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Über die aufnahme, chemische umsetzung und ausscheidung des schwefelkohlenstoffes durch den menschlichen körper

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Zusammenfassung

Beim Einatmen CS2-haltiger Luft wurde die Absorption des CS2 in der Lunge aus dem Unterschied der CS2-Gehalte in der Ein- und Ausatmungsluft bestimmt. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß zu Beginn die CS2-Konzentration in der Ausatmungsluft verhältnismäßig sehr gering ist, weniger durch Absorption, sondern hauptsächlich durch Verdünnung mit der Lungenluft. Bei fortlaufender Einatmung steigt durch den Austausch der Lungenluft gegen die Außenluft der CS2-Gehalt der Lungenluft schnell an, bis nach einigen Minuten ein Gleichgewichtszustand erreicht wird. Dieser Anstieg oder der Abfall beim Ausatmen des CS2 der Lungenluft verlaufen nach einer geometrischen Reihe.

Bei jedem Atemzug löst das Blut CS2 bis zu seiner physikalischen Sättigung, wobei sich der CS2 ständig in charakteristischem Verhältnis zwischen Lungenluft und Blut verteilt. Der im Blut gelöste CS2 wird an die Körperorgane und -gewebe weitergegeben, bis sich auch diese nach etwa 5 Std physikalisch sättigen. Die Aufnahme des CS2 aus der Lufterfolgt proportional der Konzentration in der Luft.

Bei zunehmender Sattigung des Körpers mit CS2 sinkt die durch das Blut aufgenommene CS2-Menge nach einer Exponentialfunktion auf einen nach etwa 5 Std konstant bleibenden Grenzwert.Gleichzeitig wird der eingeatmete CS2 proportional der Konzentration im arteriellen Blut zuerst teilweise, nach physikahscher Sättigung des Körpers mit CS2 völlig in Körperorganen und in geringen Mengen im Blut chemisch umgesetzt.

Auf Grunt dieser Gesetzmäßigkeiten wurden Formeln abgeleitet, die der Berechnung sowohl der Aufnahme des CS2 im arteriellen und venösen Blut, als auch der Gesamtaufnahme durch den Körper dienen. Der Proportionalitätsfaktor zur Berechnung der chemischen Umsetzung wurde ermittelt.

Nach Beendigung der Einatmung von CS2 verschwindet der im Körper physikalisch gelöste CS2 auf zwei Wegen. Er wird als freier CS2 nach einer Exponentialfunktion, möglicherweise in zwei Abschnitten mit verschiedener Geschwindigkeit ausgeatmet; zu Beginn des ersten Abschnittes wird die Abgabe durch den wenige Minuten dauernden Ausstoß des in der Lungenluft vorhandenen und von den Wänden der oberen Atemwege abgegebenen CS2 überlagert. Gleichzeitig wird nach der gleichen Gesetzmäßigkeit wie bei der CS2-Aufnahme ein Teil des CS2 im Blut und in den Organen chemisch umgesetzt.

Aus Befunden kann man schließen, daß der in Organen chemisch umgesetzte CS2 zu einem nennenswerten Teil in Dithiocarbamidsäuren überführt wird, die dort zunächst fixiert werden und daher schwerer zuganghch sind. Da sie aber leichter oxydabel als CS2 sind, ist es nicht ausgeschlossen, daß sie allmählich zu Sulfat abgebaut werden.

Die Aufnahme von CS2 kann man am leichtesten im Harn nachweisen. Der CS2-Gehalt des Harns am Schluß der Arbeitszeit nahm bei den untersuchten Betriebsarbeitern von 1956–1960 fortlaufend ab. Das ist auf die verbesserten Arbeitsbedingungen zurückzuführen. Versuchspersonen, die sich 5 Std lang in einem Raum mit Luft von verschiedenem, aber jeweils konstantem CS2-Gehalt aufgehalten hatten, wiesen nach 17 stündiger Erholung im Harn durchschnittlich 30% Restgehalt CS2 auf. Bei Betriebsarbeitern sank dieser Restgehalt im Laufe der Jahre von 28 auf 18%.

Auf Grund der für den Sättigungs- und Entsättigungsabschnitt aufgestellten Formeln werden unter Annahme von „Normalbedingungen” die vom Körper aufgenommenen, chemisch umgesetzten und abgegebenen Mengen zahlenmäßig berechnet und mit Ergebnissen anderer Forscher kritisch verglichen.

Aus der Bilanz der aufgenommenen, chemisch umgesetzten und ausgeschiedenen Mengen CS2 ergibt sich unter Berücksichtigung der Literaturangaben, daß bei weniger exponierten Betriebsarbeitern nach 16 Std Erholungszeit der freie CS2 vor Beginn der neuen Arbeitsschicht weitgehend ausgeschieden ist. Die Umsetzungsprodukte sind schwer zu erfassen, so daß man sich über die Höhe der ausgeschiedenen Mengen nur ein unvollständiges Bild machen kann. Die beim CS2 gewonnenen Erkenntnisse kann man zweifelsohne bei der Aufklärung der Mechanismen der Aufnahme, chemischen Umsetzung und Abgabe anderer Gase oder Dämpfe vorteilhaft verwenden.

Der menschliche Organismus hat sich den natürlichen Bedingungen angepaßt. Die Medizin hat im Laufe der Zeit reiche Erfahrungen über die Reaktionsweisen des Organismus unter natürlichen Umweltbedingungen gesammelt. Im Zeitalter der modernen Zivilisation steht der Mensch unter dem Einfluß völlig neuer Umweltbedingungen, vor allem auch bei der Arbeit, die neuartige Gefahren für die Gesundheit birgt. Es genügt nicht mehr, die Gefahren mit den fünf menschlichen Sinnen feststellen zu wollen. Man muß sich wissenschaftlicher Methoden und technischer Hilfsmittel bedienen, um Gefahrenquellen zu erkennen und Schäden vorzubeugen. Für den Arzt ist es notwendig, daß er auftretende Krankheitssymptome auf natürliche oder künstliche Umweltfaktoren zurückführen kann. Diese Aufklärungsarbeit kann nur gemeistert werden, wenn der Arzt mit Vertretern anderer geeigneter Fachrichtungen ständig zusammenarbeitet.

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Demus, H. Über die aufnahme, chemische umsetzung und ausscheidung des schwefelkohlenstoffes durch den menschlichen körper. Int. Arch. Gewerbepath. Gewerbehyg. 20, 507–536 (1964). https://doi.org/10.1007/BF00389618

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