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Das Wesen des Rhythmus im Experiment an Gehörlosen und Normalsinnigen

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Zusammenfassung

Es wurden 50 gehörlose und 20 normalsinnige Versuchspersonen im Alter von 6–17 Jahren unter vergleichbaren Bedingungen auf ihre Fähigkeit untersucht, optisch, vibratorisch und akustisch vorgegebene Rhythmen mit und ohne Möglichkeit einer sensorischen Kontrolle zu reproduzieren. Die vorgegebenen und reproduzierten Rhythmen wurden kymographisch registriert, ausgemessen und in Verbindung mit den Ergebnissen einer klinischen Untersuchung der Taubstummen nach statistischen Methoden ausgewertet. Weitere Untersuchungen erstreckten sich auf die Form der Streuung, der die Reproduktion einer einfachen Schlagfolge unterworfen ist, sowie auf die Beziehungen zwischen vorgegebenen und reproduzierten Zeitstrecken in Abhängigkeit von der Länge dieser Zeitstrecken.

Es konnte folgendes festgestellt werden:

  1. 1.

    Gehörlose stehen in ihren rhythmischen Fähigkeiten den Hörenden in nichts nach.

  2. 2.

    Die Cochlearis- und Vestibularisfunktionen haben auf diese Fähigkeiten sicher keinen Einfluß.

  3. 3.

    Das Gehör ist unter vergleichbaren Versuchsbedingungen in der Perzeption rhythmischer Reize den anderen Sinnesorganen nicht infolge einer besonderen Organleistung überlegen, sondern seine Vormachtstellung liegt in den Besonderheiten akustischer Phänomene begründet.

  4. 4.

    Die Rhyhtmus-Produktion als aktive Leistung ist nicht auf eine Kontrolle im Sinne einer reafferenten Steuerung durch die großen Sinnesorgane angewiesen.

  5. 5.

    Differenziertere Rhythmen können von Normalsinnigen erst jenseits des 6.–7. Lebensjahres, von Taubstummen jenseits des 10.–11. Lebensjahres wiedergegeben werden; jüngere Versuchspersonen produzieren nur gleichmäßige Schlagfolgen.

  6. 6.

    Die freie Reproduktion einer einfachen Schlagfolge zeigt eine völlig unregelmäßige, rein statistische Streuung; beim Bestreben, die eigene Impulsfolge einer objektiven, simultan dargebotenen anzugleichen, tritt dagegen eine geregelte sinusähnliche Streuung auf.

  7. 7.

    Zeitstrecken können nur bis zu einer Länge von 1,4–1,5 sec als Zeitganzes aufgefaßt und reproduziert werden, größere Strecken werden dagegen durch Summation von Zeitteilen abgegrenzt.

  8. 8.

    Für das Zeit- und Rhythmus-Empfinden sind alle bewußt ablaufenden Vorgänge äquivalent.

Es wird versucht, die hier gewonnenen sowie die in der Literatur beschriebenen Ergebnisse durch eine Theorie über das Wesen des Rhythmus zusammenzufassen. Danach ist das Rhythmus-Empfinden gebunden an das intensive, primäre Zeiterleben kleiner Zeitabschnitte, das durch den initialen Intensitätsabfall der nach einer e-Funktion abblassenden Engramme, gleichgültig welcher Herkunft, hervorgerufen wird. Rhythmus selbst wird angesehen als eine Zusammenordnung von Engrammen, die durch die Relation ihres verschiedengradigen Intensitätsabfalles gegenseitig determiniert sind.

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Feldmann, H. Das Wesen des Rhythmus im Experiment an Gehörlosen und Normalsinnigen. Archiv für Psychiatrie und Zeitschrift Neurologie 194, 36–61 (1955). https://doi.org/10.1007/BF00392348

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