Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie

, Volume 12, Issue 2, pp 250–262 | Cite as

Kraft und Identität

Überlegungen zur anthropologischen Voraussetzung der neuzeitlichen Wissenschaft
  • Rodrigo Jokisch
Aufsätze

Zusammenfassung

Das Aufkommen der „klassischen Mechanik“ wird als paradigmatisch für die Entstehung des neuzeitlichen wissenschaftlichen Denkens angesehen. Geht man nun dem Beginn dieser Entwicklung nach, so stößt man sehr bald auf den Begriff der Selbsterhaltung. Das Postulat der Selbsterhaltung erweist sich als zentrale Kategorie bei der Herausbildung einer „externen“ Naturvorstellung, nach der ein sich bewegender Körper keiner zusätzlichen Kraft bedarf, um die betreffende Bewegung aufrechtzuerhalten (Trägheitsprinzip). Sie erhält sich von selbst. Das Prinzip der Selbsterhaltung taucht in dieser Epoche auch in verschiedenen anderen Disziplinen auf, beispielsweise der Staatsphilosphie (Th. Hobbes) und der Ethik (Spinoza). Ein paralleles Phänomen während dieser Zeit ist eine beginnende Emanzipation des Individuums. Der allmähliche Ausbau einer Autonomie im Denken und Fühlen findet seinen Ausdruck in einem neuen Vernunftsbegriff, der nicht mehr in Abhängigkeit von theologischen Postulaten steht. Die Autonomie des Individuums wird weitgehend als Selbsterhaltung der Vernunft verstanden. Es liegt nahe einen Zusammenhang zu vermuten zwischen der neuzeitlichen Naturerfassung auf der Grundlage des Selbsterhaltungsbegriffes und der „Entdeckung“ einer individuellen, sich selbst konstituierenden Vernunft.

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Copyright information

© Franz Steiner Verlag GmbH 1981

Authors and Affiliations

  • Rodrigo Jokisch
    • 1
  1. 1.Fachbereich 2, Institut für SoziologieTechnische Universität BerlinBerlin 10

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