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Sind Schrei und Abwehrbewegungen nach Schmerzreizen beim normalen Tier Zeichen empfundenen Schmerzes oder nur reflektorische Erscheinungen?

Habilitationsschrift
  • Cäsar Amsler
Article

Zusammenfassung

Kurz zusammeugefaßt ergibt sich aus Vorstehendem:
  1. 1.

    Der beim dekortizierten Tier durch Schmerzreize in Funktion tretende subzerebrale Mechanismus der Abwehrbewegungen und des Schreies (Sherringtons Komplex der Pseudoschmerzreflexe) ist beim Großhirntier von der Großhirnrinde gesperrt, so daß die Schmerzreize bei diesem die motorische Seite des Refllexbogens nur über das Großhirn erreichen können.

     
  2. 2.

    Auf diesen Sperrapparat des Großhirns sind kleine, den Schmerz und seine Begleiterscheinungen elektiv beseitigende Morphindosen ohne Einfluß.

     
  3. 3.

    Die elektiv dämpfende Wirkung kleiner Morphindosen auf die nach Schmerzreizen eintretenden Symptome der Abwehrbewegungen und des Schreies ist kortikal bedingt.

     
  4. 4.

    Die den Schmerz begleitenden physischen Äußerungen des Schreies und der Abwehrbewegungen sind an die Schmerzempfindung geknüpft, werden infolge deren elektiven Betäubung durch Morphin ausgeschaltet und sind daher beim normalen Tier als Zeichen empfundenen Schmerzes im Sinne Mantegazzas aufzufassen und nicht als Erscheinungen nur reflektorischer Natur (Richet).

     
  5. 5.

    Durch Chloralhydrat werden Tiere in dem Sinne gegen Morphin refraktär, als sie trotz der Morphinisierung nicht aufhören, auf Schmerzreize zu schreien und sich zu wehren und Tiere, welche nach kleinen Morphindosen gegen Schmerzreize unempfindlich wurden, können mit Chloralhydrat während der Dauer der Morphinwirkung wieder “empfindlich” gemacht werden.

     
  6. 6.

    Diese Eigenschaft des Chloralhydrats ist die Folge seiner “elektiv” lähmenden Wirkung auf den die subzerebrale “Schmerzbahn” sperrenden Großhirnapparat und erklärt die merkwürdige Tatsache, daß Tiere im Chloralschlaf auf Schmerzreize reagieren.

     
  7. 7.

    Bei der weißen Ratte, dem Meerschweinchen und dem Hund scheinen die Schmerzempfindung und die Hemmung, welche das Großhirn auf den tiefen Mechanismus des Schmerzschreies und der auf Schmerzreize erfolgenden Abwehrbewegungen ausübt, in nächster Beziehung zueinander zu stehen und über die ganze Großhirnrinde zerstreut zu sein.

     
  8. 8.

    Die auf Schmerzreize eintretende Pupillenerweiterung ist (beim Hund) im Gegensatz zum Schmerzschrei und den den Schmerz begleitenden Abwehrbewegungen nicht an die Schmerzempfindung geknüpft, d. h. kein Zeichen des empfundenen Schmerzes, sondern rein reflektorisch.

     

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Literatur

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Copyright information

© Verlag von F.C.W. Vogel 1924

Authors and Affiliations

  • Cäsar Amsler
    • 1
  1. 1.Pharmakologischen Institut der Universität WienWienÖsterreich

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