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Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten

, Volume 205, Issue 6, pp 687–716 | Cite as

Das Einschlaferleben und seine neurophysiologischen Korrelate

  • Wolfgang Kuhlo
  • Dietrich Lehmann
Article

Zusammenfassung

42 Einschlafversuche bei 21 gesunden Vpn. wurden 36 mal mit dem EEG und 30 mal mit den Augenbewegungen registriert. Die Vpn. konnten subjektiv bemerkte Bewusstseinsveränderungen im Einschlafstadium signalisieren und Einschlaferlebnisse auf Tonband sprechen. Die Untersuchungen wurden durch systematische Weckversuche ergänzt.
  1. 1.

    Beim Einschlafen, auch bei kurz dauernder Bewusstseinsveränderung vor dem eigentlichen Schlaf, fand sich immer eine leichte Verlangsamung des EEG-Grundrhythmus. Eine solche α-Verlangsamung occipital kann mit und ohne Abflachung (B-Stadium) auftreten. Langsamere α-Wellen fronto-parietal können schon früher bei Ermüdung auftreten.

     
  2. 2.

    Im Einschlafstadium besteht eine enge Korrelation zwischen EEG-Veränderung und subjektiv bemerkbarer Bewusstseinstrübung. Eine geübte Vp. war in der Lage, α-Verlangsamungen von 10% des Grundrhythmus und 1,5 sec Dauer in 80% innerhalb einer Serie richtig als „Einschlafen“ oder kurzes „Wegsein“ (floating) zu signalisieren.

     
  3. 3.

    Im Einschlafstadium (B-Stadium des Schlaf-EEG) entstehen langsame, konjugierte horizontale Augenbewegungen mit einer Frequenz von ca. 0,2–0,6/sec und 20–60 Grad Blickwinkel. Diese werden als Eigenrhythmik des Hirnstamms gedeutet, der im Einschlafen von höheren, die intentionale Blickmotorik regelnden Funktionen frei wird. Schnelle Augenbewegungen mit einer Frequenz von 5–10/sec und allen Richtungskomponenten wie sie im paradoxen Schlafstadium (= Traumstadium des Schlaf-EEG) beschrieben wurden, konnten in Einschlafstadien nicht registriert werden.

     
  4. 4.

    15 unserer 21 Vpn. berichteten über hypnagoge Halluzinationen (h. H.) mit flüchtigen optischen oder akustischen Sinnesphänomenen. Das Auftreten von typischen h. H. ist an Bewusstseinsveränderungen gebunden. Sie wurden von den Vpn. nur dann mitgeteilt, wenn EEG-Veränderungen vorausgegangen waren.

     
  5. 5.

    Phantastische Gesichtserscheinungen (Müller25) wurden nur von zwei Vpn. berichtet. Sie erscheinen vor den h. H. meistens bei noch erhaltenem Wach-EEG, können aber in h. H. übergehen. Sie unterscheiden sich von h. H. durch ihre Eindrücklichkeit, Komplexheit und stärkere affektive Tönung. Sie werden durch Einschlafveränderungen unterbrochen. Im Gegensatz zu Traumhalluzinationen oder h.H. sind die phantastischen Gesichtserscheinungen nicht mit raschen oder langsamen Augenbewegungen korreliert.

     
  6. 6.

    Hypnagoge Halluzinationen unterscheiden sich durch affektive Indifferenz, mangelnde Ordnung und fragmentarische Sinneselemente von Träumen. H.H. haben lediglich Bildcharakter im Gegensatz zum wirklichkeitsähnlichen Charakter der Trauminhalte. Das Subjekt bleibt den h.H. gegenüber unbeteiligter Zuschauer (nicht Akteur), d. h. erlebt sich nicht leiblich handelnd.

     
  7. 7.

    Schwindelerlebnisse und Störungen des Leibbewusstseins im Einschlafen entsprechen dem Bewusstseinszerfall und dem Standortverlust gegenüber den sich verwirrenden Einschlafgedanken und hypnagogen Halluzinationen.

     
  8. 8.

    In Anlehnung an frühere Autoren wird das Einschlafen als eine Umschalt- und Desintegrationsphase mit einer vorübergehenden Verselbständigung neurophysislogischer Einzelfunktionen bezeichnet, der auf psychologischer Ebene eine Auflösung komplexer Leistungen (wie Bewusstsein, Wahrnehmen, Denken) entspricht.

     

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Copyright information

© Springer-Verlag 1964

Authors and Affiliations

  • Wolfgang Kuhlo
    • 1
  • Dietrich Lehmann
    • 1
    • 2
  1. 1.Aus der Abteilung für Klinische Neurophysiologie der Universität Freiburg i. Br.Deutschland
  2. 2.California Inst. of TechnologyPasadenaUSA

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