 2003

  26. (37)

    Klaus-Dieter Weiß: Individuell wohnen. Kritische Betrachtung zum Thema Einfamilienhäuser. In: db — Deutsche Bauzeitung, Nr. 9, 2003, S. 37

  27. (38)

    Evelyn Finger: Rückbau Ost. Halle-Neustadt war die grünste Stadt der DDR, jetzt wird sie noch grüner. In: Die Zeit, Nr. 30, 17.7.2003, S. 49

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Kaltenbrunner, R. Scholle und Rand. Raumforsch.Raumordn. 61, 319–333 (2003). https://doi.org/10.1007/BF03183876

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