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Weitere klinisch-katamnestische Untersuchungen an Hebephrenien

I. Mitteilung Die Hebephrenien

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Zusammenfassung

Die Untersuchungen schließen sich an unsere Katamnesen der 1920 bis 1925 in der Frankfurter Nervenklinik beobachteten Hebephrenien an. Von den 1926–1935 als Hebephrenie diagnostizierten Kranken konnten 50 verwertet werden, 24 noch Lebende und 26 Verstorbene, die zum großen Teil der sogenannten Euthanasie zum Opfer gefallen waren. 1920 bis 1925 waren 39 Kranke verwertbar, von denen nur 5 gestorben sind.

Die Diagnose Hebephrenie wurde 1926/35 19 mal bestätigt, 1920/25 24mal, zusammen also bei 43 Fällen. Die Fehldiagnosen werden in der II. Mitteilung behandelt.

Von den einzelnen Formen der Hebephrenie waren die depressive am häufigsten (7), die autistische am seltensten (2), die läppische und apathische hielten mit 3 bzw. 4 die Mitte, ebenso die kombinierten Formen (3). Im ganzen Zeitraum von 1920–1935 blieben die Depressiven mit 13 am häufigsten, die kombinierten Formen mit 5 selten, dazwischen standen 10 Apathische, 8 Autistische und 7 Läppische. Unsystematische (extensive) Formen wurden auch unter den Kranken von 1926–1935 nicht beobachtet.

Männer und Frauen waren mit 9 bzw. 10 ungefähr gleich häufig; Frauen überwogen bei den läppischen, depressiven und kombinierten Formen, Männer bei den apathischen und autistischen. Das blieb auch so in der Gesamtheit der Kranken von 1920–1935.

Das Erkrankungsalter lag zwischen dem 13. und 33. Lebensjahre mit einem Durchschnitt von 23,9 Jahren. Die läppischen Hebephrenen erkrankten durchschnittlich am frühesten mit 18,6 Jahren, bei den anderen Formen lag der Krankheitsbeginn zwischen 23 und 26.5 Jahren. Für sämtliche Jahrgänge (1920–1935) lauten die Zahlen ähnlich: 23,4, 19,6 und 23,3–25,7.

Der Beginn war überwiegend — in 8 Fällen — chleichend, nur bei 5 Kranken brach die Psychose plötzlich aus, dazwischen standen 6, deren Krankheit sich in wenigen Wochen entwickelte. Durch die Beobachtungen von 1920–1925 würden sich der stürmische Beginn auf 7 Fälle, die langsameren Entwicklungen auf 36 Fälle erhöhen.

Der Verlauf war meistens stetig fortschreitend (11 Fälle), 5 Kranke hatten in den ersten Jahren geringe Teilremissionen, 2 Kranke besserten sich nach längerem Krankheitsverlauf soweit, daß sie im Anstaltsbetriebe als gute Arbeiter galten, 1 Kranker konnte gebessert im freien Leben wieder einen Arbeitsplatz ausfüllen. Beide Jahresreihen zusammengefaßt ergaben 32 stetig fortschreitende Verläufe, 8 leichte und vorübergehende Teilremissionen und 3 gute und dauerhafte Besserungen.

Unter den seelischen Veranlagungen überwogen die Ungeselligen (10) gegenüber den Erregbaren (3) und den Hysterischen (2). Bei 4 Kranken lagen keine entsprechenden Angaben vor. Nimmt man die Beobachtungen von 1920–1925 hinzu, so steigen die Ungeselligen auf 16, die Erregbaren auf 9, dazu 3 Stumpfe bzw. auffällig Ruhige und 3 Syntone.

Begabungen und Schulleistungen waren 6 mal gut und ebenso oft schlecht, 3 mal mittelmäßig. 1920–1925 waren die mittelmäßigen Schulleistungen häufiger (9), so daß sich für das ganze Krankengut die Unterschiede ausgleichen (13∶12∶12).

