Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten

, Volume 192, Issue 6, pp 573–590

Psychopathologische Wirkungen des Phenothiazinderivates „Largactil“ (=„Megaphen“) im Selbstversuch und bei Kranken

  • Klaus Ernst
Article

Zusammenfassung

  1. 1.

    Das Phenothiazinderivat Largactil wurde im Selbstversuch und bei einer weiteren gesunden Versuchsperson sowie bei 40 Kurpatienten auf seine subjektiven und objektiven psychopathologischen Wirkungen untersucht. Die Versuche bei Gesunden ahmten in Applikationsform und Dosierung die Kur an Psychotischen nach und wurden nach dem Abklingen der initialen Schlafphase bis in den Beginn des Dauerstadiums geführt.

     
  2. 2.

    Unter den vegetativen Nebenwirkungen wird die Trockenheit der oberen Luftwege am störendsten empfunden. Sie komplizierte sich bei 8 Patienten und in beiden Selbstversuchen mit subjektiver Dyspnoe.

     
  3. 3.

    Von neurologischen Symptomen fanden wir in 8 Fällen Tremor und in 13 Fällen eine klossige Sprache. Die Sprachstörung steigerte sich im Versuch bei einer Gesunden bei längerem Sprechen bis zur Sprechunmöglichkeit. Im gleichen Versuch wurden auch choreiforme Koordinationsstörungen beobachtet. — Bei hoher Dosierung können vollständige Parkinson-Bilder auftreten.

     
  4. 4.

    Der Schlaf gleicht auch während der Initialphase in Einschlafbewegungen, Stellung, periodischem Lagewechsel, Weckbarkeit und Erlebnis dem Normalschlaf. Hierin besteht ein Unterschied zu den bisher gebräuchlichen Sedativa (Barbiturate, Scopolamin).

     
  5. 5.

    Derselbe Unterschied äußert sich auch im Wachzustand: Anzeichen einer Trübung des Bewuβtseins oder formale Veränderungen des Gedankenganges fehlen sowohl klinisch wie in Testversuchen.

     
  6. 6.

    Die Wirkung auf die Stimmung und das Antriebsleben besteht vor allem in einer Apathisierung. Bei gesunden Versuchspersonen kann es zum drastischen Persönlichkeitsabbau mit Verlust von Interessen, Humor, affektiver Kontaktfähigkeit und Dezenz kommen. Die Verarmung der Affektivität zeigt sich auch in den psychodiagnostischen Tests.

     
  7. 7.

    Ein Süchtiger und eine Neurotica erlebten im Gegensatz zu den beiden gesunden Versuchspersonen eine Euphorisierung. Im Zusammenhang damit muß die Frage der Suchtgefahr bei disponierten Individuen bejaht werden.

     
  8. 8.

    Bei 3 depressiven Psychosen beobachteten wir einen tiefgreifenden Stimmungsumschwung, der über die Euphorisierung gewisser Nicht-Psychotischer oder gar die bloße Apathisierung hinauszugehen schien. Wie bei anderen Behandlungsverfahren scheinen auch hier um so eingriefendere Umstimmungen möglich (aber nicht gewährleistet), je stärker die Ausgangsstimmung alteriert ist.

     
  9. 9.

    Die Form des Gedankenganges (z. B. manische Ideenflucht, schizophrene Zerfahrenheit) verhielt sich gegen die Therapie viel resistenter als die Stimmung (z. B. manische Betriebsamkeit oder schizophrene Wahnstimmung) — ebenfalls entsprechend den Erfahrungen bei andern körperlichen Behandlungsmethoden.

     
  10. 10.

    Bei 12 Wahn- und Halluzinosekranken trat eine auffällige innere Distanzierung vom weiterbestehenden psychotischen Erleben ein, vergleichbar derjenigen von Leukotomierten.

     
  11. 11.

    Sowohl bei der gesunden Versuchsperson wie bei 8 Patienten waren die Träume deutlich vermehrt und lebhafter, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der geringeren Schlaftiefe tagsüber. Die Trauminhalte lassen uns das Weiterwirken der persönlichen Problematik deutlicher erkennen als die gedämpfte Stimmungslage des Wachzustandes.

     
  12. 12.

    Ein der gleichzeitigen umfassenden Apathie und Trägheit lästig widersprechendes triebhaftes Unrastgefühl mit Bewegungsdrang trat sowohl im Selbstversuch wie bei 11 Patienten auf.

     
  13. 13.

    Die geschilderten Veränderungen der Stimmung und des Antriebslebens, die hauptsächlich in einer Dämpfung (Apathisierung), zum Teil aber auch in einer paradoxen Anregung (Unrastgefühl mit Bewegungsdrang) bestehen, werden zur Hauptsache als hirnlokales Psychosyndrom aufgefaßt. — Das Neuartige in der Wirkung des Medikamentes besteht in der raschen und reversiblen Erzeugung dieses Bildes, das uns bisher nur vom chronischen umschriebenen Hirnschaden sowie vom endokrinen Psychosyndrom geläufig war. — Auch von der körperlichen Seite her weisen die extrapyramidalen Symptome auf eine hirnlokale Aktivität des Stoffes.

     
  14. 14.

    Die Möglichkeit des Zusammenwirkens der Largactilkur mit der Arbeitstherapie und der Psychotherapie ist gegeben.

     

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Copyright information

© Springer-Verlag 1954

Authors and Affiliations

  • Klaus Ernst
    • 1
  1. 1.Aus der Psychiatrischen Universitätsklinik BurghölzliZürich

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