4 Kranke hatten keinen Beruf gelernt, 6 waren Arbeiter und Dienstboten, 8 Handwerker oder kaufmännische Angestellte, als Anwärterin auf einen höheren Beruf wurde nur 1 Studentin gezählt. Mit Einschluß der Berufsverteilung 1920–1925 würden diese Zahlen in gleicher Reihenfolge 10, 15, 13, 5 lauten und das gleiche Übergewicht der Arbeiter und Dienstboten zeigen.

Körperbaulich überwogen die Leptosomen mit 5. 3 Kranke waren athletisch, 1 dysplastisch, pyknische Formen wurden vermißt. Bei 10 Kranken war über den Körperbau nichts vermerkt. Für die Gesamtheit der Hebephrenien von 1920–1935 ergeben sich 9 Leptosome, 5 Athleten, 4 Dysplastische und 1 Pykniker. Auch unter den Mischtypen standen die Leptosomen an erster Stelle.

In erblicher Hinsicht fehlten Psychosen bei Eltern und Geschwistern, fanden sich aber bei 4 Kranken in der weiteren Verwandtschaft. Psychopathische Persönlichkeiten waren, wie auch in der ersten Untersuchungsreihe häufiger, 4 in der engeren und 1 in der weiteren Verwandtschaft. Schwachsinn lag bei der Mutter und der Schwester von je 1 Kranken vor, 1 mal in der weiteren Verwandtschaft.

Von den einzelnen Hebephrenieformen war — beide Untersuchungsreihen zusammengerechnet — die apathische Hebephrenie mit 5 Psychosen in ihren Sippen am stärksten belastet, danach die läppische Hebephrenie mit 3 Psychosen, es folgten die kombinierten Formen mit 2 und die autistische mit 1 Psychose.

Klinische Besonderheiten boten von den 3 läppischen Hebephrenen 1 schon mit 131/2 Jahren erkrankte Debile, die innerhalb von 4 Jahren einen schweren Defektzustand erreichte. Von den 7 depressiven Hebephrenen begannen 3 mit hochgradigen ängstlichen Erregungszuständen. Verschrobenheiten fehlten bei 1 Kranken. Erhebliche diagnostische Schwierigkeiten bereitete 1 depressive Hebephrenie mit hysterischer Veranlagung, sexueller Frühreife und Haltlosigkeit, deren Krankheit mit Angst, hypochondrischen Sensationen und Eigenbeziehungen begann und später eine unzufriedene und nörgelnde Haltung mit zahlreichen Verschrobenheiten entwickelte. Aus den 4 apathischen Hebephrenen hob sich 1 Kranker dadurch heraus, daß die bei dieser Form häufigen kurzen Erregungszustände zurücktraten gegen ein fast dauerndes Stimmenhören mit überwiegend erotischen und expansiven Inhalten. Von den beiden autistischen Hebephrenen begann der eine ebenfalls mit einem expansiven Zustande, der sich innerhalb von 6 Jahren zurückbildete und einen hochgradigen Autismus übrig ließ. Patient konnte wieder in seinem Berufe arbeiten.

3 Fälle von kombinierten Hebephrenien stellten Verbindungen der läppischen mit der depressiven, apathischen und autistischen Form dar. Bei der läppisch-depressiven und der läppisch-autistischen Kranken traten neben der sonst bei Hebephrenen überwiegenden alogischen Denkstörung Paralogien und Inkohärenz auf, so daß die Krankheitsbilder einer verworrenen Schizophrenie ähnelten.

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Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Stifterverbandes derselben.

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Kleist, K., Faust, E. & Schürmann, C. Weitere klinisch-katamnestische Untersuchungen an Hebephrenien. Arch. F. Psychiatr. U. Z. Neur. 200, 541–566 (1960). https://doi.org/10.1007/BF00418566

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